Fleischervorstadt-Blog http://blog.17vier.de Lokales aus Greifswald Tue, 24 Feb 2015 20:46:28 +0000 de-DE hourly 1 http://wordpress.org/?v=4.1 Zu Besuch im Ameisenstaat: Viele Freiwillige beim 4. Straze-Subbotnik http://blog.17vier.de/2015/02/22/straze-subbotnik/ http://blog.17vier.de/2015/02/22/straze-subbotnik/#comments Sun, 22 Feb 2015 16:42:53 +0000 http://blog.17vier.de/?p=40533 Weiterlesen ]]> Am Sonnabend fand der vierte Straze-Subbotnik statt. Zu dem gemeinsamen Arbeitseinsatz hatte der Kultur- und Initiativenhausverein eingeladen, um mit vielen helfenden Händen die Sanierung des ehemaligen Gesellschaftshauses in der Stralsunder Straße 10/11 voranzutreiben.

Viele Freiwillige folgten dem Aufruf der Straze-Gruppe und fanden sich am Sonnabendvormittag in der Stralsunder Straße 10/11 ein. Auf dem Programm des vierten Subbotniks standen die Beräumung des Dachbodens und das Abklopfen der Verputzung im Inneren des Gebäudes. Vor Ort bot sich ein eindrucksvolles Bild: Wie im vielbesungenen Ameisenstaat strömten unentwegt in Arbeitskleidung gehüllte und sichtlich verstaubte Helfer durch das Objekt, trugen Abbruchhämmer oder bis zur Oberkante mit Schutt gefüllte Eimer in den Händen und vertrauten ihre Ladung der Schuttrutsche an, über die die bröselige Deckenfüllung abwärts in den Container hinabstob.

subbotnik straze greifswaldsubbotnik straze greifswald

Der Nachwuchs malochte beim Straze-Subbotnik auf der Kinderbaustelle

Der Straze-Subbotnik muss sorgsam geplant gewesen sein, denn anders hätte man die Arbeit der zahlreichen Helferinnen vermutlich nicht koordinieren können, obschon weniger Helfer als beim letzten Mal gekommen sind. Wie bereits bei den vorherigen Arbeitseinsätzen war die Beräumungsaktion am Sonnabend sehr elternfreundlich angelegt: Während sich die erwachsenen Helfer mit dem Schutt auf dem Dachboden abmühten, malochten die Jüngsten auf der eigens eingerichteten Kinderbaustelle und sammelten dort erste Praxiserfahrungen.

subbotnik straze greifswaldsubbotnik straze greifswald(Fotos: Fleischervorstadt-Blog)

Beim gemeinsamen Mittagessen im Garten kamen die Anwesenden dann endlich einmal alle an einem Ort zusammen und zeigten sich in stolzer Vielzahl: Etwa 60 Personen haben an dem Subbotnik teilgenommen und zusammen die Straze in Schutt und Staub gelegt. Der Sieben-Jahres-Plan, er lebt!

Die Subbotniks werden auf der Homepage der Straze-Gruppe angekündigt.

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JU-Landeschef Liskow fordert Schlagerquote: “Mehr deutsche Musik!” http://blog.17vier.de/2015/02/17/ju-landeschef-liskow-fordert-schlagerquote-mehr-deutsche-musik/ http://blog.17vier.de/2015/02/17/ju-landeschef-liskow-fordert-schlagerquote-mehr-deutsche-musik/#comments Tue, 17 Feb 2015 16:44:26 +0000 http://blog.17vier.de/?p=40499 Weiterlesen ]]> “Mehr deutsche Musik, besonders deutsche Schlager” sollen im Radioangebot des NDR gespielt werden. Was wie ein kulturrevolutionärer Pegida-Slogan klingt, ist eine ernstgemeinte Forderung des JU-Landeschefs Franz-Robert Liskow. Doch die geforderte Schlagerquote könnte nach hinten losgehen.

In Mecklenburg-Vorpommern wollen Schlagerfans vor dem Schweriner NDR-Landesfunkhaus für mehr deutschsprachige Musik im Radio demonstrieren. Das ist an und für sich nichts Neues — die Bürgerinitiative “Für ein besseres NDR1 – Radio MV” müht sich seit Jahren ergebnislos mit diesem Anliegen ab. Doch nun empfangen die germanophilen Radiohörer ein politisches Echo: Die feinfühligen Stimmungsseismographen der Jungen Union haben ausgeschlagen und die vermeintliche Gunst der Stunde gewittert. Der Zug mit der Schlagerquote verließ bereits den Bahnhof, als JU-Landeschef Franz-Robert Liskow (27) schleunigst eine Pressemitteilung veröffentlichen ließ:

Franz Robert Liskow Schlagerquote

„Der wachsende Anteil an verkaufter deutschsprachiger Musik muss sich endlich auch in den Programmen der Hörfunksender widerspiegeln.[…] 2004 empfahl der Deutsche Bundestag eine Mindestquote von 35 Prozent deutscher Musik. Dieser Wunsch nach freiwilliger Selbstverpflichtung hat jedoch nichts gebracht.[…] In einem sprach- und kulturbewussten Land wie unserem sollte es im Grunde auch ohne gesetzlich festgelegte Quote gehen, denn Einsicht ist besser als Zwang. Ob mit gesetzlicher Quote oder mit freiwilliger Selbstverpflichtung: Die Junge Union Mecklenburg-Vorpommern will mehr deutsche Musik im Radio hören!

