Pegida, besorgte Bürger, FFDG und das Versagen des Bildungsbürgertums und der gesellschaftlichen Mitte

Ein Debattenbeitrag von André Carls

Am Montag marschieren sie wieder: Pegida, AfD, NPD und die besorgten Bürger. Wir regen uns — zu Recht — wieder darüber auf, dass sie marschieren und trotzdem wissen wir, dass wir derzeit nur ohnmächtig zuschauen: wohlwissend, dass die Menschen, die dort mitlaufen, Unrecht haben, plumpen Parolen folgen und einer irrationalen Angst vor der Überfremdung anhängen. Versuche, den Parolen mit Fakten Einhalt zu gebieten, gab es (FAQ für besorgte Bürger) und gibt es noch und nöcher (BAMF). Doch offenbar fruchten sie nicht wirklich oder werden nur von denen gelesen, die ohnehin über die Fakten im Bilde sind. Zeit also, abseits von „Lügenpressenschemata“ ernsthaft danach zu fragen, warum die besorgten Bürger immer mehr werden, der Zulauf stetig steigt, die Sympathien für Pegida und Co. immer weiter um sich greifen und die Versuche der Aufklärung allesamt fehlzuschlagen scheinen. Eine Polemik.

Filterblasen als Produkt der Entsolidarisierung

Einen der wenigen brauchbaren Ansätze zur Erklärung liefern derzeit die NachDenkSeiten, in denen Jens Berger die Resistenz gegen die Aufklärung in der Entstehung von Filterblasen sieht. Der Beschreibung des Phänomens stimme ich vollkommen zu, allerdings greift auch sie in der Ursachenanalyse deutlich zu kurz. Die in sozialen Netzwerken entstandenen Filterblasen spiegeln zu großen Teilen das real existierende Netzwerk an Personen und Kontakten wider, die eine Person umgeben und umgeben haben. Die Filterblasen, die wir online sehen können, sind also eine Repräsentation der realen Welt, in der die Nutzer leben.

Phasentrennung Wasser Oel (Bild: André Carls)

Und an dieser Stelle wird es unbequem — unbequem vor allem für die Oberschicht, unbequem vor allem für das Bildungsbürgertum, unbequem vor allem für die Mittelschicht. Kurz: für alle, die sich in den letzten Jahren stillschweigend mit den Schichten unterhalb der eigenen, insbesondere aber mit der Unterschicht, entsolidarisiert haben. Und das trifft in der Breite ausnahmslos für alle genannten Schichten zu. Sie sind die wesentliche Ursache für die Entstehung der Filterblasen und deren enorme Oberflächenspannung, den ungeheuren Widerstand gegenüber konträren Fakten, die in diese hineingestreut werden. Was wir derzeit online und an den Stammtischen erleben, ist die direkte Konsequenz daraus, dass wir jahrelang zugelassen und zugesehen haben, dass es eine Abstimmung mit den Füßen gab, bei der ein Großteil des „Wahlvolkes“ beinamputiert zurückgelassen wurde. Die Wahrheit ist so erdrückend einfach wie schwer verdaulich: Ghettos und damit auch Filterblasen werden nicht von denen gemacht, die dort wohnen, sondern von denen, die dort wegziehen und entfreunden. Die Filterblasen, die wir beobachten, sind lediglich die Netzwerkrepräsentation der Lebensrealitäten aller Schichten.

Wir zogen in die „besseren Viertel“, wohlwissend, dass die Zurückgebliebenen uns nicht folgen werden, weil Sie aus ökonomischen Gründen nicht können. Klammheimlich haben auch wir den Strich gezogen zwischen denen und uns. Anstatt dagegen zu halten, haben wir mitgemacht bei der Trennung nach Einkommen, die zugleich auch eine Trennung nach sozioökonomischem Status und Bildung darstellt. Wir haben die verlockenden Angebote angenommen. Wir haben nicht gefragt, auf wessen Kosten das alles gehen wird. Warum? Weil wir uns nicht mehr mit den „einfachen Leuten“ abgeben und auseinandersetzen wollten? Weil es uns zu mühselig war? Weil man sich die Frage hätte stellen müssen, ob vielleicht doch nicht jeder Arbeit bekommen könnte, der wollte. Und ob wirklich alles in Ordnung ist im Muttiland. Vielleicht, weil wir wollten, dass unsere Kinder dort in die „bessere Kita“ kommen und später an „die besseren Schulen“ — die ohne Problemkinder, egal, ob mit Migrationshintergrund oder deutschem Unterschichtenstatus. Und dann war da noch dieses schöne Gefühl, auch endlich dazuzugehören, zu denen, die auf der schönen Seite leben. Be a winner! Wir haben uns da rausgekauft, anstatt dafür zu kämpfen, dass Schönwalde ein menschenwürdiger und lebenswerter Ort wird. Wir haben nicht gefordert, dass die Häuser dort zurückgebaut werden. Wir haben nicht gefordert, dass die Leute dort wieder in kleinräumlichen Strukturen leben, ähnlich wie in der Stadt. Wir gingen einfach, es war so viel einfacher.

