JU-Landeschef Liskow fordert Schlagerquote: “Mehr deutsche Musik!”

“Mehr deutsche Musik, besonders deutsche Schlager” sollen im Radioangebot des NDR gespielt werden. Was wie ein kulturrevolutionärer Pegida-Slogan klingt, ist eine ernstgemeinte Forderung des JU-Landeschefs Franz-Robert Liskow. Doch die geforderte Schlagerquote könnte nach hinten losgehen.

In Mecklenburg-Vorpommern wollen Schlagerfans vor dem Schweriner NDR-Landesfunkhaus für mehr deutschsprachige Musik im Radio demonstrieren. Das ist an und für sich nichts Neues — die Bürgerinitiative “Für ein besseres NDR1 – Radio MV” müht sich seit Jahren ergebnislos mit diesem Anliegen ab. Doch nun empfangen die germanophilen Radiohörer ein politisches Echo: Die feinfühligen Stimmungsseismographen der Jungen Union haben ausgeschlagen und die vermeintliche Gunst der Stunde gewittert. Der Zug mit der Schlagerquote verließ bereits den Bahnhof, als JU-Landeschef Franz-Robert Liskow (27) schleunigst eine Pressemitteilung veröffentlichen ließ:

Franz Robert Liskow Schlagerquote

„Der wachsende Anteil an verkaufter deutschsprachiger Musik muss sich endlich auch in den Programmen der Hörfunksender widerspiegeln.[…] 2004 empfahl der Deutsche Bundestag eine Mindestquote von 35 Prozent deutscher Musik. Dieser Wunsch nach freiwilliger Selbstverpflichtung hat jedoch nichts gebracht.[…] In einem sprach- und kulturbewussten Land wie unserem sollte es im Grunde auch ohne gesetzlich festgelegte Quote gehen, denn Einsicht ist besser als Zwang. Ob mit gesetzlicher Quote oder mit freiwilliger Selbstverpflichtung: Die Junge Union Mecklenburg-Vorpommern will mehr deutsche Musik im Radio hören!

(Montage: Fleischervorstadt-Blog)

Jung, deutsch und auf dem Weg nach oben

Was aber gehört zu der von der Jungen Union geforderten “deutschen Musik” und was nicht? Gegenüber der BILD sagte Liskow, dass der NDR noch immer glaube, dass junge Leute nur internationale Popmusik hören wollten: “Die sollten mal in Helenes Konzerte gehen!” Gemeint sind die Auftritte der Wolgadeutschen Jelena Petrowna Fischer, die sich seit November 2013 mit dem Hit Atemlos durch die Nacht in die Gehörgänge der Republik gräbt. Fischer gehört also dazu. Wie sieht es mit den Beatsteaks aus Berlin — eine der kommerziell erfolgreichsten Punkbands, die das Land zu bieten hat — aus? Was ist mit dem bilingualen Indierock, wie ihn Candelilla aus München oder die aus Österreich stammenden Ja, Panik spielen? Und könnten deutschsprachige Songs ausländischer Gruppen wie Laibach (Geburt einer Nation) oder David Bowie (Helden) den Quotenwart unreguliert passieren?
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Die vor über zehn Jahren geführte Debatte um die Deutschquote im Äther muss an dieser Stelle nicht nochmals aufgewärmt werden. Aber wenn in den Forderungen jener jungen Konservativen, die sich sonst nicht laut genug von der DDR abgrenzen können, ein ungeahnter Hang zum Sozialismus aufblitzt, kann das im Netz für Aufregung sorgen. Denn Liskows 35-Prozent-Vorschlag erinnert doch sehr an die 60/40-Regel, die das Ministerium für Kultur 1958 im Rahmen der Anordnung über die Programmgestaltung bei Tanz- und Unterhaltungsmusik beschloss, um den Anteil ausländischer Musik zu begrenzen.

“Und ich scheiß’ auf deutsche Texte!”

Überhaupt, seit wann goutiert die Junge Union Quotierungen und staatliche Eingriffe? Als es auf dem Tag der Jungen Union (Wirtschaft. Wachstum. Zukunft.) um die Frauenquote ging, klang deren Position noch ganz anders: “Quotengebundene Eingriffe in die Selbstbestimmtheit der Unternehmen und vermeintliche Regulierungsmaßnahmen wie das Schaffen einer Abhängigkeit von Förderungsmaßnahmen von einer Frauenquote lehnen wir entschlossen ab.”

Es dauerte nicht lange, bis die Nachricht von der Schlagerquote auf Twitter und Facebook die Runde machte und für netztypischen Spott sorgte. Nicht nur bekennende Konservative gerieten angesichts dieses offensichtlichen Anbiederungsversuchs ins Zweifeln, die Junge Union wurde sogar von Pro7 belächelt. Hier ein paar Tweets und Facebook-Kommentare zum Mitschunkeln:

https://twitter.com/preachermanmuff/status/567585188692381696

Facebook:

Reaktionen auf Schlagerquote der Jungen Union MV

5 Gedanken zu „JU-Landeschef Liskow fordert Schlagerquote: “Mehr deutsche Musik!”

  1. Wau, Bild ruft, ein Politiker antwortet entsprechend. Erinnert an einige andere Debatten:

    # 17. Bundesland Mallorca (Dionys Jobst, CSU)
    # Kürzung der Gesundheitsausgaben für Ältere (Philipp Mißfelder, CDU)
    # …

    Liskow macht sich also bereit für den Abschied aus MV. Schön.

    Alternativvorschlag: Junge Union kämpft für flächendeckende Verfügbarkeit von sehr, sehr schnellem Internet durch eine GB-tragende-Menschenkette-aus-BundeswehrsoldatInnen, engagiert sich für die Steigerung der Medienkompetenz durch Kenntnisse der Angebotsseite und dann kann jede Bürgerin im schönen MV die Musik hören, die gewünscht wird. Internet killed the radio star!

  2. DDR – Es war eben nicht alles schlecht … 😉

    Die angegeben Beispiele finde ich aber auf halbem Wege stehen geblieben! Deutscher Swing und Jazz (Till Brönner, Tom Gaebel) fehlen im Landesprogramm des NDR genauso wie Deutsche Klassik (van Beethoven, Mozart, Haydn) u.ä. Die positiven Wirkungen solcher Musik sind bewiesen, habe ich gerade in einer Doku gesehen.

  3. Wer keine Probleme hat, schafft sich welche. Hoffentlich können die Fordernden selbst alle Deutsch. Wobei, dadada hilft ja beim Nachholen.

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