(Montage: Fleischervorstadt-Blog)

Jung, deutsch und auf dem Weg nach oben

Was aber gehört zu der von der Jungen Union geforderten “deutschen Musik” und was nicht? Gegenüber der BILD sagte Liskow, dass der NDR noch immer glaube, dass junge Leute nur internationale Popmusik hören wollten: “Die sollten mal in Helenes Konzerte gehen!” Gemeint sind die Auftritte der Wolgadeutschen Jelena Petrowna Fischer, die sich seit November 2013 mit dem Hit Atemlos durch die Nacht in die Gehörgänge der Republik gräbt. Fischer gehört also dazu. Wie sieht es mit den Beatsteaks aus Berlin — eine der kommerziell erfolgreichsten Punkbands, die das Land zu bieten hat — aus? Was ist mit dem bilingualen Indierock, wie ihn Candelilla aus München oder die aus Österreich stammenden Ja, Panik spielen? Und könnten deutschsprachige Songs ausländischer Gruppen wie Laibach (Geburt einer Nation) oder David Bowie (Helden) den Quotenwart unreguliert passieren?
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Die vor über zehn Jahren geführte Debatte um die Deutschquote im Äther muss an dieser Stelle nicht nochmals aufgewärmt werden. Aber wenn in den Forderungen jener jungen Konservativen, die sich sonst nicht laut genug von der DDR abgrenzen können, ein ungeahnter Hang zum Sozialismus aufblitzt, kann das im Netz für Aufregung sorgen. Denn Liskows 35-Prozent-Vorschlag erinnert doch sehr an die 60/40-Regel, die das Ministerium für Kultur 1958 im Rahmen der Anordnung über die Programmgestaltung bei Tanz- und Unterhaltungsmusik beschloss, um den Anteil ausländischer Musik zu begrenzen.

“Und ich scheiß’ auf deutsche Texte!”

Überhaupt, seit wann goutiert die Junge Union Quotierungen und staatliche Eingriffe? Als es auf dem Tag der Jungen Union (Wirtschaft. Wachstum. Zukunft.) um die Frauenquote ging, klang deren Position noch ganz anders: “Quotengebundene Eingriffe in die Selbstbestimmtheit der Unternehmen und vermeintliche Regulierungsmaßnahmen wie das Schaffen einer Abhängigkeit von Förderungsmaßnahmen von einer Frauenquote lehnen wir entschlossen ab.”

Es dauerte nicht lange, bis die Nachricht von der Schlagerquote auf Twitter und Facebook die Runde machte und für netztypischen Spott sorgte. Nicht nur bekennende Konservative gerieten angesichts dieses offensichtlichen Anbiederungsversuchs ins Zweifeln, die Junge Union wurde sogar von Pro7 belächelt. Hier ein paar Tweets und Facebook-Kommentare zum Mitschunkeln:

Facebook:

Reaktionen auf Schlagerquote der Jungen Union MV

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4. Subbotnik in der Straze http://blog.17vier.de/2015/02/16/subbotnik-straze/ http://blog.17vier.de/2015/02/16/subbotnik-straze/#comments Mon, 16 Feb 2015 18:33:53 +0000 http://blog.17vier.de/?p=40483 Weiterlesen ]]> In der Straze findet am Sonnabend der nunmehr vierte Subbotnik statt. Auf dem Programm des kollektiven Arbeitseinsatzes stehen diesmal die Beräumung des Dachbodens, das Abklopfen von Putz sowie viel Vergnügen mit der Schuttrutsche und dem Straze-Radio!

subbotnik straze greifswald(Montage: Fleischervorstadt-Blog)

Wie auch bei den vorherigen Subbotniks wird während der gesamten Arbeitszeit nicht nur für warmes Essen und Getränke gesorgt, sondern auch wieder eine Kinderbetreuung angeboten. Bedarf für letztere sollte allerdings vorher unbedingt angemeldet werden (subbotnik[ät]straze.de). Wer beim Subbotnik mitmachen will, sollte geeignete Kleidung sowie Arbeitshandschuhe mitbringen und sich am Sonnabend um 9 Uhr in der Stralsunder Straße 10/11 einfinden.

Das ehemalige Gesellschaftshaus in der Stralsunder Straße 10/11 beherbergte bis 2007 neben mehreren Wohngemeinschaften auch zahllose Greifswalder Vereine und Initiativen, bis es von der Universität an das Berliner Petruswerk verkauft wurde. Nachdem sich eine angemessene Sanierung des denkmalgeschützten Gebäudes als zu kostenaufwendig herausstellte, beantragte der Investor erfolglos den Abriss. Im November 2013 konnte eine Initiative, die sich seit Jahren vergeblich um den Kauf des Hauses bemühte, das Gebäude erwerben. Mit der tatkräftigen Hilfe möglichst vieler Menschen soll die Straze innerhalb von sieben Jahren wiederauferstehen.

Fakten: 21.02. | 9 Uhr | Straze (Stralsunder Str. 10)

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Kein Aus für die Pommersche Literaturgesellschaft im Falladahaus http://blog.17vier.de/2015/02/03/pomlit-falladahaus/ http://blog.17vier.de/2015/02/03/pomlit-falladahaus/#comments Tue, 03 Feb 2015 15:07:43 +0000 http://blog.17vier.de/?p=40467 Weiterlesen ]]> Ein Gastbeitrag von Lou

Finanzielle Förderung durch die Stadt Greifswald, neue Vereinsmitglieder und zahlreiche Veranstaltungsideen beleben den Pomlit-Verein im Falladahaus.

