Wer darf deutsch sein?

Oder: Neulich bei GrIStuF auf dem Greiswalder Markt. Ein internationales Festival und Helfer mit Schlüsselbändern, die sie verdächtig machen. Bei dem Anblick denke ich sofort an die leidigen Patriotismus-Debatten, an das Dritte Reich, an MIA und an die WM.

gristuf deutsch

Kurz und knapp die Frage: Wenn jeder Schwede vor seinem Holzhaus blau-gelb hisst, wenn jeder US-Amerikaner sein Auto mit Stars & Stripes schmückt, wieso dürfen wir – als dritte Generation nach den NS-Verbrechern – nicht auch ein bisschen stolz sein?
Vielleicht ist die WM in diesem Punkt doch gar nicht so übel wie mir bisher schien, überwindet sie doch zumindest für die Zeit des Wettkampfes unsere Patriotismus-Hemmung.

Aber dürfen wir überhaupt deutsch sein? Sollten wir nicht als Konsequenz der Vergangenheit darauf verzichten (müssen) und uns einer anderen Ordnung fügen? Wir könnten uns z.B. als Pommern, Norddeutsche oder Baltiker verstehen (also eher ein regionaler Bezug) oder als (West)-Europäer, Teil der alten Welt oder Weltbüger (also eher eine supranationale Struktur).
Ich für meinen Teil habe spätestens nach einem Auschwitz-Besuch ein gebrochenes Verhältnis zu diesem Land.

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6 Gedanken zu „Wer darf deutsch sein?

  1. Warum darf ein Spanier, Brite, US-Amerikaner oder Franzose stolzer auf sein Land sein als ein Deutscher? Zur Zeit der grossen Kolonialmächte wurden so viele Menschen gefoltert, verschleppt, verstümmelt und ermordet, dass man sich fragen muss, worauf sind die alle stolz? Auf Sklaverei? Auf Völkermord? Auf den Einsatz der Atombombe?

    Das Problem ist, dass das alles schon so lange her ist. Das 3. Reich ist vielleicht einfach nicht lange genug her um auf irgendetwas stolz zu sein, was es wert wäre. Schließlich hat Opa ja geschossen… Vielleicht sind wir auch heute aufgeklärter und solche grauenvollen Dinge geraten nicht mehr so schnell in Vergessenheit. Vielleicht können wir aber auch gar nicht sagen worauf wir stolz sein sollten. Volksmusik? Bayern? Bier?

    Oder ist da vielleicht doch was? Kunst? Literatur? Forschung? Sport? wer weiss… jedenfalls kann man 2 Dinge sagen:

    1. Wenn man sich in der Geschichte umschaut, dann gibt es einige Länder die nicht stolz auf ihre Vergangenheit sein sollten.

    2. Wenn man schon nicht auf die eigene Vergangenheit sein kann, dann kann man vieleicht auf vieles andere stolz sein. Ein Volk definiert sich schliesslich nicht allein über seine Vergangenheit.

    MfG

    Lars

  2. kevin schrieb grad im immergutforum:

    wieso soll man überhaupt stolz auf ein land sein? was ist das für ein blödsinn? wie kann man stolz auf irgendwelche grenzen sein, die sich ständig verändert haben, wieso soll man stolz auf irgendwelche adminitrativen räume sein? wieso soll man stolz auf etwas sein für das man nichts kann? nationalstolz ist einfach nur lächerlich und ein relikt aus längst vergangenen zeiten. wir sind alle menschen und wir sind alle gleich und wir leben auf dem planeten erde. so ne art stolz sollten wir vielleicht entwickln wenn uns außerirdische angreifen und wenn es heißt menschen gegen borg oder so. aber bisdahin brauchen wir son quatsch nicht.

  3. Natürlich hast du völlig recht mit deinem Hinweis, dass andere -die meisten- Länder ebenfalls auf eine blutige Vergangenheit zurückblicken können. Ich weiß nicht, ob es an der vergangenen Zeit liegt, wie groß die Scham ist. Gerade wenn die Verbrechen ideologisch eingebettet wurde, fehlt ja genau dieses Schamgefühl. Dafür reicht ein Blick zu den USA, Stichwort: Guantanamo, Umgang mit gefangenen Terroristen usw.

    Ich meine aber eigentlich den stolz auf ein Land, und nicht auf eine Vergangenheit. Sicher, die kollektive Vergangenheit ist essentiell für die kollektive Identität, aber relevant wird sie vor allem, wenn sie einem Gefühl des Stolzes auf ein Land entgegensteht.

    Und an Kevin:
    Ich habe mich vielleicht unglücklich ausgedrückt. Ich meine nicht „Land“ als administrative Kategorie, sondern eher als kulturelle. Nenn es Nation, Kultur, nenn es wie du willst.
    Menschen sind ja nicht stolz auf Grenzen, sondern auf Sprache, kulturelle und kollektive Vergangenheit im Sinne von Traditionen, auf die „großen Erzählungen“ eines Volkes usw.
    Nationalstolz ist überhaupt kein veraltetes Relikt, sondern politische Realität. Guck doch mal in die Welt, zu den unzähligen seperatistischen Konflikten. Da ist häufig Nationalstolz/Nationalbewusstsein ein Hauptgrund für Kampf und Konflikt.

