Anklam: CDU-Mitglied vergleicht NPD-Ausgrenzung mit Judenverfolgung

Nach dem jüngsten Wirbel um die Anklamer Stadtvertreter der CDU, denen fehlende Distanz zur NPD vorgeworfen wurde, reagierte heute mit Marco Schulz ein weiterer Christdemokrat auf die Kritik und schrieb sich dabei um Kopf und Kragen.

AUSGRENZUNG DER NPD ERINNERT AN JUDENVERFOLGUNG IM DRITTEN REICH 

Auf dem von CDU/JU-Mitgliedern vor kurzem gegründeten Pommern-Blog erschien ein von Schulz geschriebener Gastbeitrag. Das Mitglied der Anklamer Stadtvertretung und des Kreistags Vorpommern-Greifswalds konterte die vom Nordkurier publizierten Vorwürfe mit einem pietätlosen und unangebrachten historischen Vergleich, indem er die Judenverfolgung im Dritten Reich verharmloste und mit den gegen die NPD gerichteten Ausgrenzungsbemühungen auf eine Stufe stellte: „Ich erinnere gern an das dritte Reich. Dort wurden solche Bürger letztlich sogar markiert, damit jeder sehen konnte, dass dieser Mensch wegen seiner Anschauung bzw. Religion ein Staatsfeind ist.“

screenshot schulz-anklam.de

(Screenshot schulz-anklam.de)

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Selbstkritische Worte über das regelmäßige Beisammensein von Mitgliedern der CDU und NPD sucht man in seinem Text vergeblich. Stattdessen wird Bürgermeister Galander angegriffen: „Nur sollte man sich generell mal die Frage stellen, warum denn die NPD solch Zulauf in unserer Region hat? Sind nicht vielleicht Menschen wie der Anklamer Bürgermeister mitschuldig?“

PARTEIPOLITISCHES PLEMMPLEMM 

Eine Scheindebatte jagt die nächste — mal geht es um die Planung des Anklamer Hansefests, dann stellt Schulz die Frage nach dem Umgang mit früheren Stasi-Mitarbeitern, um im nächsten Augenblick von NPD-Wählern statt von den NPD-Kadern zu fabulieren, mit denen man sonst einträchtig zusammensaß.

In der inzwischen lebendiger gewordenen Diskussion unter dem Beitrag spricht Schulz dann nochmal Klartext und bezeichnet das gemeinsame Kaffeetrinken mit der NPD als offene Auseinandersetzung mit dem Thema Extremismus, gegen den die Junge Union allein in Vorpommern-Greifswald mehr unternehme als die Jusos in ganz M-V: „Ich erinnere gern an das jährliche Osterfamilienfest, unsere traditionelle Sportnacht gegen Gewalt, die verschiedenen Sportturniere mit Jugendklubs oder unsere Weihnachtsmarkstände [sic!], wo sämtliche Erlöse den Kindern und Jugendlichen der Region zukommen. Wer selbst nur redet statt zu handeln, sollte sich beim kritisieren zurückhalten!“

So stellt man sich einen Parteisoldaten vor, der nebelkerzengerade Gewehr bei Fuß steht; und wo einer dieser Soldaten anzutreffen ist, sind die anderen häufig auch nicht weit weg! Egbert Liskow (CDU) aus Greifswald ließ sich die Ehre des ersten Kommentares unter dem unseligen Gastbeitrag nicht nehmen: „Hallo Marco, vielen Dank für Deinen offenen und klarstellenden Bericht.“

  • CDU UND NPD – dazu noch Galander – oh weh!!! (Pommern-Blog, 19.12.12)
  • Kaffeeklatsch mit Michael: In Anklam haben CDU und NPD ihre Berührungsängste überwunden (Fleischervorstadt-Blog, 19.12.12)
  • Vergleich von NPD-Ausgrenzung mit Judenverfolgung (Nordkurier, 19.12.12)
  • Nazis als „moderne Juden“? Schulz (CDU) verteidigt Umgang mit der NPD (Endstation Rechts, 19.12.12)
  • Anklamer CDU lässt die Masken fallen (Kombinat Fortschritt, 19.12.12)
  • Anklam: CDU und NPD vereint? (INO, 19.12.12)
  • Die Ritter der Kaffeerunde (Greifswald-Vorpommern wird Grün, 20.12.12)
  • Eklat in Anklam: CDU-Politiker vergleicht NPD-Ausgrenzung mit Judenverfolgung (ZEIT Online, 20.12.12)
  • Wirbel in Anklam: CDU und NPD an einem Tisch (NDR, 20.12.12)
  • Egbert Liskow (CDU): Klarstellung (CDU Greifswald, 20.12.12)
  • Nationale- und Christ“demokraten“ an einem Tisch! CDU vergleicht Tabuisierung der NPD mit der Judenverfolgung im 3. Reich! (solid-mv.de, 20.12.12)
  • Warum ich mit der NPD keinen Kaffee trinke – Meldungen vom rechten Rand der CDU (Grüne Castrop-Rauxel, 20.12.12)
  • Neo-Nazi ban compared to persecution of Jews (thelocal.de, 21.12.12)
  • Kuschelt die CDU mit den Nazis? (Grüne Vorpommern-Rügen, 21.12.12)
  • Kaffeeplausch mit Neonazis (Neues Deutschland, 21.12.12)
  • Noch ein tragischer Einzelfall in der CDU (Fefes Blog, 21.12.12)
  • Weihnachtsrabatt für Nazi-Vergleiche (Süddeutsche.de, 21.12.12)
  • Anklam: Die CDU, der braune Sumpf und eine scheinbar nie endende Liebesgeschichte (INO, 23.12.12)