Katzenjammer allerorten

Es erinnert also in gewisser Hinsicht schon an Katzengejammer, wenn nun allerorten beklagt wird, dass die Menschen, die Pegida und Co. hinterherlaufen, keinem mehr zuhören und Glauben schenken. Wie auch, ein Korrektiv aus Menschen denen sie vertrauen und die ihnen eine andere Perspektive eröffnen könnten und wollten, lebt dort schlicht nicht mehr. Auch im Alltag ergeben sich, durch die weitestgehend abgeschlossene Trennung der Kinder nach sozioökonomischem Status in den Kitas und Schulen, kaum noch Schnittmengen der gesellschaftlichen Schichten untereinander, die eine offene Diskussion verschiedener Meinungen und Sichtweisen befördern. Und so muss auch die unbequeme Frage in den Raum gestellt werden: Wer war und wer ist jetzt intolerant? Die oder wir? Oder gar beide, auf ihre eigene Art und Weise?

ffdg hetze fake merkelFFDG-Stimmungsmache bei Facebook mit gefälschten Zitaten nach den Anschlägen von Paris, mehr zum Hintergrund dieses Fakes bei Mimikama (Screenshot: Facebook)

Die Ungläubigkeit über die Wut auf die Gutmenschen

Und noch etwas lässt viele mit Erstaunen und ungläubig zurück: der teilweise offene Hass auf die, die helfen wollen. Auch dieser ist eng mit der Segregation verknüpft. Denn sind wir ehrlich, dezentrale Unterbringung hin oder her, die Innenstadt, die Fleischervorstadt, das „Westend“, das Ostseeviertel Parkseite, Eldena und Wieck werden kaum davon betroffen sein. Es ist aber diese gefühlte Abwälzung aller derzeitigen Probleme auf die, die ohnehin schon bis zum Halse in Problemen stecken oder sich kurz davor wähnen, und das scheinbar sichere Wissen darum, dass alle anderen nicht das tägliche zähe Ringen um Integration durchstehen müssen, weil sie einfach keine täglichen Berührungspunkte mit den zu integrierenden Menschen haben, die zu dieser Überreaktion führen. Denn im Gegensatz zu all denen, die in den besseren Vierteln der Stadt wohnen, können sich die Bewohner dort nicht aussuchen, wie viel Flüchtling und Integration sie sich von Tag zu Tag zumuten können und wollen. Wir können das und wir tun das. Das ist unsere Heuchelei, wir sollten damit aufhören.

Letzte Chance

Eine letzte Chance bleibt aber noch — vorausgesetzt, wir sind lernfähig. Wir müssen endlich aufhören, uns räumlich voneinander abzugrenzen. Gelebte Toleranz ist eben das gemeinsame Leben mit Menschen mit geringerem sozioökonomischem Status als dem eigenen oder mit Flüchtlingen in der „direkten“ Nachbarschaft. Die dezentrale Unterbringung von Flüchtlingen muss also deutlich ausgeweitet werden, auch auf die Stadtteile, die bisher kein neues Zuhause für Flüchtlinge darstellten. Nur so können wir Glaubwürdigkeit zurückgewinnen. Genauso wichtig ist es aber auch, die sozioökonomischen Barrieren auf dem Wohnungsmarkt aufzubrechen. In jedem Greifswalder Mietshaus muss es in Zukunft auch einen Anteil an Wohnungen für Menschen geben, die keine Miete von mehr als 6 €/m² kalt zahlen können. Wir müssen denen, die wir zurückließen, wieder ermöglichen, unsere Nachbarn zu werden. Nur so können wir „neu lernen“, einander wieder verstehen, Diversität in die Weltbilder und geschlossene Filterblasen zum Platzen bringen.