    Wir sind alle Menschen, aber nicht alle gleich!

  4. Wer darf deutsch sein? Gute Frage. Sind wir aber nicht alle deutsch(e), ob wir wollen oder nicht.
    Mir persönlich bereitet es ein befremdliches Gefühl, wenn ich momentan durch die Stadt fahre und hunderte von Deutschlandflaggen. Zum einen, weil auch ich Antifa geprägt bin und man dadurch schon aus Prinzip SchwarzRotGold ablehnt. Wobei die Farben, die für den Holocaust stehen, so weit ich weiss auch schwarzweissrot waren.
    Kürzlich unterhielt ich mich mit jemandem über genau das Thema Flagge zeigen oder nicht. Wir kamen überein, dass es ein Indidiz für einen aufgeklärteren Umgang mit Nation und Vergangenheit sein kann. Nur, wenn ich mir die Leute anschaue, die die Fahne schwenken, zweifele ich daran, dass diese Leute sich mit ihrer Vergangenheit auseinandergesetzt haben und genau das macht mir ein bisschen Sorgen.
    Gestern las ich in der TAZ einen kurzen Artikel über Jan Delay, der ja auch irgendwie deutschkritische Texte singt, dass er trennt, zwischen Fussballstadion und Nationalmannschaft, und Deutschtümelei im Allgemeinen.
    Trotz allem ist und bleibt dies eine schwierige Frage.
    sagt Thomas

  5. man kann auf etwas stolz sein das man selber hingekriegt oder erreicht hat, aber ich kann doch nicht darauf stolz sein das goethe und schiller bekannte tolle sachen gemacht haben und zufällig auf dem selben flecken erde leben, der jetz deutschland genannt wird. ich hatte nix mit denen zu tun und hab auch nicht zu ihren tollen ideen beigetragen, kann mich also doch nicht damit identifizieren. wenn weimar jetz in ostfrankreich oder westpolen liegen würde, wären alle deutschen(denen denn vielleicht noch MV geblieben is..) auch nicht stolz auf goethe oder schiller, weil sie ja nich zu ihrem land gehören, ihre „kollektive identität“ nich mitprägen. ich meine man kann es toll finden was die gemacht haben aber nicht richtig stolz darauf sein. ne kollektive identität auf ein land bezogen ist quatsch, es ist schließlich nur eine nation und das heißt ein konstruiertes staatsgebilde an dem der geringste teil der menschen die in ihm leben es mitgestalten.

  6. ich bin stolz auf meine freunde, wenn sie etwas grossartiges schaffen. ich bin stolz auf meine eltern, weil sie grossartige dinge getan haben. das eine ist stolz auf die gegenwärtige leistung anderer, das zweite auf die vergangene leistung.
    wenn ich an mein verhältnis zu stolz und diesem land denke, dann bin ich nicht stolz auf goethe oder andere literaten. das was ich mit „stolz sein“ meine ist aber auch eine andere form des stolzes als bei leistungen mir direkt verbundener.
    dieser auf deutschland bezogene stolz ist eher eine form der anerkennung grosser kultureller schritte. insofern kann ich goethe als kulturschritt sehen, aber auch z.b. stanislaw lem. robert merle ist mein lieblingsautor. er war franzose. ich bin nicht stolz auf ihn, würde mich aber gut fühlen, ihn zu meinen „kulturellen ahnen“ zählen zu können.

    die nation ist defintiv ein konstruiertes staatsgebilde. aber es ist weniger konstruiert als ein land als administrativer raum, entstanden durch (willkürliche) grenzziehungen. ich verstehe nation vor allem als kulturelle und historische kategorie, und finde daher eine kollektive identität gar nicht so abwegig. man merkt das z.b. wenn man im ausland -nicht unbedingt mallorca oder so- deutsche trifft.
    und ich bin schon der meinung, dass wir diese nation mitgestalten. künstler, journalisten, autoren und musiker produzieren reflektionen über das und verändern es dadurch.
    und wenn man richtig haare spalten will: fortpflanzung und vor allem erziehung ist eine aktive mitgestaltung am land.
    aber das ist natürlich sehr konstruiert und es wird vom gros der masse auch sicher nicht so wahrgenommen werden.
    der punkt zu dem ich kommen will ist folgender:
    man ist versucht, nationen als solche erstmal zu verdammen. gerade mit dem wissen um die folgen eines ungezügelten nationalismus. letztendlich geht es aber darum, wie sich die nation konstituiert. durch abgrenzung? durch überbewertung? durch abwertung anderer nationen?
    da einen gesunden weg zu finden ist vielleicht gar nicht so verkehrt. das ist meine persönliche lektion aus der wm gewesen.

    sehr schön, dass diese debatte hier von quark nochmal raktiviert wurde.

    danke schön!

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