Gedenken in Greifswald, Blockieren in Dresden!

Der Arbeitskreis Kirche & Judentum lädt morgen zu einer Gedenkwanderung durch die Greifswalder Innenstadt ein. Anlass der Versammlung ist der siebzigste Jahrestag der Deportation jüdischer Bürgerinnen und Bürger.

Am 10.07.2008 verlegte der Künstler Gunter Demnig nach unzähligen anderen Städten endlich auch in Greifswald seine inzwischen berühmten Stolpersteine, die der Opfer des Nationalsozialismus erinnern sollen. Ein Teil dieser Steine markiert die Wohnorte verfolgter und deportierter Juden und wird die Route der Wanderung maßgeblich bestimmen.

Zur Judendeportation

Am 13. Februar 1940 fand die reichsweit erste Deportation von Juden statt. Vollzogen wurde sie an Menschen aus dem Regierungsbezirk Stettin. Unter den Betroffenen befanden sich vier namentlich bekannte Personen aus Greifswald: Else Burchard, Georg und Friederike Feldmann und Elise Rosenberg.

gedenkveranstaltung stolpersteine Insgesamt wurden nachweislich 1.120 Menschen aus dem Stettiner Regierungsbezirk deportiert, darunter vier Schwangere, die ihre Kinder am Deportationsort zur Welt brachten. Die meisten Betroffenen gehörten zur älteren und alten Generation. Nach bisheriger Kenntnis überlebten nur 19 Personen dieser Deportierten den Zweiten Weltkrieg. Über 70 der Verschleppten starben schon während oder infolge des viertägigen Transportes in die Region um Lublin. Viele andere starben unter unmenschlichen Bedingungen in den polnischen Deportationsorten Piaski, Głusk und Bełzice.

Mehr als die Hälfte wurden schließlich 1942/43 in den Vernichtungsstätten Bełzec, Sobibór und Majdanek umgebracht. Das 1940 völlig neuartige Geschehen wurde international beobachtet. Es blieb auch den deutschen Nachbarn nicht verborgen. Trotzdem ist dieses schockierende Geschehen in der Region heute nahezu vergessen.

Dresden: No Pasarán!

In Dresden versuchen Neonazis indes, den größten Naziaufmarsch Europas zu organisieren. Das Vorspiel der vergangenen Wochen, die konsequente Kriminalisierung jeglichen – auch bürgerlichen – Widerstands und zuletzt die Ankündigung des Innenministers, die anwesenden Polizisten mit Pepperballs, also mit Reizpfefferextrakt gefüllten Bällen, die beim Aufprall Pfeffergas freisetzen und in den USA schon ein Menschenleben gekostet haben, auszurüsten, verdeutlichen eindrucksvoll, mit welcher repressiven Qualität das sächsische Innenministerium agiert.

Die bündnisübergreifende Kampagne No Pasaran mobilisiert bundesweit für die absolute Blockade der Nazidemonstration, die jüngsten Meldungen zufolge durch das alternativ geprägte Viertel Neustadt geleitet wird. Ein Bus von [’solid] soll angeblich noch wenige freie Plätze haben (Bei Interesse unter bus[ät]solid-mv.de melden). Ein Mobilisierungsvideo, bei dem Bodo Strahlemann vor Freude eine Extrarunde gedreht hätte, gibt es auch.

Fakten: Gedenkveranstaltung | 13.02. | 10.30 Uhr | Universitätshof (Hist. Institut)

Stolpersteine

Gunter Demnig erinnert mit seinen Stolpersteinen an die Opfer des Nationalsozialismus. Im genauen Wortlaut beschreibt er sein Kunstprojekt für Europa wie folgt: „Ein Projekt, das die Erinnerung an die Vertreibung und Vernichtung der Juden, der Zigeuner, der politischen Verfolgten, der Homosexuellen, der Zeugen Jehovas und der Euthanasieopfer im Nationalsozialismus lebendig erhält.“

Stolpersteine in Greifswald

Auf der Internetpräsenz des Künstlers gibt es eine Chronik zu bestaunen, die verrät, dass er tatsächlich schon in vielen Städten unterwegs war, ist und sein wird. Am 10. Juli wird Demnig auch in Greifswald und Stralsund seine mahnenden Kunstwerke platzieren. 

Es werden Stolpersteine an folgenden Orten eingeweiht: Brüggstraße 12 (09.30-10.00), Domstraße 9a (10.00-10.30), Friedrich‐Löffler‐Straße 23d (10.30-11.00), Friedrich‐Löffler‐Straße 3 (11:00-11:30), Robert‐Blum‐Straße 11 (11.30-12.00) und Gützkower Straße 39 (12.00-12.30). Nachfolgend findet sich auch eine Übersichtskarte zu den geplanten Gedenkorten.

Der ganz normale Wahnsinn

Das verdient unbedingt ein Posting: Im Störtebecker-Netz ist ein Beitrag über neue Hamburger Stolpersteine zum Gedenken an die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus erschienen. Was man da liest, regt die Zehnägel zum Kräuseln an.

„So ist es zwar richtig, dass es während des Dritten Reiches homosexuelle Häftlinge in den Konzentrationslagern gegeben hat, nicht aber, daß es eine systematische Verfolgung von Homosexuellen mit dem Ziel ihrer systematischen Vernichtung gegeben hat. Wenn man im Dritten Reich als Homosexueller ins KZ kam, so dann in erster Linie deshalb, weil man gegen Paragraphen verstoßen hat, die schon in der Kaiserzeit festgelegt wurden und die in der Bundesrepublik wie auch in der DDR noch Jahrzehnte nach dem Krieg Geltung besaßen. Eingesperrt wurden für gewöhnlich solche, die sich an Minderjährigen vergangen hatten oder ihre Krankheit aggressiv und provokant auslebten oder aber auf andere Weise strafbar gemacht hatten.“

Ich denke, wir können davon ausgehen, dass politische Demonstrationen wie der CSD sicher ebenfalls den Tatbestand des provokanten Auslebens einer Krankheit erfüllt hätten, wenn man der Logik des Autors folgen würde. Dieses Mahnmal wurde jedenfalls mit rechtsextremistischen Parolen und Symbolen verunglimpflicht. Der Autor des Beitrages vermutet aber die Täter weniger in der rechten Szene, sondern spekuliert, dass Homosexuelle die Beschmierungen selbst zu verantworten hätten.

„Sinnigerweise gibt es bislang nicht den geringsten Beweis dafür, dass die Tat tatsächlich von „Rechtsextremen“ begangen wurde. So ist es für uns durchaus denkbar, dass die Tat von möglichen Geistes- und vielleicht sogar Bettgefährten Müllers begangen worden ist, um auf diese Weise Propaganda gegen Rechts zu machen und gleichzeitig irgendwelche Fördergelder für schwule Vereine einzustreichen.“