Neonazis „outen“ langjährige Hochschulpolitiker

„Ein Outing funktioniert nur, wenn Menschen sich hinter ihren bürgerlichen Fassaden verstecken und mit ihren Werten und Normen nicht öffentlich auftreten. Ein Outing ist sinnlos bei Menschen, die seit Jahren (hochschul-)politisch aktiv sind, Vertreter des StuPa sind beziehungsweise waren und wenn ihr antifaschistisches Engagement in der Stadt bekannt ist.“

Flugblatt von Neonazis, um linke Studenten zu outen

Mit diesen Worten reagierte die Linksjugend [‚SDS] Greifswald auf das von Neonazis verantwortete Outing zweier Mitglieder, die heute durch eine Flugblattaktion in ihrem Wohnumfeld diskreditiert werden sollten. Offenbar kratzten die Neonazis schon im Vorfeld antifaschistische Aufkleber zusammen und verteilten diese im Hausflur der beiden Hochschulpolitiker Martin Grimm und Marvin Hopf. Die umliegenden Briefkästen wurden mit Flyern bestückt, die die Nachbarn über den hochschulpolitischen Hintergrund der beiden Hausbewohner „aufklären“ sollten. Nicht die Neonazis seien für die im Hausflur verteilten Aufkleber verantwortlich, sondern die beiden Studierenden, die schon seit mehreren Legislaturen im Studierendenparlament sitzen und sich sowohl innerhalb als auch außerhalb der Hochschule politisch engagieren.

(Flugblatt: „Freie Kräfte Greifswald“)

„DIE BEIDEN HABEN DEN ABFALL VERTEILT, ALSO SOLLTEN SIE IHN AUCH WIEDER BESEITIGEN!“ 

Die Neonazis, die einmal mehr unter dem Label Freie Kräfte Greifswald auftraten, behaupteten in ihrem Flugblatt, dass die beiden SDSler ihre eigenen Forderungen nach mehr Umweltschutz durch das Verkleben von antifaschistischen Stickern unterlaufen würden. Für die Verbreitung der Aufkleber seien „mitunter Marvin Hopf und Martin Grimm“ verantwortlich gewesen. Ein Wunder, dass bei dieser Gelegenheit nicht auch gleich andere Genossen des SDS, die vergleichbar bekannt, engagiert und positioniert sind, haltlos beschuldigt wurden!

SDS Greifswald(SDS-Werbung für die Gremienwahlen 2012)

In einer Pressemitteilung erklärte der SDS heute Nachmittag, dass man die Aktion als Einschüchterungsversuch werte und bei der Polizei zur Anzeige gebracht hätte. Dabei wird auch auf den Fall des Neonazi-Kaders Marcus G. Bezug genommen, der während einer Vorlesung in der Universität geoutet wurde. Der Student der Politikwissenschaften hielt tatsächlich lange eine bürgerliche Fassade aufrecht und verbarg seine rechtsextreme Einstellung. Das reichte so weit, dass er versuchte, das städtische Bündnis zu infiltrieren, welches sich im Vorfeld der NPD-Demonstration am 1. Mai 2011 formierte.
Werbung

Im Unterschied zu Marcus G., dessen Bekanntheitsgrad durch sein Outing im November 2011 erheblich gewachsen ist, müssen sich jedoch weder Grimm noch Hopf vor Gericht wegen Körperverletzung verantworten. Als (hochschul-)politische Aktivisten scheuen sie die Öffentlichkeit ohnehin nicht, ganz im Gegenteil. Und trotzdem ist diese Aktion — so infantil sie sich auf den ersten Blick auch anfühlen mag — natürlich ein Angriff auf das Privatleben der beiden Studierenden.

Die Pressemitteilung des SDS endet mit der Ankündigung, sich nicht von solchen Drohgebärden einschüchtern zu lassen und das Engagement gegen Rassismus und Faschismus in Greifswald fortzusetzen — es gibt offensichtlich noch genug zu tun!

Reklame

6 Gedanken zu „Neonazis „outen“ langjährige Hochschulpolitiker

  1. Ich habe irgendwie die Vorgeschichte nicht verstanden.

    Was für Aufkleber haben die beiden denn „verteilt“ und ist mit „Verteilen“ aufkleben gemeint oder in Briefkästen stecken oder irgendwo hinlegen?

    1. Die Neonazis behaupten, dass die beiden SDS-Mitglieder für das Verkleben von SDS-Aufklebern verantwortlich seien. Deswegen haben sie an ihrer Wohnadresse abgekratzte Aufkleber im Flur verteilt (im Sinne von hingeworfen) und die Briefkästen mit dem abgebildeten Flugblatt gefüllt.

  2. Ich finds richtig gut! Diese ganzen Aufkleber mit Hetz- und Gewaltparolen („XY zerschlagen“, „Kein Ort für XY“, „XY raus“ usw) verschandeln das ganze Stadtbild. Sollte solche Aktionen öfters geben!

    1. Ooooch, das arme arme Stadtbild.
      Seit wann ist „Kein Ort für Neonazis“ oder „Nazis raus“ eine Hetz- bzw Gewaltparole?
      Aber ja hast Recht, die Relationen sprechen für sich. Krass gefährliche Aufkleber auf der einen gegen liebenswerte Schmuse-Nazis auf der anderen Seite.

      PS: Halt’s Maul!

  3. Die Darstellung der beiden SDS-Mitglieder mit umgehängten Schmähschildern weckt Assoziationen zu dieser bekannten antisemitischen SA-Aktion:
    [http://juden-in-cuxhaven.jimdo.com/juden-in-cuxhaven/das-bild-rassenschande-in-cuxhaven/]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.