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15 Gedanken zu „Anklam: CDU-Mitglied vergleicht NPD-Ausgrenzung mit Judenverfolgung

  1. Egbert Liskow, als Landtagsmitglied und „wissenschaftspolitischer Sprecher“ (hat er jemals was von Geschichtswissenschaft gehört?!) UND „Vorsitzender“ CDU-Kreisverband Vorpommern-Greifswald UND als „Bürgerschaftspräsident“ in Greifswald sollte seine „Positionen“ lieber nicht unterschätzen, denn sein Kommentar wird als das des Bürgerschaftspräsidenden, des Vorsitzenden der CDU, usw. wahrgenommen. Und dazu, dass es sich ja um „Einzelmeinungen“ handelt, kann eigentlich nur gelächelt werden, wir können froh sein, dass Malermeister Klex nicht seine Meinung zum Vorschein gebracht hat.

    Greifswalder CDU: Nehmt ein Buch in die Hand (z.B. Raul Hilberg: Die Vernichtung der europäischen Juden), überdenkt stark euren Begriff von Politik und den damit zusammenhängenden Agitationsweisen.
    Eine Schande. Armes Deutschland!

  2. „[…]in dem er die Judenverfolgung im Dritten Reich verharmloste und mit den gegen die NPD gerichteten Ausgrenzungsbemühungen auf eine Stufe stellte“

    Ich verstehe was du sagen willst und stimme da ja vollkommen zu. Aber irgendwie finde ich die Formulierung ein bisschen komisch. Ich weiß nicht warum. Dieses „Hier haben wir eine Stufe für die Ausgrenzung der NPD und hier eine für die Christen in China und hier eine Stufe für den Gaza-Streifen und hier eine für die Judenverfolgung“ finde ich irgendwie nicht wirklich richtig. Auch wenn mir konkret nicht einfällt, wie sich das formulieren lassen sollen müsste.

    Worte-Wirrwarr! Ich hoffe aber, es ist klar, was ich damit ausdrücken will. Dass der Kerl nur Stroh in der Birne hat, ist ja ersichtlich, Stufen hin oder her!

      1. weder verharmlost er die judenverflolgung im dritten reich, noch stellt er die angestrebte ausgrenzung der npd mit selbiger auf eine stufe. ein gültiger analogieschluss und dessen ableitungen bedürfen mehr als der erwähnung einer (vagen) ähnlichkeit. naja, wenigstens konnte das gewissen greifswalds wieder seiner lieblingsbeschäftigung nachgehen.

        1. Doch, in diesem Kontext tut er das: „“Ich erinnere gern an das dritte Reich. Dort wurden solche Bürger letztlich sogar markiert, damit jeder sehen konnte, dass dieser Mensch wegen seiner Anschauung bzw. Religion ein Staatsfeind ist.”“

  3. Mal ehrlich: So’ne Ausgrenzung einzelner Personen beim Pausenkaffee mit „Geh weg hier! Mit dir reden wir nicht.“ bringen die wenigsten in der nötigen Konsequenz.

    Weil man einen Falschdenkenden bei’ner Kaffeepause (er)duldet, gehört man nicht gleich auf rechts gedreht. Dass ein sich rechtfertigender CDU-Schulz auf künftige Markierungen der gefälligst Auszugrenzenden spekuliert und dafür ein böses Kapitel der Geschichte aufschlägt, ist dumm & unnötig gekontert von ihm. Muss aber nicht gleich extremst interpretiert werden. Er hat sich entweder unbeholfen oder bewusst stumpfprovokativ (Spiegelvorhalten wollend) ausgedrückt.

    PS:
    Nach Schauen der Doku „Showdown in Anklam“ lässt sich diese jetzige Provinzposse irgendwie einordnen. Da gabs ja auch schon regelmäßige Kaffeerunden und sogar Kaffeefahrten – viel absurder.

  4. der typ hat doch voll lack gesoffen, bei soner rhetorik is das auch überhaupt nich mehr überraschend dass er seine kaffeepause mit den nazis macht…scheint ja schon einiges aufgeschnappt zu haben

  5. Ehrlich gesagt wundere ich mich angesichts solcher Aussagen nicht nur über den Zulauf der NPD sondern auch, wie man mit einem Rest Vernunft überhaupt noch mit der CDU sympathisieren kann.
    Ein verbaler Entgleiser jagt den nächsten, ihre scheinheilige Doppelmoral wird verpackt in Sorge um die Gesellschaft. Ihr politisches Konzept ist das völlige Gegenteil christlich-demokrattischer Werte, was hier noch einmal deutlich unterstrichen wird.

  6. Kurze Nachfrage, was ist ein „Falschdenkender“ ?
    Jemand der demokratisch gewählt wurde und für eine politische Partei Im Parlament sitzt ?

    Das ist faschistoides Verhalten in Reinform. Aber hey, es ist für die gute Sache, nicht wahr? Da darf man auch mal gegen Gesetze verstoßen…

  7. Pingback: daburnas Logbuch

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