Genderpreis 2016 für Arbeiten über „Kruso“ und das Gesundheitssystem der DDR

Der Genderpreis der Universität Greifswald geht in diesem Jahr an Georg Brosche und Dr. Jenny Linek. Die beiden Forschenden wurden am Mittwoch für ihre Arbeiten von Rektorin Prof. Weber geehrt.

Seit zehn Jahren werden an der Universität Greifswald die besten wissenschaftlichen Abschluss- und Promotionsarbeiten aller Fakultäten, in denen die Geschlechterperspektive in besonderer Weise berücksichtigt wird, vom Rektorat und der Senatsgleichstellungskommission geehrt. Die mit 500 Euro dotierte Auszeichnung hieß bis 2015 Universitätspreis, wurde aber im vergangenen Jahr in Genderpreis umbenannt. In diesem Jahr geht der Preis an die Historikerin Dr. Jenny Linek sowie an Georg Brosche (Germanistische Literaturwissenschaft), der damit für seine Masterarbeit über Lutz Seilers Roman Kruso ausgezeichnet wird. Beide Arbeiten ragen nach Einschätzung der Jury aus der Auswahl der eingesandten Bewerbungen heraus und beeindruckten durch wissenschaftliche Fundiertheit. Sie präsentieren neue Ergebnisse von hoher Relevanz und setzen sich intensiv mit der Genderthematik auseinander.

genderpreis Greifswald

Die Preisträger und die Jury Jenny Linek (6. v.l.), Georg Brosche (3.v.r.) – Foto: Jan Meßerschmidt

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„Greifswald- Der private Blick“: Pflichtprogramm für Ortsverbundene

Am Sonntag wurde im Pommerschen Landesmuseum die Ausstellung „Greifswald — Der private Blick“ eröffnet. Die Exposition zeigt fast 500 historische Fotos Greifswalder Bürger von ihrer Stadt.

Am vergangenen Sonntag wurde es eng in der Museumsstraße des Pommerschen Landesmuseums. Zum bundesweit gefeierten Tag des offenen Denkmals wurde die Ausstellung „Greifswald — der private Blick“ eröffnet.

greifswald der private blick

Ein halbes Jahr zuvor rief das Pommersche Landesmuseum Privatpersonen aus Greifswald dazu auf, Fotografien aus ihrer Stadt, die zwischen 1960 und 1990 aufgenommen wurden, einzusenden und für eine Sammelausstellung zur Verfügung zu stellen. Der Rücklauf war enorm und schlussendlich wählte die Jury um den Kurator Mario Scarabis 489 Fotografien sowie einen Film aus etwa 3000 Einsendungen aus. Die daraus zusammengestellte Sonderausstellung verteilt sich über mehrere Räume und wird vom studentischen Fotoprojekt „IM BLICK“ ergänzt. „„Greifswald- Der private Blick“: Pflichtprogramm für Ortsverbundene“ weiterlesen

Der private Blick: Pommersches Landesmuseum sucht historische Fotos aus Greifswald

Das Pommersche Landesmuseum bereitet eine Ausstellung über das Leben in Greifswald in der Zeit von 1960 bis 1990 vor und bittet dafür Zeitzeugen um Mithilfe.

Die für die zweite Jahreshälfte geplante Ausstellung Greifswald — Der private Blick verfolgt das Ziel, den damaligen Alltag in der Hansestadt zwischen 1960 und 1990 möglichst umfassend und materialreich darzustellen. Das Pommersche Landesmuseum möchte mit der Zusammenstellung historischer Aufnahmen abbilden, wie die bauliche Entwicklung in der Stadt wahrgenommen wurde, welche Lieblingsplätze hoch im Kurs waren, welche Bauwerke geliebt, welche dagegen kritisch betrachtet wurden, wie man in Greifswald damals wohnte und was man Besucherinnen so alles gezeigt hat.

robert conrad heimatkunde greifswald(Foto: Robert Conrad, keine CC-Lizenz)

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Im Gespräch mit Angela Marquardt