Im letzten Jahr sah die Zukunft für die Pommersche Literaturgesellschaft e.V. noch schlecht aus: Es fehlte an studentischem Nachwuchs, durch das Ableben des ehemaligen Hausbesitzers Klaus Michel entfiel die mietzinsfreie Nutzung des Falladahauses. Hohe Kosten und Obdachlosigkeit bedrohten den Verein. Dann die überraschende Wende — am 19. November 2014 erhielt der Pomlit-Verein den halben Kulturförderpreis des Bundeslands Mecklenburg-Vorpommern in Höhe von 2500 Euro. Das Preisgeld hätte jedoch für die Miete kaum gereicht, wie Vereinsmitglied Dr. phil. Roland Ulrich berichtet: „Irgendwie war das eine absurde Situation. Wir nehmen heute den Preis für die Leistungen des Pomlit-Vereins entgegen und müssen morgen ausziehen. Glücklicherweise hatte der neue Vermieter viel Verständnis für unser pekuniäres Problem und erlaubte uns, noch bis Ende 2014 mietkostenfrei im Falladahaus zu bleiben!“

falladahaus greifswald

Dann eine weitere Überraschung: Am 8. Dezember 2014 wurde auf der Bürgerschaftssitzung in Greifswald einstimmig entschieden, die Pommersche Literaturgesellschaft e.V. für die nächsten zwei Jahre mit einem Mietkostenzuschuss zu unterstützen. Eingebracht wurde der Vorschlag von der Linken/Alternativen Liste. Über diese Entwicklungen freut sich Dr. phil. Michael Gratz: „Ideen hatten wir immer genug, endlich ist auch mal ein bisschen Geld da, um diese umzusetzen.“

Neuer Stil, neues Glück

Anfang 2015 wurde dann auch ein neuer Vorstand gewählt. Mit Christoph Georg Rohrbach als Vorstandsvorsitzendem, seiner Stellvertreterin Christiane Kiesow, Tobias Reußwig und Karl-Heinz Borchardt ergibt sich nun eine stärker studentisch geprägte Mischung. Christiane Kiesow erklärt: „Der Pomlit-Verein will zeitgenössischer Literatur und Jungautoren Gehör verschaffen. Nicht jeder Autor ist tot. Fallada wird natürlich weiterhin eine große Rolle spielen, aber wir wollen nicht nur „Altenpflege“ betreiben – dafür gibt es in der Gegenwartsliteratur zu interessantes Zeug.“

pomlit vorstand(v.l.n.r.: Tobias Reußwig, Christiane Kiesow, Christoph Georg Rohrbach)

Christoph Georg Rohrbach ergänzt: „Das Falladahaus wird auch mehr studentische Angebote im Programm haben. Wir veranstalten zum Beispiel Spielabende, haben eine Lyrikgruppe gegründet und Jan Holten bietet hier demnächst einen Sprecherziehungskurs an, für angehende Vorleser, Lehrämtler und jeden, der lernen will, wie man seine Stimme beherrscht.“ „Wir sind auch auf andere Ideen und Projekte neugierig”, fährt Tobias fort. “Also, falls ihr einen tollen Einfall habt, sprecht uns einfach unverblümt an! Wir laufen ja draußen frei herum.“ Des Weiteren sind gemeinsame Lesezirkel, Vorlesestunden für Kinder und Textwerkstätten geplant. An den Konzepten wird im Augenblick noch gebastelt. Im April soll es dann richtig losgehen, wenn die Studenten nach der vorlesungsfreien Zeit wieder in Greifswald eintrudeln und bereit sind für neue kulturelle Angebote.

Pommersche Literaturgesellschaft:

(Fotos: Lou)

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Wenn sie nicht im Forellenfriedhof ruht, studiert Lou Philosophie und Germanistik an der Universität Greifswald.

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Abriss der Brinke 16/17 hat begonnen http://blog.17vier.de/2015/02/02/abriss-der-brinke-1617-hat-begonnen/ http://blog.17vier.de/2015/02/02/abriss-der-brinke-1617-hat-begonnen/#comments Mon, 02 Feb 2015 16:52:29 +0000 http://blog.17vier.de/?p=40446 Weiterlesen ]]> Nach mehrwöchiger Besetzung eines Gebäudeteils wurde die Brinkstraße im November letzten Jahres geräumt; nach den dabei erfolgten Zerstörungs- und Abrissmaßnahmen auf der Rückseite des Objekts verblieb nur noch der Bioladen Sonnenmichel — der nun ebenfalls umgezogen ist — im Ensemble. Heute wurde das Vorderhaus in der Brinkstraße 16/17 dem Erdboden gleichgemacht.

Brinke 16/17 Abriss

Der Grundstücksbesitzer und Bauunternehmer Roman Schmidt plant auf dem Areal den Bau eines Mehrfamilienhauses und will nun so schnell wie möglich damit beginnen; die notwendigen Genehmigungen lägen bereits vor. Der Bagger ließ keinen Zweifel an der Entschlossenheit des Unternehmers, dessen Bauvorhaben sich nicht zuletzt durch die öffentliche Debatte über die Brinke und schließlich durch den Rechtsstreit mit dem letzten Mieter verzögerte.

Es ist abzusehen, dass sich dieser Teil der Brinkstraße verändern wird. “Können Sie bitte zur Seite gehen, sie nehmen mir das Tageslicht”, bat im November eine ältere Dame aus dem Haus gegenüber zwei Teilnehmer der Mahnwache, die anlässlich der Räumung stattgefunden hat. Die Frau wird sich bald wundern, wenn Sie von ihrem Küchentisch auf einen prachtvollen Mehrgeschosser, der im Gegensatz zu den beiden Protestlern vor ihrem Fenster nicht zur Seite treten kann, blicken dürfen wird. Einen Vorgeschmack auf das, was da demnächst auf den Ruinen des für die Greifswalder Vorstadtquartiere typischen Gebäudeensembles entstehen könnte, liefert Schmidts Neubau in der Gützkower Straße 68, der sich seit 2014 eben so unaufdringlich in seine Nachbarschaft einfügt wie schon die Youniq-Kasernen mit den bunten Balkonen in der Brinkstraße. Ach, wo bist du hin, unverstellte Himmelssicht!

abriss brinkstrasse greifswald

Hubert Ende ist am Sonnabend mit seinem Bioladen ausgezogen. Er wird den Sonnenmichel am 16. Februar an einem anderen Standort wiedereröffnen. Die Stammkundschaft wird sich auf einen etwas weiteren Weg einstellen müssen, denn das neue Domizil des Bioladens befindet sich zwischen den beiden Netto-Märkten  in der Anklamer Straße, in unmittelbarer Nähe zu den Kunstwerkstätten.