Flüchtlingskinder müssen in ausgewogener Anzahl an allen Greifswalder Schulen einen festen Platz finden, ebenso wie Kinder aus Familien mit problematischem sozialen Hintergrund. Wir können und dürfen uns nicht länger einigeln und die Augen vor den Problemen der Anderen verschließen, denn das ist es, was uns derzeit auf die Füße fällt. Kurz: Schulen und Kitas müssen wieder repräsentativer werden, dann werden sie auch automatisch integrativ. Genauso wie unsere Nachbarschaft. Nur mit diesen Maßnahmen werden wir in der Lage sein, Vertrauen zurückzugewinnen und andere Perspektiven, Meinungen und Fakten wieder an die Menschen, die mit Pegida und Co. sympathisieren, heranzutragen. Das kann aber nur im echten Leben passieren, denn hier greifen andere soziale Mechanismen als in Online-Netzwerken. Es führt also kein Weg daran vorbei, einer weiteren Ghettoisierung von Stadtteilen und gesellschaftlichen Einrichtungen wie Schulen und Kitas durch sozioökonomische Barrieren eine klare und entschiedene Absage zu erteilen. Wir müssen aus den Fehlern der Vergangenheit lernen und versuchen, diese schnellstmöglich zu reparieren.

Die Gesetze dazu haben wir in Teilen, und dort wo nicht, müssen wir an einem breiten lokalen Konsens arbeiten, der uns ihre Umsetzung ermöglicht. Wir schaffen das — es sei denn, das Bürgertum und die Mitte entlarven sich selbst als intolerant und nicht lernfähig.

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André Carls (parteilos) ist Ingenieur. Er ist seit 2013 in der Greifswalder Kommunalpolitik aktiv und sitzt für die Grünen als stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für Sport, Jugend und Soziales.

20 Gedanken zu „Pegida, besorgte Bürger, FFDG und das Versagen des Bildungsbürgertums und der gesellschaftlichen Mitte

  1. Da es sich bei diesem Eintrag um einen Debattenbeitrag handelt, hat es der Autor verdient und wahrscheinlich erwartet, dass es eine Debatte dazu gibt. Der Beitrag enthält etliche interessante Ansatzpunkte, die es wert sind, ausführlich diskutiert zu werden.
    Deshalb werde ich mich, da mir jetzt die Zeit fehlt, in Kürze auf unserem Blog intensiver als ich es hier tun kann damit auseinander setzen.
    Zunächst eine Verständnisfrage, André Carls. „Weil man sich die Frage hätte stellen müssen, ob vielleicht doch nicht jeder Arbeit bekommen könnte, der wollte.“ Soll das heißen, dass alle Arbeit bekommen können, die es schlicht wollen? So ganz verstehe ich den Satz auch im Zusammenhang nicht.
    Das Phänomen Pegida/FFDG auf die soziale Frage und Wohn- bzw. Lebenssituation zu verkürzen, erscheint mir problematisch. Wenn ich mir die Protagonisten von FFDG/“Greifswald wehrt sich“ so anschaue, erkenne ich durchaus einige aus der sogenannten Mitte der Gesellschaft: zum Beispiel der ehemalige Landesschatzmeister der AfD MV oder der auch schon auf dem Fleischervorstadtblog erwähnte Norbert Kühl. Aber auch dazu später sicher mehr.
    Nach meinem Dafürhalten sind an der Entwicklung auch (und vor allem?) die Grünen beteiligt. Da sind Appelle an die Zivilgesellschaft sicher angebracht, aber auch das darf nicht auf die Stadtentwicklung reduziert werden. Bundesgesetze, nicht zuletzt die Hartz-Gesetze, tun ihr Übriges. Eine deutliche Distanzierung von Fehlern vermisse ich bei Grüns, gerade weil der Autor die Entsolidarisierung anspricht, aber das Kind nicht beim Namen nennt. Und ich bin auch nicht sicher, ob es die Distanzierung jemals geben wird, da große Teile der Partei genau dieses „Fordern und Fördern“ verinnerlicht haben. Vielleicht kommt das Argument, die Grünen hätten (insbesondere im Vermittlungsausschuss) Schlimmeres verhindert, wie es auf einer LDK hier im Land kam. Nein, haben sie nicht: Alles was Hartz IV auszeichnet, war bereits im ersten Kabinettsentwurf aus dem Jahre 2013 enthalten.
    Und warum ich gerade die Grünen besonders erwähne: Erstens sind für mich (trotz allem) erster Ansprechpartner. Zweitens glaube ich, dass gerade das Klientel der Bündnisgrünen, auch bei der Flüchtlingsfrage, dieses Motto pflegt: Not in my backyard.
    Danke für den Artikel, ich hoffe, ich kann noch ausführlicher antworten.