Angela Marquardt wuchs in Greifswald auf, zog 1998 in den Bundestag ein und wurde als „PDS-Punkerin“ von den Medien hofiert. Vier Jahre später wurde der Fund ihrer Stasi-Akte publik; die frühere Hausbesetzerin wurde von ihrer Vergangenheit eingeholt. Im Frühjahr 2015 veröffentlichte Marquardt, die als Fünfzehnjährige von der Stasi angeworben wurde, ihre Lebensgeschichte und gewährt damit dramatische Einblicke in ihre Kindheit und Jugend. Vor ihrer Buchpräsentation im Koeppenhaus ergab sich die Gelegenheit für ein ausführliches Gespräch über die wilden Neunzigerjahre, rechtsextreme Kontinuitäten, ihr Verhältnis zur Linkspartei, über Scham und Vergebung und schließlich über die Zukunft der Jahn-Behörde. 

FLV: Angela Marquardt, du hast dich nach der Wende in der Greifswalder Hausbesetzerszene herumgetrieben. Wie hat sich die Stadt damals angefühlt?

AM: Das ist etwas schwierig zu sagen, weil diese Zeit so schnelllebig gewesen ist, dass man aufpassen muss, dass die Erinnerungen stimmen. Man ist unglaublich vielen Leuten begegnet, hat wahnsinnig viele Sachen gemacht. Ich erinnere mich, dass wir während der Neunzigerjahre nachts nach Hamburg gefahren sind und irgendwelche Polaroidkameras gekauft haben, die wir dann auf dem Greifswalder Markt vertickt haben, um davon wiederum Toastbrot oder das eine oder andere Bier zu kaufen. Ganz genau im Kopf habe ich noch das Klex, um das wir sehr lange gekämpft haben. Mich als Hausbesetzerin zu bezeichnen, wäre aber glaube ich ein Stück vermessen — da gab es andere, die dort auch wirklich gelebt haben. Ich hatte immer parallel die eigene Wohnung und habe natürlich nicht die ganze Zeit mit den Leuten abgehangen, aber war in der Wachsmannstraße und auch in der Anklamer Straße mit dabei. Dort besetzten die Nazis auch ein Haus.

angela marquardt in greifswaldDamals stand sehr viel Gewalt im Raum. Ich habe im Kopf, dass wir damals noch moderierte Gespräche zwischen Rechten und Linken führten. Da waren Maik Spiegelmacher und Frank Klawitter dabei, jemand aus unserer Gruppe und ich. Diese Auseinandersetzungen zwischen rechts und links waren damals in den beiden Zeitungen immer Thema. Parallel dazu kam dann das, was mein Leben grundlegend veränderte: Dass ich die Leute von der PDS kennengelernt habe und dort ein Stück weit das fand, was ich damals suchte. Nur den Nazis hinterherzulaufen, das ist nicht unbedingt mein Lebensinhalt gewesen; ich meine, ich bin klein und eine Frau.

FLV: Du bist Judoka!

AM: Ja, aber das waren auch schmerzhafte Begegnungen. Ich habe dann jedenfalls angefangen, mich in der PDS zu engagieren. Mein dortiges Engagement endete dann ja in einem relativ rasanten innerparteilichen Aufstieg, und dadurch bedingt, habe ich dann Greifswald ein bisschen hinter mir gelassen. Wobei diese Formulierung eigentlich falsch ist, weil ich ja immer hier gewesen bin. Ich musste lachen, als das Koeppenhaus mir ein Hotelzimmer angeboten hat – das brauche ich glücklicherweise nicht, weil ich noch ganz viele Freunde hier habe.

„Das ist kein neues Phänomen, sondern das gab es immer, und jetzt traut es sich einfach, lauter zu schreien.“

FLV: Mit der Wende kulminierten plötzlich die Möglichkeiten, die Freiheitsgrade erweiterten sich. Viele Protagonisten von damals schildern diese Umbruchszeit – mitunter etwas romantisierend – als sehr aufregend; vor allem die Unbestimmtheit, was ging und was nicht. „Im Gespräch mit Angela Marquardt“ weiterlesen

Buchvorstellung mit Angela Marquardt und Roland Jahn: „Vater, Mutter, Stasi – Mein Leben im Netz des Überwachungsstaates“

Die Stasi machte auf der Suche nach geeigneten Spitzeln selbst vor Kindern und Jugendlichen nicht Halt. Eines der prominentesten Opfer dieser Anwerbungspraxis ist die in Greifswald aufgewachsene Angela Marquardt. Sie hat ein Buch über dieses Kapitel ihres Lebens geschrieben, dass sie am Freitag im Koeppenhaus vorstellen wird.