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Urteil gegen Greifswalder Neonazi wird nun rechtskräftig http://blog.17vier.de/2015/01/26/urteil-gegen-greifswalder-neonazi/ http://blog.17vier.de/2015/01/26/urteil-gegen-greifswalder-neonazi/#comments Mon, 26 Jan 2015 14:39:25 +0000 http://blog.17vier.de/?p=40407 Weiterlesen ]]> Nicht weniger als eineinhalb Jahre sind vergangenen, seitdem der in Greifswald lebende Neonazi Marcus G. einen demonstrierenden Studenten am Rande einer NPD-Kundgebung auf dem Marktplatz angegriffen und verletzt hatte. Nun wird das Urteil aus erster Instanz gegen den mutmaßlichen Kopf der Nationalen Sozialisten Greifswald (NSG) rechtskräftig.

Verschleppt wie eine winterliche Erkältung: Zuerst krank, dann Berufung, dann doch nicht

Marcus G. NPD Greifswald

Eigentlich sollte die nächste Verhandlung gegen Marcus G. morgen in Stralsund stattfinden, denn der Angeklagte, der zum ersten Gerichtstermin aufgrund einer plötzlichen Krankheit nicht erscheinen konnte, ist gegen das Urteil des Greifswalder Amtsgerichts in Berufung gegangen. Das lautete damals: 80 Tagessätze zu je 20 Euro Geldstrafe sowie Kosten für das Verfahren — auch der Nebenklage –, jedoch keine Vorstrafe. Darüber hinaus kann der Geschädigte, der zum Tatzeitpunkt sowohl im Studierendenparlament (StuPa) als auch im kommunalen Ausschuss für Jugend und Soziales saß und von dem Angriff eine schwere Knieverletzung davontrug, seinen Anspruch auf Schmerzensgeld geltend machen.

Doch der Neonazi nahm nun seine Berufung kurz vor der Verhandlung zurück. Damit wird das Urteil aus der ersten Instanz rechtskräftig. Bei dessen Findung wertete damals die Richterin das späte Geständnis des aus Berlin stammenden Anti-Antifa-Fotografen, der unmittelbar nach der Tat nichts von dem Angriff wissen wollte, als strafmildernd. Dagegen wurde der — wie auf einem auf dem Fleischervorstadt-Blog veröffentlichten Video nachvollziehbar wird — hinterrücks ausgeführte Angriff, als strafverschärfend beurteilt. Der rechtsextreme Hintergrund der Tat spielte in dem Prozess keine Rolle und wurde auch von Seiten der Nebenklage nicht erwähnt.

Wismar, 20.10.2012: Marcus G. in gewohnter Pose mit Kamera, Pressebinde von Mupinfo...

Marcus G. lebt seit mehreren Jahren in Greifswald und studiert in der Hansestadt Politikwissenschaften. Als Anti-Antifa-Fotograf begleitete der organisierte Neonazi in den vergangenen Jahren zahlreiche NPD-Veranstaltungen sowohl in Mecklenburg-Vorpommern als auch jenseits der Landesgrenze. Wenige Monate vor dem Übergriff auf dem Marktplatz bewarb sich der Neonazi auf ein Schöffenamt, doch wurde er auf Empfehlung der Stadtverwaltung wegen “erheblicher Zweifel” an seiner notwendigen “Unvoreingenommenheit und Neutralität gegenüber allen Bevölkerungsschichten” nicht als Kandidat zum ehrenamtlichen Richter am Amtsgericht Greifswald oder am Landgericht Stralsund zugelassen.

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Kurze Wege, lange Nächte – das Greifswalder Wochenende im Überblick #44 http://blog.17vier.de/2015/01/23/kurze-wege-lange-naechte-44/ http://blog.17vier.de/2015/01/23/kurze-wege-lange-naechte-44/#comments Fri, 23 Jan 2015 12:16:11 +0000 http://blog.17vier.de/?p=40335 Weiterlesen ]]> Eine Rubrik aus dem Tiefschlaf reißen, abbilden, was noch so läuft. Kleinstadtsuffis den Weg zur nächsten Schänke weisen, sich über Gentechnik mokieren. Unter repressiven Verstimmungen leiden. In die Oper mit Einführung gehen und was Greifswald an diesem Wochenende noch so hergibt.

Wochenende in Greifswald

“Gene, Gelder, Gegenwehr”

Ökoaktivist, Buchautor und Feldbefreier Jörg Bergstedt hält heute Abend im IKUWO einen multimedialen Vortrag über Aufstieg und Fall der agraren Gentechnik in Deutschland. Mit viel Geld, der Power großer Konzerne und einem geberfreundlichen Staat im Rücken startete 1990 das Projekt, die Landwirtschaft weiter dem Diktat von Markt und Macht zu unterwerfen. Die neue Waffe: Gentechnik. Damit schienen Saatgutkontrolle und Patente möglich. Doch schon Mitte der 90er Jahre formierte sich effektiver Widerstand gegen Gentechnik auf bundesdeutschen Äckern: Feldbefreiungen und -besetzungen, Protestaktionen vor Konzernzentralen, investigative Recherchen und viele Veranstaltungen. 2011 wurden die letzten Versuchsfelder in einer spektakulären Aktion zerstört. Konzerte wie Monsanto und BASF kündigten ihren Abgang aus Deutschland an. Seit 2013 wächst keine gentechnisch veränderte Pflanze mehr. Wie gelang das?

Fakten: 23.01. | 20 Uhr | IKUWO | Spende

Russische Kulturtage: Katja Petrowskaja “Vielleicht Esther”

Die 1970 in Kiew geborene Autorin Katja Petrowskaja erhielt 2013 für Vielleicht Esther den Ingeborg-Bachmann-Preis und kommt im Rahmen der Russischen Kulturtage nach Greifswald. Sie wird im Koeppenhaus aus ihrer Erzählung, einer Familiengeschichte im traumatisierten 20. Jahrhundert, lesen.

