Alternatives Jugendzentrum abgerissen – ein Rückblick

Wer wird sich daran später noch erinnern? Diese Frage stellte ich vor zwei Wochen mit dem Hinweis auf die Neubauten in der Pfarrer-Wachsmannstraße. So wie mit den Baulücken auch ein einzigartiges Kapitel der jüngsten Greifswalder Stadtgeschichte verschwand, so hat es gestern Mittag völlig überraschend die Ruine des Alternativen Jugendzentrums am Karl-Marx-Platz getroffen. Innerhalb weniger Stunden wurde das Haus dem Erdboden gleichgemacht.

ajz greifswaldSeit 1991 wurde das ehemalige Kinderheim Hertha Geffke besetzt, anfangs geduldet und sogar kurzzeitig im Rahmen des Aktionsprogramms gegen Aggression und Gewalt (AgAG) gefördert. 1993 wurde das Haus an seine Hamurger Alteigentümerin rückübereignet. Es blieb besetzt, die Stadt hörte aber auf, mit den Bewohnern des AJZ – später in Café Quarks umbenannt – zu kooperieren. Das Projekt entwickelte sich zu dem mit Abstand legendärsten alternativen Veranstaltungsort Greifswalds. Hier wurden rauschende Feste gefeiert.

WO WIR AM LEBEN GEHINDERT WERDEN, FÄNGT UNSER WIDERSTAND AN

1999 wurde die Lage für die Besetzer und Besetzerinnen immer dramatischer, im November des Jahres gab es aus diesem Grund eine Demonstration, an der rund 800 Jugendliche mit Transparenten wie „Wo wir am Leben gehindert werden, fängt unser Widerstand an“ teilnahmen. Für den Erhalt des Hauses wurden in wenigen Wochen 1700 Unterschriften gesammelt.

zeitungsartikel trauerzug greifswaldDer kurzfristige Versuch, das Quarks zu kaufen, scheiterte am unangemessenen Kaufpreis und dem Verhandlungsunwillen der Alteigentümerin. Anfang Januar 2000 erhielten die Bewohner des AJZ die Räumungsaufforderung. Das Haus wurde am 4. Februar 2000 von Polizeibeamten geräumt.

Danach entlud sich in Greifswald eine unvorstellbare Frustration der Jugend. Die plötzlich obdachlosen Hausbewohner indes kamen zeitweise auf dem Dachboden des Cafés Pariser unter.

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Die Räumlichkeiten am Karl-Marx-Platz wurden schnell unbewohnbar gemacht, um eine erneute Besetzung zu verhindern. Anschließend überließ man das Haus dem Verfall. Mit dem Abriss des Gebäudes verliert diese Stadt eine Art subkulturelles Denkmal, das – auch wenn es in den vergangenen zehn Jahren leerstand –  an glanzvollere Zeiten erinnerte und dazu motivierte, Freiräume zu erkämpfen.

PARALLELEN IM UMGANG MIT DEM DENKMALSCHUTZ

Mit Blick auf die momentanen Entwicklungen um die Straze ist ein weiteres Detail interessant. Dort wird eindrucksvoll vorgeführt, wie leicht man in Greifswald dem Denkmalschutz begegnen kann und seiner ungeachtet ein traditionsreiches Gebäude verfallen lässt beziehungsweise abreißt.

Unter Denkmalschutz stand auch die Fassade des AJZ am Karl-Marx-Platz. Wie ernst es mit der Bewahrung solcher Güter genommen wird, kann man in diesem Video, das die gestrige Zerstörung dokumentiert, nachvollziehen.

[vimeo 7845099]

Am 4. Februar wird sich die Räumung des AJZ zum zehnten Mal jähren und es sind schon mehrere Veranstaltungen geplant, um der wilden Zeiten zu gedenken. Unter dem Namen we remember cafe quarks wird Ende Januar die Auftaktparty mit einem Balkan-Dancehall-Gypsy-HipHop-Mashup von Las Balkanieras begangen werden.

Es ist weiterhin geplant, eine Ausstellung über das Café Quarks zusammenzustellen. Hierfür wird noch dringend Material gesucht. Wer also noch Fotos, Videos, Zeitungsartikel, Plakate, Fyler etc. besitzt und die Idee unterstützen möchte, sollte nicht davor zurückscheuen, mich per E-mail zu kontaktieren. Ich bin dankbar für jedes Kleinod. Wer mir ein Stück der alten Quarks-Spiegelkugel bringt, kriegt Kaffee und Kuchen!

