Arndt-Debatte: Sachen, die passieren werden, und die wir uns jetzt noch nicht vorstellen können

Mit freundlicher Genehmigung von Brycke

Mit dieser gestern in der Ostseezeitung veröffentlichten Aussage aus dem Pro-Arndt-Lager hat die Posse um den Greifswalder Universitätspatron die nächste Dimension erreicht. Wir haben uns in der Redaktion zusammengesetzt und mittels der anerkannten Methode des Gehirnstürmens (Brainstorming) zwanzig Sachen ermittelt, welche für unsere Heimatstadt zu einem in diesem Zusammenhang genannten „Riesenproblem“ werden könnten.

(Ausriss Ostsee-Zeitung, 15.01.2018)

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Polizei greift Identitäre bei illegaler Pro-Arndt-Aktion auf

Heute Vormittag wurden am Hafen sechs Personen aus dem Umfeld der rechtsextremen “Identitären Bewegung” bei einer Pro-Arndt-Aktion von der Polizei gestört.

Am Donnerstagvormittag gegen 10.20 Uhr verhinderte die Polizei eine Aktion von Anhängern der sogenannten Identitären Bewegung am Greifswalder Hafen. Die Rechtsextremisten versuchten dort, ein 8 Meter mal 1,5 Meter großes Banner mit einem Arndt-Zitat an der Fassade des alten Speichers zu befestigen.

Anhänger der Identitären Bewegung in Greifswald von der Polizei aufgegriffen

Die Polizei stellte insgesamt sechs Personen im Alter zwischen 20 und 50 Jahren fest, die sich im abgezäunten Speichergebäude aufhielten. Eine Anzeige wegen des Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz und wegen des Verdachts auf Hausfriedensbruch wird geprüft.

Arndt ist in der rechtsextremen Szene beliebt. Ganz gleich ob Nationale Sozialisten Greifswald, die extrem rechte Burschenschaft Rugia oder die Identitäre Bewegung — für den Namenspatron der Greifswalder Universität haben sie gleichermaßen etwas übrig. Man schmückt sich gern mit den Zitaten des umstrittenen Antisemiten; wen wundert’s?

Die heutige Aktion der Identitären ruft nicht zum ersten Mal die Greifswalder Polizei auf den Plan. Bereits vor einem Jahr inszenierten sich die Rechtsextremisten mit einem illegal platzierten Gedenkstein vor dem Hauptgebäude der Universität.

Anmerkungen zur Rechtssicherheit der Namensführung „Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald“

Prof. Dr. Helmut Klüter (Institut für Geographie und Geologie, Universität Greifswald)

Rechtssicherheit

Die Rechtssicherheit staatlicher Entscheidungen stützt sich in Deutschland vor allem auf Art. 20 des Grundgesetzes. Dort heißt es in Satz (3): „Die Gesetzgebung ist an die verfassungsmäßige Ordnung, die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung sind an Gesetz und Recht gebunden.“ (www.gesetze-im-internet.de, 2018-01-02)

Diese Norm sollte auch für das Landeshochschulgesetz Mecklenburg-Vorpommern (Gesetz über die Hochschulen des Landes Mecklenburg-Vorpommern, LHG) gelten. Dort wird in § 1(1)1. die Greifswalder Universität „Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald“ genannt, wobei Satz (3) erläutert: „Der Name der Hochschule und die Bezeichnung der in Teil 9 vorgesehenen Ämter, Gremien und Organisationseinheiten werden in der Grundordnung festgelegt. Namensbestandteil ist der jeweilige Sitz der Hochschule.“ (landesrecht-mv.de, 2018-01-02)

Anmerkungen zur Rechtssicherheit der Namensführung „Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald“

(Foto: Michael Gratz)

2003 wurde die heute gültige Grundordnung der Universität Greifswald beschlossen, in der wie in der vorherigen die Hochschule als „Ernst-Moritz-Arndt Universität“ bezeichnet wird. “Anmerkungen zur Rechtssicherheit der Namensführung „Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald“” weiterlesen

Arndt als dänische Komödienfigur

Dr. Frithjof Strauß (Universität Greifswald, Skandinavistik)

Im großen Salmonsens Konversationsleksikon, Kopenhagen 1915, steht zu lesen:

«Arndt, Ernst Moritz, deutscher Patriot und Schriftst., geb. 26. Dez. 1769 auf Rügen, gest. 29. Jan. in Bonn. […] Nach der Schlacht bei Leipzig veröffentlichte er die Schrift „Der Rhein, Deutschlands Strom, nicht Deutschlands Grenze“. Er hatte große Verdienste an der Befreiung Deutschlands von der Fremdherrschaft, aber wurde gleichzeitig ein Vorläufer aller großdeutschen Bestrebungen mit ihren später maßlosen Forderungen nach der Erweiterung Deutschlands „so weit die deutsche Sprache reicht“. Unzufrieden mit der Entwicklung 1814 bis1815, unternahm er eine Reise nach Dänemark, um auch dieses germanische Land kennen zu lernen, und veröffentlichte 1818 den 4. Teil von „Geist und Zeit“, in dem er seinem Zorn über die „Dummheit, Feigheit und Trägheit“ seiner Widersacher Ausdruck verlieh. […] 1845 richtete er einen sehr gehässigen Angriff gegen Dänemark, der den Brief an ihn von Valgerda (d.i. Marie Andersen) in der Zeitung Fædrelandet provozierte. “Arndt als dänische Komödienfigur” weiterlesen