Hieß sie wirklich Esther, die Großmutter des Vaters, die 1941 im besetzten Kiew allein in der Wohnung der geflohenen Familie zurückblieb? Die jiddischen Worte, die sie vertrauensvoll an die deutschen Soldaten auf der Straße richtete — wer hat sie gehört? Und als die Soldaten die Großmutter erschossen “mit nachlässiger Routine” — wer hat am Fenster gestanden und zugeschaut?

Fakten: 23.01. | 20 Uhr | Koeppen | 5/3 EUR

„1. Greifswalder Soundcheck“ – der Sound der Stadt

Mit dem Greifswalder Soundcheck will man im Sótano am Markt in Zukunft auf Entdeckungsreise durch die hiesige Musikszene gehen. Ähnlich wie beim Bandopen in den goldenen Neunzigern darf man sich auf mehrere Musikprojekte aus Greifswald einstellen.

greifswalder soundcheck

Den Anfang machen die Spacerocker Coala on Caffeine, die Band No Supermans mit Johann Putensen an den Tasten sowie das sommerliche Hip-Hop-Offbeat-Projekt Turtleneck.

Fakten: 23.01. | 21 Uhr | Sótano | 9/6 EUR (erm.)

Indie Never Dies

Indie Never DiesIndie ist tot? Von wegen! Indie never dies ist der Titel einer Partyserie, die seit kurzem im Kontorkeller vonstatten geht. Die Rettung des erkalteten Patienten nehmen Fynn & Fyne sowie Rae East auf ihre Schultern und versprechen “das tanzbare Zeug aus der vollen Indiebandbreite. Indie Indie Indie. So much Indie.”

Mit von der Partie sind die Wasseraktivistinnen von Viva con Agua Greifswald, die mit der Garderobe Geld für neue Projekte sammeln. Rein geht es über die Fritzbar, raus geht’s immer irgendwie!

Fakten: 23.01. | 23 Uhr | Kontorkeller | 3/4 EUR (ab 24 Uhr)

Design-Workshop

Gut ausgeschlafen steht der Teilnahme am Design-Workshop, den GrIStuF gemeinsam mit dem Jugendmedienverband MV (JMMV) an diesem Wochenende organisiert, nichts mehr im Wege. Wer schon immer mal lernen wollte, selbst Flyer oder Plakate zu entwerfen, aber nie wusste, wie man das konkret anstellt, ist hier genau richtig.

Der Workshop findet jeweils am Sonnabend und am Sonntag von 11 Uhr bis 17 Uhr im FMZ statt. Eigene Notebooks können mitgebracht werden, sind aber keine Voraussetzung. In dem Workshop wird es um die beiden Adobe-Programme Photoshop und InDesign gehen. Die Teilnahme kostet 10 Euro, Verpflegung wird gestellt. Wer in letzter Minute mitmachen will, sollte sich umgehend anmelden.

Fakten: 24./25.01. | 11-17 Uhr | FMZ (Bahnhofstr. 50) | 10 EUR

CDF-Galerie: Horst Hussel “Traum und Wirklichkeit”

horst-hummel-140In der Caspar-David-Friedrich-Galerie in der Langen Straße wird am Sonnabend eine Ausstellung mit Grafiken von Horst Hussel eröffnet. Zu sehen gibt es eine Auswahl von Arbeiten aus der 2012 erfolgten Schenkung von Christoph Müller an das Schweriner Kupferstichkabinett, die nun auf Reisen in die Geburtsstadt des 1934 in Greifswald geborenen Künstlers Horst Hussel geht, der zu den bedeutendsten Grafikern und Buchkünstlern Deutschlands zählt und zahlreiche Werke der Weltliteratur illustrierte.

Fakten: 24.01. | 11 Uhr | Caspar-David-Friedrich-Galerie | frei

Variante RD: Schultheaterprojekt des Humboldt-Gymnasiums

Zum sechsten Mal in Folge probte die neunte reformpädagogische Montessori-Klasse am Humboldt-Gymnasium unter professioneller Anleitung ein Stück im Unterricht, das später am Theater Vorpommern aufgeführt wird. In diesem Jahr beschäftigen sich die Schülerinnen zum ersten Mal mit dem Genre “Tanztheater” und verbinden unter der künstlerischen Leitung von Katja Maul Tanz, Rhythmus und Schauspiel. Die utopistische Eigenproduktion greift dabei unter anderem auf die Musik von Johann Sebastian Bach, Henry Purcell, dem Gothan Project, Lenny Kravitz, Modeselektor und Apparat zurück.

Nach der Premiere am Sonnabend finden weitere Vorstellungen am kommenden Montag um 11 Uhr und 18 Uhr statt. Karten gibt es im Ticketshop des Theaters.

Fakten: 24.01. | 19.30 Uhr | Theater Vorpommern | ab 6,50 (erm.)

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Ma’ma Ernst – Real Live TV

Theater gibt es an diesem Wochenende auch bei StuThe, wo das neue Format Real Live TV in die zweite Staffel geht. Vor der inszenierten Glotze mit selbstbestimmbaren Programm darf man Samstagabend in der Mehringstraße einen dramatischen Fernsehabend unter Freunden erleben.

Fakten: 24.01. | 20 Uhr | StuThe | 5/3 EUR (erm.)

Soliparty: Brinkesause mit ordentlich Antirepressiva

Mit einer Soliparty soll Geld für die Verfahren gesammelt werden, die wegen der sechswöchigen Besetzung der Brinkstraße 16/17, die am 20. November von einem Großaufgebot der Polizei geräumt wurde, auf einige Aktivistinnen zukommen. Unter dem Motto LEGO — Bau dir deine Welt, wie sie dir gefällt! bitten die Djanes Captain Planet, Princess, Die heiße Braut, MadGyver, LMZ, Arvid, Shorty und Mollenmutti zum Tanz. Wer hungert, kann vom Versorgungsangebot der anwesenden Vokü Foodconnection ausgiebig Gebrauch machen.