    1. „Da es sich bei diesem Eintrag um einen Debattenbeitrag handelt…“
      Ja, ich würde auch gerne wissen, wie es zu diesem Terminus kommt. Dürfen wir in Kürze etwa auch Beiträge von FFDG-Autoren auf dem FBlog erwarten?

      1. Diese Erwartung möchte ich dämpfen. Den Ideen, die man im Netz von FFDG-Leuten wie Norbert Kühl zu lesen kriegt, möchte ich hier weder eine Bühne bieten noch den Stammlesenden zumuten. Das bedeutet nicht, dass es hier eine Leidmeinung gibt und Texte, die davon abweichen, unterdrückt werden. Abgesehen davon kosten mich auch fremde Beiträge mitunter nicht wenig Freizeit, die ich ungern an die FFDG verschenken würde.

        „Debattenbeitrag“ ist jedoch in der Tat als impliziter Aufruf zu verstehen, sich unserem lokalen Gida-Problem aus verschiedenen Blickwinkeln anzunähern. Weitere Beiträge zu diesem komplexen Thema sind in Planung.

    2. Hallo Gregor,

      zu Deiner Frage, wie ich den Satz “Weil man sich die Frage hätte stellen müssen, ob vielleicht doch nicht jeder Arbeit bekommen könnte, der wollte.” meine.
      Ich zweifle an der gängigen Binsenweisheit, dass es genügend Jobs für alle gibt. Die Zahlen sprechen klar dagegen. Ohne diese „Wahrheit“ muss sich jeder aber auch die Frage stellen, ob es gerechtfertigt ist, sich von denen „da unten“ damit abzukanzeln, dass sie „selber Schuld“ an ihrer Lage sind.

      Nun zur Stadtentwicklung: Doch ich glaube schon, dass diese massiv auf derlei Entwicklungen Einfluss nehmen kann. Die Bürgerschaft kann dafür sorgen, dass es in jedem MFH-Neubau einen Anteil an günstigem Wohnraum gibt. Die Stadt kann steuern wo und wieviele EFH-Siedlungen es gibt. Wie divers die Stadt also ist und wie stark die Segregation zugelassen wird, das liegt schon in der Hand der Stadt.

      Das „Not in my backyard“-Problem ist ja aus meiner Sicht das Hauptproblem, warum so viele Menschen mit Pegida sympathisieren. Weil sie das Gefühl haben, dass die Problemen bei Ihnen allein liegen bleiben sollen und das der Wunsch nach Integration der Flüchtlinge nur ein Lippenbekenntnis seitens des Bildungsbürgertums ist.
      Von den zahlreichen Studenten einmal abgesehen, kenne ich nur sehr wenige Leute, die keine Probleme mit Flüchtlingen in ihrer Nachbarschaft haben. Und es kommt dann immer der Hinweis, dass dort oder dort ja auch keine hinkommen und sie das ja nun alles wieder ausbaden sollen.

      Dieses derzeit nicht gelebte faire Teilen der Lasten, ist für mich die Triebfeder, die die Menschen in SW oder im OSV zu Pegida-Sympathisanten werden lässt, gepaart mit der Angst um den ohnehin angeschlagenen Status.
      Es ist halt ein Glaubwürdigkeitsproblem. Wir handeln (noch) nicht so, wie wir reden.

      Ein erster Schritt könnte ja sein, dass alle Flüchtlingskinder auf alle Schulen/Kitas proportional zur Kinderzahl aufgeteilt werden. Das ließe sich leichter umsetzen als die Verteilung der Wohnungen und wäre ein erstes klares Signal, dass sich niemand aus der Verantwortung ziehen kann.

      Zu den Grünen: Ich bin erst seit 2013 kommunalpolitisch aktiv und bin parteilos, weil ich mit vielen Positionen der Bundespartei, gerade im sozialen Bereich, meine Bauchschmerzen habe. Die Zusammenarbeit mit den Grünen hier vor Ort schätze ich aber sehr.

