Zur Namensdebatte aus Sicht eines Amerikanisten

Prof. Dr. Hartmut Lutz (Amerikanistik/Kanadistik)

Vorbemerkung

Für die Amerikanistik sind die literarischen Texte und politischen Einlassungen unseres Namenspatrons bedeutungslos, und für die internationalen Beziehungen der Universität Greifswald sind sie eher hinderlich. Aber es waren gar nicht Ernst Moritz Arndts Werke, die mich vor fast zwanzig Jahren dazu bewogen, zusammen mit dem Kollegen Werner Buchholz (Pommersche Landesgeschichte) eine Namensdiskussion mit dem Ziel der Rückbenennung zu initiieren, sondern es war die Bestürzung darüber, dass die Universität, an der ich mit Freude lehrte, einen Namen trägt, den sich der Senat im Jahre 1933 von Hermann Göring hatte verleihen lassen, um mit dieser Namensgebung zu zeigen, dass „Unsere Universität ….alle ihre Arbeit auf völkisch-nationale Grundlage stellen will.“ (Antrag von Rektor und Senat an den Herrn Reichskommissar für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung, 6. 4. 1933).

Diesen Namen, der zwei totalitäre Systeme in Deutschland überlebte, trug die alma mater gryphiswaldensis auch nach der Wende ohne eine grundlegende Diskussion und scheinbar auch ohne Skrupel weiterhin. Eine Namensbeibehaltung ist jedoch weder mit dem Geist des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland noch mit dem “Bewusstsein gegenüber der Verantwortung aus der deutschen Geschichte” (Präambel der Landesverfassung für Mecklenburg-Vorpommern) vereinbar, und wir plädierten daher für eine Rückkehr zum ursprünglichen Namen der Altehrwürdigen.

Nordamerikastudien

Reklame

Der von mir 1991/92 und 1994-2011 vertretene Lehrstuhl trug die Denomination “Amerikanistik/ Kanadistik: Englischsprachige Literatur und Landeskunde Nordamerikas”. Als Greifswalder Alleinstellungsmerkmale der Nordamerikastudien entwickelten wir hier besonders die Kanadistik und die Native American Studies (in etwa: “Indianische Studien”), in denen ich seit über vierzig Jahren international ausgewiesen bin. Wie Sie alle wissen, ist struktureller Rassismus auch in den USA ein prägendes historisches Phänomen, und man hätte etwa an Texten unseres Namenspatrons leicht Schattierungen dieser inhumanen Ideologie diskutieren können, aber unsere Lehrveranstaltungen finden in Englisch statt, und die amerikanische Literatur ist reich an eigenen Texten, die sich so oder so des Themas annehmen. In unseren Lehrveranstaltungen tauchte unser Namenspatron folglich nicht auf.

Ernst Moritz Arndt Vaterlandslied

Auch auf Forschungsreisen und Gastprofessuren in Nordamerika spielte der Name unserer Universität kaum eine Rolle. Germanisten, die ich an nordamerikanischen Universitäten traf, reagierten allerdings bisweilen mit Verwunderung oder Spott, und am Dartmouth College, einer „Ivy League“-Universität der USA, führten im Herbst 2001 Diskussionen mit lleginne aus den Abteilungen für Jüdische Studien und der Germanistik dazu, dass ich vor Interessierten aus diesen Fächern einen Vortrag zur Greifswalder Namensdiskussion hielt, obgleich ich an einem ganz anderen Department (Native American Studies) zu Gast war.

Doch ausgerechnet im Bereich Native American Studies ergab sich dann ein Berührungspunkt zum „Wissenschaftler“ Arndt. In seiner 1800 in Greifswald gedruckten Habilitationsschrift, Historisch-philosophische Erörterung, die einige Gründe aufstellt, mit denen die Zivilisation gegen die Einfälle Rousseaus und anderer verteidigt werden könnte, lässt sich unser Namenspatron in „§ 9“ über „Die Indianer Nordamerikas“ (S. 23-25) aus. Er fragt wie es geschehen konnte, dass auch nach dreihundertjährigem Kulturkontakt die nordamerikanischen Indianer „nicht dazu gebracht werden konnten, ihr wildes Leben abzulegen und ihren unbildsamen Sinn dem Ackerbau und den Künsten zur Verfeinerung zu öffnen“, und er sagt: „Niemals hat man ein Volk gefunden, das so energielos und faul und derart roh und gefühllos in seinen Sitten war, ohne alle Kraft und Tüchtigkeit.“ Des Weiteren behauptet Arndt, „Die Bewohner des Nordens wurden von wenigen Kolonisten kampflos von den Küstengebieten gewaltsam vertrieben.“ (kampflos gewaltsam vertrieben?)

Arndt schrieb diese Zeilen in einer Zeit, in der die Mehrheit der Urbevölkerung des nordamerikanische Ostens millionenfach europäischen Krankheiten erlegen war, und als die Überlebenden nach Westen vertrieben wurden. Davon hatte Arndt damals vielleicht keine Kenntnis, und seine Ausführungen bedienen sich populärer Vorurteile, die in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts in Europa durchaus gängig waren, und die dann in der zweiten Hälfte des darauffolgenden Jahrhunderts erst nach Darwin in rassenbiologischen Wissenschaftszweige mündeten. Aber es gab durchaus schon vor 1800 diametral entgegengesetzte Auffassungen über die „Wilden“ Nordamerikas (Vgl. Lutz, „Indianer“ und „Native Americans“: Zur sozial- und literarhistorischen Vermittlung eines Stereotyps, 1985, 257-266; ders. „’German Indianthusiasm’: A Socially Constructed German National(ist) Myth“, 2002, 167-184). Das Bild des Edlen Wilden, des bon sauvage, wurde allerdings primär im von Arndt so gehassten Frankreich entwickelt, und es wurde prominent von Rousseau verbreitet, gegen den Arndts Habilitationsschrift ja gerichtet ist. So scheint es zunächst naheliegend, die rassistischen Entgleisungen unseres Namenspatrons auf Arndts historisches Unwissen und seinen Franzosenhass zurück zu führen.