Brinke Soliparty Antirepressiva Klex

Fakten: 24.01. | 21 Uhr | Klex | 3 EUR

Der Freischütz

Wer mit dem Wochenende ganz bildungsbürgerlich abschließen möchte, geht am Sonntag in den Freischütz, mit Einführung! Die Oper von Carl Maria von Weber und Friedrich Kind wurde 1821 uraufgeführt und gilt heute als Inbegriff der deutschen romantischen Oper: “Die Wahl des Sujets und die atmosphärisch verdichteten Klänge der Partitur trafen den Nerv seiner Zeit und ließen das Werk schnell zur Nationaloper avancieren. In ihr fand das junge bürgerliche Deutschland Stimme und Ausdruck. Die Handlung spielt in den Wirren der Nachkriegszeit. Verlust und Entbehrung lassen die Sehnsucht nach Recht und Ordnung übergroß werden. Wie leicht werden in solchen Zeiten Traditionen und Rituale zu Werkzeugen der Ausgrenzung. Es ist nicht alles romantisch im deutschen Wald.”

Zu dieser Oper findet um 15.15 Uhr eine Einführung statt. Karten gibt es im Ticketshop des Theaters.

Fakten: 25.01. | 16 Uhr | Theater Vorpommern | ab 9,50 EUR

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Das Foto zu dem voranstehenden Ausschnitt entstand im September 2014 beim hervorragend besuchten “Kino auf Segeln” im Museumshafen, unmittelbar vor der Vorführung des Films “Budapest Hotel”.

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Vernetzungstreffen diskutiert Willkommenskultur für Flüchtlinge in Greifswald http://blog.17vier.de/2015/01/21/willkommenskultur-fluechtlinge/ http://blog.17vier.de/2015/01/21/willkommenskultur-fluechtlinge/#comments Wed, 21 Jan 2015 13:09:47 +0000 http://blog.17vier.de/?p=40326 Weiterlesen ]]> Heute Abend lädt die Arbeitsgruppe “Willkommen in Greifswald” zu einem öffentlichen Vernetzungstreffen in den Bürgerschaftssaal des Rathauses ein. Zu dem Treffen, das einerseits einem besseren Kennenlernen aller an Flüchtlingspolitik interessierten Akteure dienen und andererseits eine Plattform darstellen soll, um über Willkommenskultur zu diskutieren und herauszufinden, an welchen Stellen in Greifswald noch Nachholbedarf besteht, sind neben Vereinen, Initiativen und Gruppen auch alle interessierten Bürgerinnen und Bürger eingeladen.

greifswald markplatz(Fotoausschnitt: Kevin Neitzel)

Angesichts der zu erwartenden Zahl geflüchteter Menschen, die in naher und mittlerer Zukunft auch in Greifswald aufgenommen werden, besteht höchste Dringlichkeit für ein solches Netzwerk. Die Arbeitsgruppe will, dass sich Flüchtlinge in der Hansestadt wohl fühlen. “Gerade in Zeiten von Pegida und Mvgida müsse Greifswald ein Zeichen von Weltoffenheit und Toleranz gegenüber Menschen setzen, die unter schwersten Bedingungen ihre Heimat verlassen mussten”, heißt es in der Einladung.

Die Arbeitsgruppe “Willkommen in Greifswald” begreift sich als parteiunabhängige Initiative. Sie entstand im Oktober 2014 nach einem von der Alternativen Liste Vorpommern-Greifswald initiierten Diskussionsabend.

Fakten: 21.10. | 19 Uhr | Rathaus

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EA Greifswald kritisiert Polizei nach Mvgida-Demonstration in Stralsund http://blog.17vier.de/2015/01/20/mvgida-demonstration-stralsund/ http://blog.17vier.de/2015/01/20/mvgida-demonstration-stralsund/#comments Tue, 20 Jan 2015 12:33:46 +0000 http://blog.17vier.de/?p=40310 Weiterlesen ]]> Nach den Protesten gegen die zweite Mvgida-Demonstration in Stralsund, an denen sich gestern Abend auch zahlreiche Aktivistinnen aus Greifswald beteiligten, kritisiert der Ermittlungsausschuss (EA) das Vorgehen der Polizei und Schlampereien bei den Ordnungsbehörden.

NPD MV über Pegida Udo Pastörs auf der Mvgida-Demonstration in Stralsund (Foto: Stefan Sauer, dpa, Montage: Fleischervorstadt-Blog)

Mahnwachen gegen Mvgida verboten, weil Anmeldung im Spamordner gelandet sein soll

So seien mehrere Protestmahnwachen im Versammlungsgebiet der Nazis kurzfristig und ersatzlos verboten worden, weil deren rechtzeitige und ordnungsgemäße Anmeldungen nicht zur Kenntnis genommen wurden und im Spamordner des Ordnungsamts gelandet sein sollen, wie der NDR auf Twitter meldete. “Dass mutmaßlich aufgrund von schlichter Schlamperei das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit beschnitten wird und jeglicher Protest gegen die Nazis im Knieper damit verunmöglicht wurde, ist ein Skandal“, kommentierte eine Pressesprecherin des EA Greifswald die peinliche Verwaltungspanne.

In der Pressemitteilung des Greifswalder EA wird auch die Arbeit der Polizei, die gestern mit 500 Einsatzkräften inklusive Wasserwerfern, Hundestaffel und Flutlicht in Stralsund zugegen war, kritisiert. So sollen die Sitzblockaden gegen die Mvgida-Demonstration “aggressiv geräumt” worden sein. Friedliche Gegendemonstranten wurden trotz des kalten Wetters über einen Zeitraum von mehreren Stunden eingekesselt und anschließend einer Identitätsfeststellung unterzogen. Der EA äußert sich besorgt über das “erneute massenhafte Abgreifen von Daten für die polizeilichen Datenbanken” und kritisiert außerdem, “dass die Polizei vielfach Anzeigen wegen des vermeintlichen Verstoßes gegen das Vermummungsverbot erteilt hat, obwohl bei winterlichen Minustemperaturen das Tragen eines Schals, auch über Mund und Nase, durchaus üblich ist.”
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Weniger repressiv soll es auf der Seite der teilweise gewaltbereit aufgetretenen Mvgida-Demonstranten, unter die sich wieder zahlreiche Neonazis wie der wegen Volksverhetzung vorbestrafte NPD-Fraktionsvorsitzende Udo Pastörs gemischt hatten, zugegangen sein. So sollen Kleingruppen wie in der vergangenen Woche die Gelegenheit genutzt haben, aus dem Demonstrationszug heraus tätliche Angriffe auf demonstrierende Mvgida-Gegner zu vollziehen.