  2. Dieser Debattenbeitrag ist interessant.

    Einerseits macht er auf das Problem der Ghettoisierung und Wohnraumentmischung aufmerksam. Ja, das ist ein Problem. Ja, es ist wünschenswert, dass sich in den Vierteln, in den Kitas, in den Schulen und öffentlichen Räumen der Stadt die verschiedensten Menschen begegnen. Eigentlich sollte das eine Selbstverständlichkeit sein.

    Andererseits greift die Auslegung, das gesamte Pegida- und Pegida-Mitläufer-Problem insbesondere auf Wohnraumfragen zu reduzieren, denn doch nicht weit genug (auch wenn der Autor diese Sicht in der Antwort auf einen der Kommentare zu seinem Text noch einmal wiederholt).

    Was mich aktiv stört: Etwa der Hang zur Selbstgeißelung, weil man selber weggezogen sei (was natürlich denn doch – mindestens auch – eine Fremdgeißelung ist); die Identifizierung von „Problemkindern“ (sprich: solche mit Migrationshintergrund oder aus der „Unterschicht“), ohne dass ich bei dieser Wortwahl Ironie oder Übertreibung als stilistisches Mittel erkennen könnte (und es gäbe eine Menge weiterer Beispiele, in denen die Formulierungen inhaltlich nicht unproblematisch sind); die Einschätzung bestimmter Menschen als sozial benachteiligt, obwohl es in solchen Fällern in erster Linie doch immer, aber auch immer um eine finanzielle Benachteiligung geht… usw.usf.

    Der Autor schreibt an vielerlei Stellen herablassend – ganz offensichtlich, ohne es zu merken. Da ist zum Beispiel die Frage, ob es einem zu mühsam geworden sei, sich mit den „einfachen Leuten“ abzugeben; oder die Annahme, dass im Umfeld der Pegida-Anhänger andere Menschen als „Korrektiv“ fehlen: Die würden dann automatisch irgendwo weiter oben stehen, oder?

    Folgender Absatz aus dem Text möge beispielhaft für den Bereich stehen, wo dem Autor innerlich und äußerlich noch Ergänzungsmöglichkeiten offen bleiben:

    „Denn sind wir ehrlich, dezentrale Unterbringung hin oder her, die Innenstadt, die Fleischervorstadt, das „Westend“, das Ostseeviertel Parkseite, Eldena und Wieck werden kaum davon betroffen sein. Es ist aber diese gefühlte Abwälzung aller derzeitigen Probleme auf die, die ohnehin schon bis zum Halse in Problemen stecken oder sich kurz davor wähnen, und das scheinbar sichere Wissen darum, dass alle anderen nicht das tägliche zähe Ringen um Integration durchstehen müssen, weil sie einfach keine täglichen Berührungspunkte mit den zu integrierenden Menschen haben, die zu dieser Überreaktion führen. Denn im Gegensatz zu all denen, die in den besseren Vierteln der Stadt wohnen, können sich die Bewohner dort nicht aussuchen, wie viel Flüchtling und Integration sie sich von Tag zu Tag zumuten können und wollen.“

    Integration ist also mühsam, eine Last, ein tägliches zähes Ringen? Das Zusammenleben mit Flüchtlingen ist eine Zumutung? Überreaktionen sind verständlich? Echt jetzt???? In meiner Erfahrung beschweren sich gerade diejenigen, die definitiv am wenigsten für Integration tun. Und: Auf die Formulierung „wie viel Flüchtling“, mit der Menschen mal kurz zur Sache erklärt werden, muss man erstmal kommen.

    Ich bin, wie André Carls, durchaus für ein gemischtes Zusammenleben, -lernen und -arbeiten aller möglichen Menschen mit allen möglichen Hintergründen. Dass wir das derzeit nicht überall haben, ist sicher nicht der Hauptgrund für Pegida etc. pp. Auch außerhalb studentischer Kreise sind mir viele Menschen ohne Berührungsängste bekannt. Und der Autor darf gern die (eigenen) Haltungen hinterfragen, die so nebenbei auch noch aus seinen Sätzen sprechen.

  3. Hallo Frau Wolf,

    vieln Dank für Ihre umfangreiche und detaillierte Kritik.

    Zu ihrem ersten Punkt, der Eingrenzung des Pegida-Problems auf die Wohnraumfrage:
    Mein Artikel ist eine Polemik, d.h. ich vereinfache meine Position und reduziere sie auf das Nötigste. Meine Theorie ist ja, dass die Filterblasen einen Ausschnitt der reale Welt darstellen. Ausgehend davon, habe ich mir dann die Frage gestellt, wie diese enstanden sein könnten. Und da bleibt bei mir die Frage nach den so genannten sozialräumlichen Gegebenheiten und ihrer Entstehung ganz oben hängen.
    Sie haben natürlich recht, dass das nicht die einzige Ursache ist und sein kann. Aber ich werte sie momentan als einen der Hauptfaktoren.