Die kanadische Nationalliteratur ist von schreibenden Frauen geprägt, und Hochschulen der Vereinigten Staaten waren führend in der Entwicklung von Gender Studies und feministischer Forschung. Dementsprechend bilden Frauenrechte und die Überwindung von Sexismus innerhalb der Nordamerikastudien ähnlich prominente Themen wie die Abschaffung der Sklaverei und der strukturelle Rassismus. In dem oben zitierte Paragraphen von Arndts Habilitationsschrift findet sich ein prägnantes Beispiel dafür, dass Rassismus und Sexismus ideologische Zwillinge sind, die selten entmischt auftreten. Arndt schreibt nämlich: „Wenn sie (die nordamerikanischen Indianer, HL) wirklich keinen Bartwuchs haben, der doch als Zeichen der Männlichkeit bei allen Völkern gilt, wenn ihre Frauen unfruchtbar sind und vorzeitig altern — zeigt das vielleicht fehlerhaften Bau der Glieder eines entarteten und gleichsam verderbten Geschlechtes an?“

Hier mischen sich in der rassistischen und sexistischen Herabminderung der nordamerikanischen Urbevölkerung in geradezu „klassischer“ Weise biologische (Bartwuchs; Unfruchtbarkeit; vorzeitige Alterung) und moralische Kriterien (Verderbtheit). Mit dem Begriff des „entarteten (Geschlechts)“ greift Arndt quasi prophetisch seiner Zeit um 133 Jahre voraus, wurde „Entartung“ doch später ein zutiefst dem völkischen, nationalsozialistischen Rassenhass dienende Bezeichnung für alles „nicht-Arische“ (Auf Arndts Juden-, Franzosen- und Slawenhass gehen Andere ein.). Es war also durchaus passend, dass sich der nazifizierte Senat der Uni Greifswald 1933 programmatisch eines völkischpommerschen Patrons bediente.

Internationale Beziehungen

Zeitung mit Fakten zum Namensstreit an der Universität GreifswaldWas aber fängt man mit diesem Namenspatron heute an, z.B. wenn man als Auslandsbeauftragter dem Anspruch unserer Alma Mater, eine weltoffene Universität sein zu wollen, entsprechen möchte? Was tut man, wenn man als wissenschaftlicher Pionier im Bereich der Native American Studies bzw. der Canadian Indigenous Studies indianische Gastprofessoren und Doktorandinnen nach Greifswald holt? Ich muss gestehen, dass ich versucht habe als Auslandsbeauftragter den Namen möglichst nicht als solchen zu thematisieren, und ich gestehe auch, dass ich weder den verschiedenen Indigenen Gastwissenschaftlern aus Nordamerika noch den beiden herausragenden Indigenen Doktorandinnen aus Kanada, die als erste Indianerinnen überhaupt in Deutschland ihren Dr. phil. erwarben, nichts davon erzählt habe, dass unser Namenspatron sie als Angehörige jener „vorzeitig altern(den)“ und „unfruchtbar(en)“ Menschen betrachtet hätte, die nicht „dazu gebracht werden konnten, ihr wildes Leben abzulegen“ und sich den „Künsten zur Verfeinerung zu öffnen.“

In ihrer rassistischen Hässlichkeit bieten Arndts Worte in diesen Fällen jedoch Stoff für Realsatire. Die erste der genannten Doktorandinnen, Jo-Ann Episkenew (Métis) aus Saskatchewan, eine vierfache Mutter, gewann für die veröffentlichte Fassung ihrer Greifswalder Dissertation in Kanada zwei Buchpreise, und sie wurde Direktorin des Zentrums für Indigenous Health Research an der University of Regina. Die zweite, die Indigene Aktivistin, UNESCO Beraterin, Lyrikerin, Romanschriftstellerin und Lehrerin, Jeannette Armstrong (Okanagan) besaß bereits drei Ehrendoktortitel, bevor sie sich entschloss in Greifswald eine interdisziplinäre Promotion in Indigener Literatur, Linguistik und Umweltethik anzustreben, die ihr dann an der University of British Columbia eine Stiftungsprofessur in Indigenous Studies einbrachte. Auf diese Doktorandinnen und ihre vielen internationalen Uni-Partnerschaften kann unsere um Weltoffenheit bemühte Universität Greifswald zu Recht stolz sein, auf ihre durch den Namenspatron verbürgte „völkisch-nationale Grundlage“ mit Sicherheit nicht.

Es liegt ganz allein in der Verantwortung des Senats, sich durch eine Rückbenennung von der hoffentlich nicht mehr bestehenden Absicht zur „völkisch-nationalen Grundlage“, die mit dem Namen Ernst Moritz Arndt verbundenen ist, zu distanzieren.

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Dieser Beitrag erschien zuerst in „Für die Universität Greifswald. Zeitung mit Fakten zum Namensstreit an der Universität Greifswald“ (2017, PDF-Download, 0,8 MB) und wurde mit freundlicher Genehmigung der Autoren auf dem Fleischervorstadt-Blog veröffentlicht.

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