Kurze Wege, lange Nächte – das Greifswalder Wochenende im Überblick #38

Später werden wir uns noch häufig an die alten KAW-Hallen erinnern, an durchgehaltene Nächte und die aufgehende Morgensonne, an die betriebsame Geräuschkulisse des naheliegenden Bahnhofs und den einsetzenden Berufsverkehr. Doch der formidable Komplex wird im nächsten Jahr — kaum dass das letzte verschüttete Bier weggetrocknet ist —  in ein dringend benötigtes Einkaufszentrum umgewandelt. Morgen besteht zum letzten Mal die Möglichkeit, den Hallen ein angemessenes Adieu zu tanzen! Doch schon am Vorabend kann man einiges erleben, zum Beispiel im IKUWO, wo mit Candelilla eine der gegenwärtig spannendsten deutschen Bands auftreten werden. Eine Übersicht.

Kurze wege lange nächte

TRAGISCH: “GYGES UND SEIN RING” AM THEATER VORPOMMERN

Was tun, wenn die eigene Frau schön ist wie Aphrodite, aber niemand sie sehen darf? König Kandaules, dessen Frau Rhodope nur verschleiert auftritt, steckt in dieser misslichen Situation. Als sein griechischer Freund Gyges mit einem Ring auftaucht, der es vermag, Menschen unsichtbar zu machen, reift in ihm ein Plan, der gegen den heiligen Brauch verstoßen wird: Gyges soll sich mit dem Ring in das Schlafgemach von Kandaules’ Frau schleichen und sie betrachten. Das Unvermeidliche nimmt seinen Lauf.

Mehr zu der Tragödie von Friedrich Hebbel findet ihr in dieser Theaterkritik.

Fakten: 08.11. | 19.30 | Theater Vorpommern | ab 13,50 EUR

CANDELILLA — REVOLUTION GIRL STYLE NOW!

Die vier Münchenerinnen reisten bis nach Chicago, um dort mit Shellac-Mastermind Steve Albini — der unter anderem PJ Harvey, Bush und Nirvana produzierte — ihr neues Album aufzunehmen.

Bandfoto Candelilla

Die Reise über den Atlantik hat sich definitiv gelohnt — mit Heart Mutter legte die Gruppe Candelilla wohl eine der interessantesten Indie-Veröffentlichungen dieses Jahres vor. Hier kommt zusammen, was zusammen gehört: wohldosierter Noise und eine gute Portion Sonic Youth, die Wut von Riot Grrrl, Versatzstücke in deutscher und englischer Sprache und vor allem ein feines Gespür für großartiges Songwriting. Revolution Girl Style Now!

Nach dem Konzert geht es auf einer furiosen Aftershow mit Frau Bruch (female panda pop) und George & Harrison (60s, garage, psychodelic, lofi) weiter durch die Nacht.

Fakten: 08.11. | 20.30 Uhr | IKUWO | 5 EUR

WORKSHOP: EINS TRAGE DES ANDEREN LAST

Entwicklungspolitische Tage 2013Im Rahmen der Entwicklungspolitischen Tage dreht sich am Wochenende in der Museumswerft alles um den Bau von Lastenfahrrädern. Der Bau- und Bastelworkshop beginnt bereits am Sonnabend um 10 Uhr und geht auch am Sonntag weiter. Wenn alles klappt, wird es danach in Greifswald einige Lastenfahrräder mehr geben, die ausgeliehen werden können.

Die Museumswerft bildet den idealen Schauplatz für diese Veranstaltung und mit Marc Wright wird ein erfahrener Lastenfahrradbauexperte vor Ort sein. Um eine kurze Anmeldung per E-Mail (last[ät]greifkultur.org) wird gebeten.

Hier findet ihr eine Veranstaltungsübersicht der Entwicklungspolitischen Tage 2013.

Fakten: 09.11. | 10 Uhr | Museumswerft | 10 EUR

GEDENKVERANSTALTUNG ZUM JAHRESTAG DER NOVEMBERPOGROME 1938

Jahrestag Novemverpogrome

Anlässlich des 75. Jahrestages der Reichspogromnacht lädt der Arbeitskreis „Kirche und Judentum“ des Pommerschen Evangelischen Kirchenkreises am Sonnabend ein, gemeinsam vor der Erinnerungstafel in der Mühlenstraße der jüdischen Gemeinde in Greifswald zu gedenken.

Die Veranstaltung beginnt um 13 Uhr.

Fakten: 09.11. | 13 Uhr | Mühlenstraße

CKKT: GRÜSSE AUS OSTWESTFALEN

Bad Salzuflen — dieser Kurort ist Musikliebhaberinnen als heimliche Geburtsstätte der später so bezeichneten Hamburger Schule bekannt. Hier reiften unter anderem Frank Spilker (Die Sterne), Jochen Distelmeyer (Die Bienenjäger, Blumfeld), Bernd Begemann und Bernadette La Hengst heran. Aus Bad Salzuflen stammt auch der Songwriter Ron Diva, der inzwischen im nichtexistenten Bielefeld — der Metropole Ostwestfalens — lebt und dort sein zweites Album aufgenommen hat. Den Auftakt dieses Abends wird der Hamburger Newcomer Lasse Huckfeldt bestreiten.

Fakten: 09.11. | 21 Uhr | Café Koeppen | 8/5 EUR (erm.)

THE LAST DANCE: ADIEU-TANZ IN DEN BAHNHOFSHALLEN

Last Dance

In den alten Hallen am Bahnhof wurden in den vergangenen Jahren rauschende Feste gefeiert, an diesem Wochenende heißt es nun leider, von ihnen Abschied zu nehmen. Angesichts des nicht vorhandenen Überangebots an innerstädtischen Großräumen bedeutet die für das kommende Jahr geplante Umwandlung des einstigen Industrieareals in ein Einkaufszentrum einen Rückschlag für die kulturellen Potenziale der Stadt. Insofern ist das Thema der letzten Party nicht besonders vergnüglich: last chance <—> last dance.
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Getanzt werden darf dann unter anderem zu von Taman Noor ausgewählten Sounds. Der in Afghanistan geborene DJ und Musiker wurde 2011 zusammen mit den Elektro-Produzenten Gebrüder Teichmann nach Kabul entsandt, um dort ein vom Goethe-Institut gefördertes Kulturprojekt zu realisieren, das junge afghanische Musiker auf elektronische Musik aus Deutschland treffen ließ. Vor der Party wird Noor um 19 Uhr im IKUWO einen audiovisuell gestützten und von einem Film unterfütterten Vortrag halten, in dem er über diese Reise und die Konfrontation mit der dortigen Realität berichtet. Ab 22 Uhr wird er dann in den Bahnhofshallen mit experimentierfreudigeren Spielarten von House bis Dubstep begeistern.

Freundinnen langer Nächte dürfen sich weiterhin auf Eule:nhaupt (Elektro Cumbia Balkan/Lärz) und auf Seven (Drum’n‘ Bass Punk/Berlin) freuen.

Fakten: 09.11. | 22 Uhr | Bahnhofshallen | 8 EUR (6 EUR mit Friedland-Busticket)

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Der voranstehende Foto-Ausschnitt stammt von einer Party in den Bahnhofshallen während des Greifswald International Students Festival (GrIStuF) 2010. Es wurde von Jan Metschorin aufgenommen.

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