Aktivistinnen, die infolge der Proteste gegen die rassistische Mvgida-Demonstration Post von der Polizei bekommen sollten, mögen sich bitte so schnell wie möglich bei den jeweiligen Ortsgruppen der Roten Hilfe (Greifswald oder Rostock) melden, wo ihnen verlässlich und vertrauensvoll geholfen wird.

  • Polizei untergräbt Grundrecht auf Versammlungsfreiheit (EA Greifswald, 20.01.15)
  • Proteste gegen MVGIDA: Post von der Polizei? (Rote Hilfe Greifswald, 20.01.15)
  • Polizeieinsatz anlässlich von Demonstrationen am 19.01.2015 in Stralsund (PM Polizei, 20.01.15)

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„MV tut gut“ — „Mvgida“ nicht http://blog.17vier.de/2015/01/18/mvgida-stralsund/ http://blog.17vier.de/2015/01/18/mvgida-stralsund/#comments Sun, 18 Jan 2015 18:02:43 +0000 http://blog.17vier.de/?p=40282 Weiterlesen ]]> Ein Gastbeitrag von Rosa Gottlieb

Etwa 150 Aktivistinnen aus Greifswald reisten am 12.01. mit Bus, Bahn und Auto zu den Protesten gegen die Mvgida-Demonstration nach Stralsund. Am Treffpunkt „Neuer Markt“ versammelten sich zunächst ca. 200-300 Personen, von denen sich gegen 17.30 Uhr eine Gruppe in Begleitung von Polizeikräften mit dem Ziel in Bewegung setzte, zur ersten Mahnwache am Tribseer Damm — und damit in die Nähe des Mvgida-Versammlungsorts — zu gelangen.

Dort, in Empfang genommen worden von einigen Polizisten, wurden diese angehalten, sich zur angemeldeten Mahnwache zu begeben. Jedoch trafen zur gleichen Zeit die Unterstützerinnen vom Bahnhof ein, sodass man kurzerhand beschloss, die Straßenseite zu wechseln, um sich zusammen gegen die in etwa 100 Metern entfernten „besorgten Bürger“ zu positionieren. Kurz darauf postierte sich die Polizei vor den stehengebliebenen Leuten bei der Mahnwache — vermutlich bestand ein „Solidarisierungsrisiko“. Auch auf der anderen Straßenseite, unweit des Mvgida-Versammlungsorts, bildete sich ein Polizeispalier. Zunächst sollte somit verhindert werden, dass der unmittelbare Blockadepunkt durch weitere Leute gestärkt beziehungsweise unterstützt wird. Mit Bannern und unter Sprechchören (u.a. „Nationalismus raus aus den Köpfen“) begannen die zu diesem Zeitpunkt etwa 200 Gegendemonstranten, auf sich aufmerksam zu machen.

Der bürgerliche Mantel kippt — die geplante Demoroute auch

Allmählich trudelten nun in etwa einhundert Metern Entfernung von der Mahnwache die ersten „besorgte Bürger“ ein, die zum größten Teil aus der Bahnhofsrichtung kamen. Es sammelten sich dort 50-100 Leute und mit ihnen die erste schwarz-rot-goldenen Fahnen. In Anbetracht des Startpunktes war es für einige Mvgida-Interessierte, die aus Richtung Altstadt kamen, unumgänglich, an den Gegendemonstranten vorbeizulaufen. Hierbei kam es zu ersten Provokationen, Beschimpfungen und kleineren Handgreiflichkeiten.

Mvgida Demonstration in Stralsund mit Banner Asylflut(Foto: Endstation Rechts via Flickr)

Um 18:30 Uhr begann schließlich die Demonstration — zumindest für die ersten hundert Meter, denn schnell strömten Gegendemonstranten auf die Straße und blockierten die geplante Route. Polizisten versuchten vergebens, die Blockade zu verhindern. Die zunehmend frustrierten Wutbürger skandierten: „Wir sind das Volk!“ und machten ihrem Unmut Luft. Es kam zu direkten Konfrontationen, bei denen mehrere Ordner der Mvgida-Demonstration sehr aggressiv auftraten. „Ein kräftiger Mann in grauer Jogginghose ist mir aufgefallen. Der hat immer wieder versucht, einige zu schubsen.“ erinnert sich eine Gegendemonstrantin, die sich im vorderen Teil der Blockade aufgehalten hatte, später. Auch die Polizei versuchte, die Protestierenden und ihre Banner zur Seite abzudrängen, die Blockade konnte aber trotzdem aufrechterhalten werden.

Mit Jubelrufen wurden 200 weitere Gegendemonstrierende begrüßt, die aus Richtung Altstadt auf der kompletten Straßenbreite zur Blockade stießen und das Verhältnis der beiden Demonstrationen zuungunsten von Mvgida entscheidend veränderten. Dies musste auch die Polizei einsehen. Versuche der Beamten, den Weg freizumachen, wurden durch die schnell reagierenden und zahlenmäßig inzwischen überlegenen Gegendemonstranten unmöglich gemacht. Die Mvgida-Demonstration wurde schließlich auf eine andere Route umgeleitet.