Angela Marquardt legte in den Neunziger Jahren eine politische Blitzkarriere hin: Mit nicht einmal zwanzig Lebensjahren wurde die junge Punkerin überraschend in den Bundesvorstand der PDS gewählt; mit 23 Jahren folgte der stellvertretende Parteivorsitz. Kurz darauf gelang ihr der Einzug in den Bundestag, wo sie für die Dauer der Legislatur Mitglied der damaligen PDS-Fraktion war, ehe sie die Partei verließ und sich der SPD zuwandte.

angela marquardt mutter vati stasi

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Lutz Seiler liest im Pommerschen Landesmuseum aus „Kruso“

Am 8. April las Lutz Seiler im Pommerschen Landesmuseum aus seinem, von Beifall und der Krönung mit dem Deutschen Buchpreis umspülten, ersten Roman „Kruso“. Kulisse und Rahmen war die derzeit dort laufende Ausstellung Zwei Männer — ein Meer: Pechstein und Schmidt-Rottluff an der Ostsee.

Lutz Seiler im LandesmuseumNahe liegt es allemal: die Ausstellung zeigt Werke der beiden Expressionisten, die mit ihrer malerischen Liebe zum Meer einen ähnlich zwingenden Bezug zur Ostsee haben wie der im kleinen Kosmos der Saisonkräfte Hiddensees angesiedelte Roman Kruso. Nicht zuletzt basiert Seilers Buch mit seiner Bezugnahme zu Robinson Crusoe, im Kern auch auf der Beziehung zwischen zwei Menschen – dort: Freitag und Robinson, hier: der Protagonist Ed und sein Freund Kruso.

Ein Leseerlebnisbericht von Martin Hiller

Die von Prof. Dr. Eckhard Schumacher moderierte Lesung bot sowohl dem eingeweihten, als auch dem in der Sache dieses Romans noch unbelesenen Publikum auf- und anschlussreiche Einblicke. In zwei Blöcken, an die sich jeweils eine Interviewsituation mit Prof. Schumacher anschloss, las Lutz Seiler erst aus dem Anfang, dann aus dem hinteren Teil des Buches. Aus dem von ihm so genannten „Hauptteil“ las er nicht. Das tat dem Bann, den seine dichte Sprache auslöst, keinerlei Abbruch.

Kruso ist so ein Buch, das einen in seinem Umfangreichtum – gesotten in Recherche, Erfahrung und schriftstellerischem Handwerk – für eine gute Weile einnimmt, sich in die Welt des Lesers hineinwirkt und jene im Licht seines literarischen Tons neu glänzen lässt: Ein Buch, in dem es sich ein gutes Leseleben führen lässt, dessen metaphernreiche Sprache einem mit der Zeit heimlich auch auf die eigene Zunge schleicht; ein Roman, der mehr ist, als nur eine genüssliche Insellektüre auf dem Nachttischchen. Man muss sich hier erlauben, zu sagen: ein Roman wie eine Insel.

Künstler, Punks und Steilküstenschlenderer

Kruso faltet sein Geschehen über knapp 500 Seiten auf der Insel Hiddensee auf. Hiddensee – das ist die Insel der Tagestouristen, Steilküstenschlenderer und vom Inselwetter ganz wonnig gewordenen Gaststätteneinkehrer. Dieses sanddornsatte Eiland mit der Form eines Seepferdchens war zu DDR-Zeiten aber auch Künstlerkolonie und Sommerresidenz der Republik-Punks, die halbnackt und besoffen ums Strandfeuer kajohlten. Am obersten Ostrand der Republik, mit der weiten See unterm Kinn und dem gegenüberliegenden Dänemark vor der Nase, schlug auch damals schon das Fernweh zwei Gänge höher in der Brust – war es auf dem Festland doch eher verhältnismäßig eingezäumt. Ein süßer Duft von Aufbruch und eine milde Ahnung von Anarchie umfloren auch heute noch die Verheißung dieser, wenn nicht gar jeder Insel. „Lutz Seiler liest im Pommerschen Landesmuseum aus „Kruso““ weiterlesen