Endgeil! – Wolfgang Herrndorfs TSCHICK beendet Spielzeit am Theater Vorpommern

Eine Theaterkritik von Florian Leiffheidt

Wer am vergangenen Donnerstagabend im ausverkauften Rubenowsaal des Theater Vorpommern in Greifswald der letzten Premiere dieser Spielzeit – der Bühnenfassung des Jugendromans TSCHICK von Wolfgang Herrndorf – beiwohnte, hatte das große Vergnügen, einen Höhepunkt des ersten Jahres unter der Leitung des neuen Intendanten Dirk Löschner erleben zu können.

EIN STÜCK ÜBER JUGEND — EIN STÜCK ÜBER FREUNDSCHAFT

Maik Klingenberg (Felix Meusel), 15 Jahre alt und somit mitten in den Wirren der Pubertät, ist ein ziemlicher Außenseiter in der Klasse: gemieden, ohne Spitznamen und nicht zuletzt ausgeschlossen von der Geburtstagsfeier seiner angebeteten Klassenkameradin. Sein neuer Mitschüler Tschick (Dennis Junge), ein Jugendlicher mit russischem Migrationshintergrund und einschlägiger Vergangenheit, entwickelt sich für Maik erst zu einem Verbündeten, dann — in den Sommerferien — schließlich zu einem sehr guten Freund, mit dem er in einem geklauten blauen Lada eine Art Roadtrip erlebt, der seinesgleichen sucht. „Endgeil! – Wolfgang Herrndorfs TSCHICK beendet Spielzeit am Theater Vorpommern“ weiterlesen

Nicht völlig misslungen – „Die Zofen“ am Theater Vorpommern

Eine Theaterkritik von Georg Meier

Plakat Die Zofen Theater Vorpommern

Donnerstagabend, 20 Uhr, Rubenowsaal. Das Publikum sitzt sich auf zwei Tribünen gegenüber, die 46 Plätze sind nicht ausverkauft. In der Mitte eine kreisrunde Bühne, fast eine Kampfarena, an den Seiten zwei überlebensgroße Portraits einer herrschaftlichen Dame. Darunter sitzend jeweils eine Zofe, schlichtes schwarzes Kleid.

(Plakat: Theater Vorpommern)

 SEICHTES UND BELIEBIGES GEDUDEL 

Die Zofen spielen ein Spiel miteinander: Solange ist Claire, Claire ist die gnädige Frau und lässt sich also von sich selbst bedienen. Wer das nicht weiß, der ist verwirrt. Wer ist wer? Weder Programmheft noch Inszenierung helfen weiter. Susanne Kreckel und Josefine Schönbrodt sitzen sich gegenüber, jede hat ein Mikrofon. Wie eine Lesung fängt das Stück an, erst nach und nach spielen sich die beiden in die Figuren hinein.

Das Spiel der beiden sollte jetzt Fahrt aufnehmen, bis nach fast einer Stunde die gnädige Frau auftritt – so suggeriert es der Text, aber es gelingt nur streckenweise. Immer wieder hat man den Eindruck, als ob die Lust am Spiel – einem perversen Spiel voller Verbrechen, verbotener Erotik, wildem Freiheitsdrang und Mordlust – sich nicht recht einstellen will. Liegt es an den Schauspielerinnen? An der Inszenierung? An der lächerlich banalen Beschallung?

die zofen

Die Musik – seichtes und beliebiges Gedudel bis hin zu pseudogregorianischen Mönchsgesängen – hat für mich sicherlich einiges verdorben. Da hätte ich von einer Regisseurin, die sich in ihrer künstlerischen Biographie mit Aribert Reimann und Boris Blacher beschäftigt hat, deutlich mehr erwartet. Die Bühne macht es den Schauspielern auch nicht leicht: Zwei Publikumsgruppen, die beide bespielt werden wollen. Wendet man sich der einen zu, zeigt man der anderen den Rücken.

Immer wieder gelingt das Spiel aber auch. Gerade, wenn die Zofen nach einer wilden Jagd in einem Kreis von Wut und Anmaßung wie von einer fremden Macht in die Mitte der Bühne und zu unerwarteter Nähe und Zärtlichkeit gezogen werden, entstehen eindrucksvolle Momente. „Nicht völlig misslungen – „Die Zofen“ am Theater Vorpommern“ weiterlesen

Intrigen, Gift und Hassliebe am Theater Vorpommern: „Die Zofen“

Nach der Premiere in Stralsund steht nun auch in Greifswald die Aufführung der Zofen diesen Donnerstag zum ersten Mal auf dem Spielplan des Theaters. Das von Sabine Kuhnert inszenierte Stück baut auf dem meistgespielten Theaterstück des französischen Dramatikers Jean Genet — Les Bonnes — auf und gilt als ein Klassiker des 20. Jahrhunderts.

die zofen (Foto: MuTphoto)

Die beiden Schwestern Claire (Susanne Kreckel) und Solange (Josefine Schönbrodt) sind Zofen und haben ihren Herren mit anonymen Briefen ins Gefängnis gebracht. Im Gegensatz zu ihm hassen sie seine Frau (Gabriele Püttner), aber noch mehr verachten sie ihre eigene kümmerliche Existenz und ihre Armut.

„Wenn sie allein sind, fantasieren sie sich in die Rolle der Reichen, Erfolgsverwöhnten und Schönen. In den Kleidern ihrer Herrin träumen sie vom Glück der Unabhängigkeit, von den Wonnen des Luxus, von Champagner und endlosen Partys. Aber ihre heimlichen Rollenspiele sind Übungen fürs Leben – und deshalb beschließen die beiden, ihre Herrin zu vergiften.“ Doch der unschuldig Inhaftierte kommt überraschend wieder frei und der geschmiedete Plan ist nun plötzlich gefährdet.

Jean Genet ist ein Enfant Terrible der Literatur, das desertierte, sich prostituierte, vagabundierte und einige Zeit wegen „sexueller Abweichungen“ nicht in die USA einreisen durfte. Mehrere seiner Werke waren in Frankreich lange wegen ihres pornographischen Charakters verboten und auch die deutsche Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien nahm sich seiner an. Sein Drama Le Balcon wurde 1985 in das Repertoire der Académie française aufgenommen. Mehr zu seiner wirklich beeindruckenden und abenteuerlichen Biografie gibt es bei Wikipedia zu lesen.

Karten und weitere Vorstellungstermine gibt es beim Theater Vorpommern.

Fakten: 14.03. | 20 Uhr | Rubenowsaal (Greifswalder Premiere)