Arndt als Hochschullehrer und die Wissenschaft von der Geschichte

Prof. Dr. Werner Buchholz (Pommersche Geschichte und Landeskunde)

Die Historikerzunft ist sich weitestgehend einig: Arndt war kein Historiker. In der wissenschaftlichen Literatur sind gebräuchliche Bezeichnungen „Propagandist“ oder „Pamphletist“. Allerdings kursieren auch andere Benennungen. Diese berufen sich auch noch mehr als zwei Jahrzehnte nach der Wende auf Ausgaben von Arndt-Schriften, die zu DDR-Zeiten herausgegeben und im stalinistischen Sinne manipuliert wurden, indem etwa zentrale Textpassagen herausgestrichen wurden. Auch kommt es immer noch vor, dass Arndt-Schriften verschwiegen werden, die nicht in das gewünschte Bild passen, oder dass der Forschungsstand ignoriert und durch willkürliche (Falsch-)Angaben ersetzt wird. Ein jüngeres Beispiel für diese Art des Umgangs mit Arndt ist das Buch von D. Alvermann/I. Garbe (Hgg.), Ernst Moritz Arndt. Anstöße und Wirkungen (Forschungen zur pommerschen Geschichte 46), Köln/Weimar/Wien 2011 (s. Anhang).

Ernst-Moritz Arndt auf dem Rubenowplatz in Greifswald

(Foto: Michael Gratz)

Betrachtet man dagegen Arndt in seiner Zeit, stellt sich Vieles anders dar. Als Pamphletist und Propagandist stand Arndt von 1803 bis 1811 im Dienste des schwedischen Königs, danach fungierte er von 1812 bis 1814 als Chef der Propagandaabteilung des Zentralverwaltungsdepartements für die von den Verbündeten eroberten Gebiete, welches – besonders zu Anfang der russischen Gegenoffensive 1812/13 – weitgehend vom russischen Kaiser dominiert wurde. 1814 wurde Arndt in den preußischen Staatsdienst übernommen, dem er bis zu seinem Tode angehörte.

Arndt und der Vorwurf der Soldschreiberei

1831 und 1834 veröffentlichte Arndt mehrere Schriften, mit denen er seine Abkehr von den Idealen vollzog, die er 1813/15 verfochten hatte. Hatte er damals die Einführung von Verfassungen gefordert, so zog er nun ganz im Gegenteil mit der ihm eigenen Vehemenz und Emotionalität gegen die liberalen Verfassungen vom Leder, die 1830/31 nach der Julirevolution in der Schweiz, in Frankreich und in Belgien eingeführt worden waren. Gleichzeitig erneuerte Arndt die Forderung auf die Nordseeküste von der Eidermündung bis Dünkirchen unter Einschluss der Niederlande, des größten Teils Belgiens, Lothringens, des Elsass sowie von Teilen der Schweiz und deren Angliederung an ein von Preußen geführtes Deutschland. “Arndt als Hochschullehrer und die Wissenschaft von der Geschichte” weiterlesen

Ich möchte mich nicht schämen müssen…

Von Prof. Dr. Mathias Niendorf (Universität Greifswald, Osteuropäische Geschichte)

… als deutscher Osteuropa-Historiker in Osteuropa. Wenn man aus Greifswald kommt, dann gibt es immer etwas zum Erzählen — wo es liegt, wie schön es liegt, was es dort zu sehen gibt. Und es freut einen, im Anschluss an eine Tagung, wenn die Beiträge im Druck vorliegen, hinter dem eigenen Namen als Arbeitsort „Greifswald“ zu lesen.

Dazwischen aber liegen häufig genug peinliche Gespräche. Immer die gleiche Frage: Was sollen wir denn nun genau schreiben, also wie ist das noch mal mit dem Namen der Universität… Auf Taktgefühl darf man als Deutscher in Polen immer zählen. Es zu müssen, ist eine Belastung.

Arndt als Firmenschild

Wenn die Bundesrepublik sich auf die Traditionen der Paulskirche beruft, jenes ersten frei gewählten Männer-Parlaments in Deutschland, dann wissen geschichtsbewusste Polinnen und Polen, dass damals, 1848 in Frankfurt, auch die Zukunft ihres Landes verhandelt wurde. Dass dort gestritten wurde um die Frage, wie mit den historisch polnischen und sprachlich immer noch mehrheitlich polnischen Gebieten verfahren werden sollte — den Territorien, die Preußen sich Ende des 18. Jahrhunderts einverleibt hatte.

Der Anfang einer verhängnisvollen Traditionslinie

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