    Und ja, die finanzielle Schranke ist ja gerade das subtile und verwerfliche. Daher auch der Vergleich mit der Beinamputation. Nichts gegen eine Einkommensspreizung, aber überlegen Sie bitte folgendes: Wenn Sie nur noch 1.200 € Netto im Monat verdienen, wie steht es dann um Ihre persönliche Freiheit und ihre Freizügigkeit. Sie können praktisch nicht in die Innenstadt ziehen. Auch wenn sie es gerne würden. Genausowenig können derzeit Flüchtlinge dort untergebracht werden, weil die Mietpreise das verhindern. Das ist schon eine Form von Ausgrenzung und ich bin derzeit dazu geneigt zu glauben, dass es einen nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung gibt, der insgeheim ganz froh über diese Barriere ist.

    Zum herbalassenden Ton:
    Mein Artikel hatte nicht die Intention herablassend zu sein. Daher auch die vielen Anführungszeichen. Ich hätte eines mehr nutzen sollen. Sie sollten aber schon den Ton und den Umgang mit diesen Menschen verdeutlichen, den ich sehr oft höre. Aus gebildeten Kreisen.

    Zum Korrektiv: Als Korrektiv verstehe ich in diesem Fall jede gegensätzliche Meinung, die der Meinung in der Filterblase entgegensteht. Es ist doch so, dass die Vielfalt der Ideen mit der Vielfalt der Menschen kommt, aber auch geht. Für das Bildungsbürgertum wäre das Korrektiv die Meinung der Menschen, die jetzt in Schönwalde leben.

    Zum Beispielabasatz:
    Echte Integration kann man nicht mal eben nebenbei bewerkstelligen. Das erfordert viel Zeit und Geld. Es wird ein zähes Ringen, jeden Tag.
    Bsp. In der Kiga Gruppe meines Kindes ist aktuell ein Flüchtlingskind untergekommen. Das bedeutet, das eine Erzieherin ca. 4h nur mit diesem Kind allein beschäftigt ist, weil sie quasi bei 0 anfängt. Was glauben sie, was das für ein Ringen ist, da keinen Unmut aufkommen zu lassen. Für Verständnis zu werben und den Menschen die Frage nahe zu bringen, warum diese Menschen überhaupt erst ihre Heimat verlassen.
    Die Zumutung ist ihre Deutung, deckt sich aber nicht mit meinen Ansichten. Im Gegensatz zu den Pessimisten glaube ich, dass alle Menschen daran wachsen können und werden. Anstatt Last könnte man auch Aufgabe schreiben, bringt uns das aber in der Sache weiter?

    Zum vorletzen Satz: Den meinte ich schon so, wie ich ihn schrieb. Auf Grund der sozioökonomischen Barrieren kann ich im Moment selber skalieren, wieviel und welche Art von Mitmenschen ich um mich herum zulasse, wenn ich über das notwendige Kleingeld verfüge. Kaufe ich ein Haus oder eine Wohnung in der Stadt, werde ich dort mit Sicherheit nicht mit diesen Aufgaben behelligt. Das ist die Kehrseite des freien Wohnungs-, Kita- und Schulmarktes. Das das gemacht wird, sehen wir jeden Tag. Das ist eine Feststellung, keine Meinung.
    Die Frage ist doch nun, wer bedient sich aktiv dieses Mittels und mit welcher Motivation? Wahrscheinlich die gleichen Menschen, die sich bei Ihnen beschweren, im gleichen Atemzug aber mit einem Nase rümpfen auf Pegida reagieren.

    Vielen Dank für ihre Kritik und ich werde auch einige meiner Standpunkte überprüfen.

  4. Ja, wir versagen alle und vor allem wollen wir die Ursachen der Not von Millionen Menschen auf der Erde nicht wirklich sehen und hören, wir wollen es doch gar nicht wissen. Sicher ist das sehr allgemein, aber die Kriege, die die westliche Welt führt, die Ausbeutung von Menschen, die Vernichtung der Lebensräume, die Zerstörung der Märkte usw. bleiben eben nicht ohne Folgen, auch für uns.
    Wir haben verlernt oder wir haben es nie gelernt, selbst zu hinterfragen, wir glauben den Medien, die uns tagtäglich versuchen zu manipulieren.