Der übergriffige Mob und eine Polizei, die zuschaut

Die Gegendemonstranten machten sich auch auf den Weg in diese Richtung. Am Kreisverkehr an der Ecke Frankendamm stießen dann beide Lage — zum Teil ohne Polizeischutz — aufeinander. Da ein großer Teil der Gegendemonstranten noch auf dem Weg war, standen den etwa 300 Mvgida-Anhängern nur wenige Aktivistinnen gegenüber. Dabei kam es zu direkten Übergriffen seitens der Neonazis, in der Folge auch zwei Zivilpolizisten brachial eingriffen und zwei Antifaschistinnen festsetzten.

Video (01:02)

Eine Demonstrantin erzählte: „Statt uns zu filmen und die Hunde festzuhalten, hätten sie mal lieber Eingreifen sollen. Es gab keinen Polizeischutz. Die waren überhaupt nicht auf der Höhe und total überfordert.“ Es gab einige Verletzte bei diesem Aufeinandertreffen. „Zieht euch zurück, die sind in der Überzahl!“ war zu hören. Angesichts der Tritte und Schläge, die zum Teil mit Gegenständen vollzogen wurden, kann man von Glück sprechen, dass es keine Schwerverletzten gab. Auf Höhe des Netto-Discounters am Frankendamm trafen dann weitere Unterstützer ein und es wurde mit Hilfe einer Einkaufswagenkette sowie zwei größeren Mülltonnen eine Blockade errichtet. Auch hier war die Situation relativ undurchsichtig: Einige Neonazis kamen an den Seiten durch, andere setzten auf direkte Konfrontation in der Mitte der Blockade. Man musste seine Augen offen halten, da manchmal nicht klar erkennbar war, wer eigentlich zu welcher Demonstration gehört.

Nach minutenlangen Anspannungen und weiteren Konfrontationen sah dann die Einsatzleitung der Polizei offenbar ein, dass es an diesem Abend kein Durchkommen für Mvgida in Stralsund geben wird. Auch bei der Rückkehr der Demonstration am Hauptbahnhof kam es zu kleineren Zwischenfällen und Provokationen. Die Polizei tat sich schwer damit, an diesem Tag mit der Lage fertig zu werden. Man könnte sogar behaupten, dass es an diesem Abend keine Situation gab, die sie umfänglich unter Kontrolle hatte. Sie waren nicht nur unterbesetzt sondern haben die gesamte Situation unterschätzt.

Mvgida: Altbekannte Neonazis in altbekanntem Stil

Immer wieder gab es direkte Konfrontationen entlang des Demozugs, mehrere Neonazis zeigten den verbotenen Hitlergruß. Einige „besorgte Bürger“ filmten und machten Fotos, andere grinsten und provozierten. Man sah Neonazis, die Kleidung der Marken Thor Steinar und Ansgar Aryan trugen. Einer von ihnen schrie eine Frau an: „Pass auf Mädchen, bald wirst du auch eine Burka tragen müssen!“
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Im Demonstrationszug der Mvgida marschierten auch zugereiste Neonazis wie der Greifswalder Jura-Student Max B. mit. Der angehende Rechtswissenschaftler lebt in dem Haus der rechten Burschenschaft Rugia, nimmt regelmäßig an landesweiten NPD-Veranstaltungen teil und trat zuletzt bei der Räumung eines besetzten Hauses in der Brinkstraße in Erscheinung, als er – vor den Augen der anwesenden Polizeibeamten – Aktivistinnen mit Pfefferspray bedrohte und schließlich von den Ordnungshütern festgesetzt wurde. Hier zeigt sich ein weiteres Mal, dass aktive Neonazis mehr oder weniger unbehelligt an der Universität studieren und regelmäßig in rechtsextremen Strukturen in Erscheinung treten können, ohne von der übrigen Gesellschaft als solche wahrgenommen zu werden.

#NoMvgida: Rassistische Wutbürger auch in Zukunft stoppen!

Mvgida wurde bei ihrem ersten Auftritt in Stralsund von etwa 500 Menschen erfolgreich blockiert. Nicht nur die Anzahl der Unterstützerinnen, sondern auch die Bereitschaft einiger, sich den um die Islamisierung des Abendlands besorgten Wutbürgern direkt in den Weg zu stellen, waren wichtige Signale dafür, dass man sich in der Sundstadt gegen menschenverachtende Hetze zur Wehr setzt. Die Menschen Mecklenburg-Vorpommerns sollten jetzt an einem Strang ziehen und auch in Zukunft gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit auf die Straße gehen. Öffentliche Einrichtungen, Universitäten, Parteien und alle anderen Gruppen und Organisationen müssen sich deutlich positionieren, denn besonders hier in dieser Region ist es wichtig, eindeutige Zeichen gegen rassistische Hetze zu setzen!

Bus zur Mvgida-Demonstration in Stralsund

(Foto: Rosa Gottlieb)

Mvgida kommt wieder: Schon am 19.01. soll in Stralsund erneut gegen die Islamisierung des Abendlandes demonstriert werden. Zu der einzigen Pegida-Demonstration in Mecklenburg-Vorpommern dürfen am kommenden Montag neben den besorgten Bürgern auch wieder zahlreiche Neonazis und Rechtspopulisten aus dem gesamten Bundesland erwartet werden. Unterdessen mobilisiert das Bündnis Rock gegen rechts Stralsund landesweit zu Protesten gegen die Mvgida-Demonstration und lädt um 17.30 Uhr zur Teilnahme an einer Kundgebung auf dem Neuen Markt ein. Von dort soll später eine Menschenkette entstehen, die die Stralsunder Altstadt symbolisch von den Mvgida-Demonstranten abriegeln soll. Um möglichst vielen Menschen auch aus Greifswald den Protest gegen Mvgida zu ermöglichen, hat das Bündnis Vorpommern: weltoffen, demokratisch, bunt! einen kostenlosen Bus organisiert, der um 16.30 Uhr abfahren wird.

Weitere Infos:

Rosa Gottlieb ist Gründungsmitglied der Initiative “Uni ohne Nazis Greifswald“.

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