Das WM-Diktat

Im Frühjahr des Jahres 2004 machte ich Urlaub im Maghreb, und hielt mich zufällig zu jener Zeit in Marrakesch auf, als das Finale des Afrika-Cup zwischen Marokko und Tunesien in Tunis ausgetragen wurde. Marrakesch war schon zwei Tage vor dem Finale in Aufruhr, und unglaublich viele Menschen machten im Gespräch auf das Spiel aufmerksam. Es sollte eine Großleinwandübertragung geben.

Am Tag des Spiels war die Stadt gehüllt in ein rot-grünes Farbenmeer. Menschen haben sich die Flagge Marokkos auf die Wange gemalt, andere fuhren zu zweit und zu dritt, Fahnen schwenkend, auf Mofas durch die Stadt. Ausgerüstet mit Trillerpfeifen und was man noch so braucht, schwelgten sie in Vorfreude. Es war ein bis dato für mich einzigartiges Gefühl von Patriotismus. Auf der Suche nach der großen Leinwand spähte ich in die unzähligen Straßencafés, um den aktuellen Spielstand zu erfahren.

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Leider hat Marokko 1:2 verloren. Marrakesch hielt für ungefähr zwei Stunden inne und war wie paralysiert. Läden wurden vorübergehend geschlossen. Nach einiger Zeit schienen die Menschen sich wieder gefangen zu haben. Ein Straßenfest.
Das besondere an dieser Fußballbegeisterung war in meinen Augen, dass sie so massiv von der Bevölkerung getragen wurde, irgendwie richtig organisch. Und Fussball hat ja definitiv das Potential, verschiedenste Menschen zusammenzuführen. Da dürfen sich bei einem Tor Anwalt und Stahlarbeiter in die Arme fallen und auch der Deutsche kann unkritisert unsere Fahnen rausholen.

Eine solche WM-Begeisterung ist aber im Sommer 2006 in Deutschland nicht zu erwarten. Warum nicht? Zum einen gibt es massive Probleme, überhaupt an Karten zu kommen (da gibt es dieses unglückselige Losverfahren, die VIP-Karten und die Nichtübertragbarkeit), zum anderen scheint das Fussballereignis vor den Karren der Ökonomie gespannt zu sein: Weltmeisterbrötchen, Fan-Perücken und Freizeitshirts im WM-Look. Da vergeht der Spaß, und die „Wunder-von-Bern-Fußballromantik“ — schade drum.

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