    Hier sehe ich Menschen, die hoffen lassen und hoffentlich werden es immer mehr:
    https://www.youtube.com/watch?v=TIFa_hKWL9I

    1. Sehr geehrte anonyme Person,

      es ist ja immer ein wenig schwierig, wenn jemand sich an Debatten beteiligt oder Kommentare verfasst, ohne den eigenen Namen zu nennen; allein die Anrede (s.o.) wird da schon sperrig.
      Zu diesem Kommntar nur einige kurze Bemerkungen: Es handelt sich um einen Rundumschlag (wie auch der Kommentar vom 21. November, den möglicherweise ja ebenfalls Sie verfasst haben?), und zwar um einen, der der Verbindung zum Thema entbehrt und so gar nicht weiterführt.
      Es scheint Ihnen wichtig zu sein, darauf hinzuweisen, dass die Medien uns manipulieren. Belege fehlen. Dafür ist beiden Kommentaren ein Youtube-Videos angehängt, jeweils ohne Relevanz in Bezug auf das Thema, das hier Anliegen ist. Dafür stehen neben dem einen aber auch gleich Empfehlungen zu weiteren Videos von Menschen, die auf eine sehr eigene Art mit politischem und gesellschaftlichem Geschehen umgehen, gern unter Vernachlässigung der Realität; und das andere ist ein Beitrag, an dem sich Xavier Naidoo beteiligt. Genau. Das war doch dieser unterhaltsame Mensch mit den guten Verbindungen zu den Reichsbürgern….

      Ich persönlich kann ganz gut auf Kommentare aus dem Montagswahnmachenspektrum verzichten. In meiner nunmehr anderthabljährigen Erfahrung ist es mir bislang schwergefallen, sie als bereichernd zu erleben. So mag es einem gehen, wenn man sich um eine ernsthafte Analyse der Wirklichkeit bemüht – und tatsächlich auch noch Wert darauf legt, dass daraus sinnvolle Taten folgen mögen.

      Mit freundlichen Grüßen,
      Anne Wolf

      1. Ja Frau Wolf, Sie haben das sehr gut analysiert und wissen sicher bestens Bescheid.

        Mir gefällt der Artikel, daher meine kurzen Zeilen, wohlwissend dass sich etliche Menschen die Finger wundschreiben können, es wird nichts ändern.
        Es ist dieses System, welches kein Interesse an wirklicher Integration hat wie so vieles mehr, was hier in dem Artikel alles beschrieben wurde.
        Es ist der Kampf zwischen arm und reich, so einfach ist das.

        1. Immer noch:
          Sehr geehrte anonyme Person,

          um meine ironisch gemeinte Aussage zum Unterhaltungswert von Xavier Naidoo zu vervollständigen:

          Wer Reichsbürger aktiv versteht und sich entsprechend verhält und äußert, hat damit aus meiner Sicht schon genug gesagt.

          Selbstverständlich darf er weiterhin alles sagen, was er will, auch wenn er das in seinem neuesten und bei einigen Menschen so beliebten Lied implizit anzuzweifeln scheint. Es gehört zu einer Demokratie, dass man (auch ich) das normal findet.

          Allerdings, zum neuesten Lied: Schmalz (und noch dazu: tendenziöser) wird die Welt bestimmt nicht retten.

          Mit freundlichen Grüßen,
          Anne Wolf

          1. Ja Frau Wolf, sie haben vervollständigt, was öffentlich in den Medien zu lesen uns zu hören ist.
            Das kann ich Ihnen auch nicht verübeln.
            Musikstil ist Geschmackssache, daher will ich auf Ihre Kritik zu dem neuen Song auch nicht eingehen.
            Sie haben Recht, dieses Lied wird die Welt auch nicht retten, leider, denn der Krieg ist ein Geschäftsmodell dieser Gesellschaftsform.