Flyer zum AJZ-Begräbnis

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Blogger lebewesen hat Bilder des  symbolischen Trauerzuges ins Rathaus (Februar 2000) veröffentlicht. Eine chronologische Übersicht der Entwicklung des AJZ offeriert der Likedeeler in seiner vierten Ausgabe.
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33 Gedanken zu „Alternatives Jugendzentrum abgerissen – ein Rückblick

  1. *ach* bin gestern dran vorbei gelaufen und dachte das kann doch wohl nicht sein… wie ne olle Zahnlücke im gewohnten Blick der freien Jugendtage… wie geil die Partys waren – die versifften “neuen” Klos, die Decke… peng-vorbei
    eingetauscht gegen einen Neubau ohne Identität!
    Lasst uns nicht auch noch die Straze wegnehmen lassen.
    Ein schöner Beitrag.

  2. Wieder wird ein super-historischer Ort aus meinen Erinnerungen dem Erdboden gleich gemacht…das AJZ wird aber immer in den Gedanken jener weiter existieren, die es je betreten haben. Zu mindest der Gedanke, kann man nur hoffen. Ich war zwar nicht alzu oft dort – aber wenn, dann waren es immer sehr gelungende Abende.

    Danke für den Ausflug zurück..

  3. Ich bin den Tränen nahe! DAS ist es also, was SIE aus DEM machen, was WIR lieben! Neun Jahre Drangsalierung und Räumungsstress, nur, damit sie es danach verrotten lassen und es danach einstampfen!

    DER TAG WIRD KOMMEN, UND DANN WERDEN WIR IHNEN NEHMEN, WAS SIE … ja was eigentlich? die wahrheit ist auf unserer seite, die liebe auch … das wilde frei leben, das sie vergeblich versuchen, uns zu nehmen … SIE KRIEGEN UNS NIEMALS KLEIN UND WERDEN FÜR IHRE TATEN IRGENDANN DEN GERECHTEN LOHN BEKOMMEN!!!

    In tiefer Trauer und Bestürzung um ein Stück Erinnerung an meine schönsten Zeiten, welches sie mit Füssen treten. Ein Denkmal, welches in seiner Botschaft aktueller und lebendiger es nicht hätte sein können, wurde dem Erdboden gleich gemacht!

    FRIEDE DEN HÜTTEN! KRIEG DEN PALÄSTEN!

  4. die spiegelkugel kriegste nich! die bleibt im ganzen! aber hat jemand dem basti schon bescheid gegeben? der ärmste hat das bestimmt noch gar nicht mitbekommen, da hinten in seinem landdominizil ….

  5. Vor genau acht Tagen wurde das ehemalige AJZ / Café Quarks abgerissen und damit ein Denk- und Mahnmal subkultureller Bewegung in Greifswald zerstört.
    Heute Abend um genau 21 Uhr wird aus diesem Grund eine Art Mahnwache am damit geschaffenen, alternativen “Ground Zero” Greifswalds stattfinden.

    Flankiert von den mobilen Beschallungs- und Beleuchungseinheiten der hiesigen Hedonisten und saisontypisch wie weihnachtstaumlig abgefüllt mit warmem Glühwein, wollen wir heute des verlorenen Freiraums gedenken und dabei auch das Bewusstsein für andere verlorene (z.B. die Straze), bedrohte (z.B. das Café Pariser) und gerettete Häuser (z.B. Grimmer Str.2) wiedererwecken.
    Kommt so pünktlich wie zahlreich!

    KULTURELLE HAUSERHALTUNG, UNSERE ART VON STADTVERWALTUNG!
    REMEMBER AJZ / CAFÉ QUARKS!

  6. bin leider in hamburg und werde dort mit der dort ansässigen greifswalder diaspora den abend in stillem gedenken verweilen …

    gruss an die gemeinde von paulemann und lenox

  7. ooh man, das ist echt traurig und denn wird wieder rumgeheult, wenn die “zecken” wieder auf der straße rumlungern.. für den erhalt alternativer wohn- und arbeitsprojekte!! lasst euch nich fertig machen!!

  8. Ich war zwei Jahre dort im Heim gewesen und nun sehe ich bei euch wie dieses Heim abgerissen wird. In mir stecken gerade sehr gemischte Gefühle. Habe nicht viel gutes dort erfahren müssen. Was ist nach der Wende aus den Kindern und Jugendlichen geworden die mit mir dort lebten?? Vielleicht liest es ja hier einer der auch dort im Heim gewesen war.

  9. Hallo,
    wir sind nach der Räumung noch mal im Haus gewesen und haben Fotos gemacht. Leider funktioniert der e-Mail-Link nicht. Dirk hat auch noch Flyer von seinen Goa-Parties im Quarks. Wenn Interesse für die Ausstellung dafür da ist, einfach melden!
    Viele Grüße aus Leipzig, Stefanie & Dirk

  10. He, großes Interesse. Meine Mailadresse findest du im Impressum. In der ersten Februarwoche soll es starten und es gibt schon einige Artefakte, die zusammengekommen sind!

  11. Pingback: Remember Café Quarks

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