            Xavier Naidoo bekam die Gelegenheit, sich zu den Vorwürfen zu äußern:

            https://www.youtube.com/watch?v=uH_hXAgJf2U

            1. Und so funktioniert die Hetze, übrigens auch wieder zu dem neuen Lied und ich muß sagen, wenn ich mir den Stil der Schreiber von Spiegel, Süddeutsche usw. genau anschaue, dann habe ich den Eindruck, hier geht es um Waschweibergeschwätz:

              https://www.youtube.com/watch?v=kApbEkd6LrY

              Es gibt eine große Reihe von Künstlern, die Naidoo mit einer Anzeige unterstützen, darunter viele, die ich persönlich auch durch kritische Liedtexte sehr schätze, wie zum Beispiel Hartmut Engler der Band PUR.
              Ich denke diese Künstler kennen ihn ganz persönlich und lassen sich von den Medien nicht einlullen, vor allem haben sie Charakter und das Bedürfnis ihren Berufskollegen zu unterstützen. Das ist heute keine Selbstverständlichkeit mehr.
              Damit will ich es belassen.

              1. Mein Tip an diejenigen anonymen Menschen, die jedes Thema gern nutzen, um auf eines der von ihnen bevorzugten einzuschwenken und dabei immer wieder (recht wenig subtil) durchblicken zu lassen, dass sie die Welt aber wirklich verstehen und wir anderen leider, leider noch nicht so weit sind:

                Tut uns doch den Gefallen und tragt eure Blickverengung nicht an jede Stelle, die sich auch nur halbwegs anzubierten scheint. Das würde zumindest der Spaltenverengung entgegenwirken. Ist ja geradezu lästig (und das nicht im konstruktiven Sinne). Weshalb dieses Gespräch für mich hier übrigens endet.

  5. Sehr geehrte Frau Wolf,
    mich interessiert das Thema der Flüchtlingspolitik sehr und ich finde es zutiefst bedauerlich, dass das Mittelmeer inzwischen zu einem Massenfriedhof geworden ist. Auch bin ich sehr besorgt über die Entwicklung in diesem Lande, vor allem über Pegida und rechte Gruppierungen und ich bin entsetzt, wenn ich Berichte lese und höre, wie unsere Polizei inzwischen mit Menschen umgeht, die sich aktiv gegen rechte Gewalt und rechtes Gedankengut stellen. Ich will es mir ersparen, dazu etwas zu verlinken.
    Im übrigen nutze ich auch Gelegenheiten, die sich bieten, das zum Ausdruck zu bringen. Wenn Sie das als Blickverengung sehen, finde ich das sehr traurig und ja, ich nutze dazu gern die Kunst, wie Musik bzw. das Kabarett, so wie es viele andere Menschen tun, denen es hier mächtig stinkt, was in unserem Heimatland passiert.
    Jeder hat seine Art, sei es ein Blog, das Wort, das Lied usw.
    Auch halte ich mich sicher nicht für schlauer als andere, ich bin immer noch auf der Suche.
    Allerdings habe ich etwas dagegen, wenn andere Menschen zu Unrecht verunglimpft werden, die sich aktiv gegen rechte Gewalt und für ein friedvolles Miteinander auf ihre Art (hier die musikalische, die auch nicht jedem gefallen muss) einsetzen.
    Ich hatte am Sonntag Vormittag die Gelegenheit an einem Gottesdienst in der Baptistenkirche in Greifswald teilzunehmen.
    Ich bin kein Kirchenmensch, höre mir aber trotzdem gern mal eine Predigt an und habe aufgehorcht, als der Mann von der Kanzel diesen Satz sprach: Jesus hat zu allen Menschen gesprochen, auch zu den Steuersündern…… Spontan habe ich dabei an X. Naidoo gedacht.
    Ich will das Thema nicht weiter strapazieren, aber wenn wir anfangen, jeden Menschen, der sich auch mit andersdenkenden unterhält, gleich mit in die rechte Ecke zu stecken, haben wir nichts gewonnen, sondern werden dafür sorgen, dass dieses Problem immer größer wird.
    Vielmehr sollte es uns gelingen, an Aussteigerprojekten zu arbeiten, denn ich bin mir sehr sicher, dass es lohnt.
    Viele von denen, die bei den Rechten und bei Pegida mitlaufen, laufen sicher einfach nur mit, weil sie keinen mehr haben, der ihnen zuhört.
    Hier sollten wir versuchen, sie abzuholen, jeder dort, wo er kann und nach seinen Möglichkeiten.
    Schwarz-weiß-denken ist das Gefährlichste, was wir derzeit tun könnten.
    In diesem Sinne: wir sollten uns nicht gegenseitig zerfleischen, wenn wir doch das Gleiche wollen, nämlich friedlich, hilfsbereit, tolerant und in gegenseitiger Akzeptanz miteinander leben.

    Beste Grüße

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