Einfühlsam: Die Greifswalder Innenstadt gibt es nun als Tastmodell

Tastmodelle sind die Antwort auf die Frage, wie man blinden Menschen die Architektur einer Stadt nahebringen und deren Dimensionen erfahrbar machen kann. Seit vergangenem Mittwoch gibt es nun auch in Greifswald ein Tastmodell der Innenstadt.

Die bronzene Skulptur wurde vom Bildhauer Egbert Broerken aus Welver (Nordrhein-Westfalen) geschaffen. Das Tastmodell stellt die Greifswalder Innenstadt maßstabgetreu dar; Hinweise mit Erläuterungen zu Kirchen, Straßen und Plätzen wurden auf dem Modell in Braille-Schrift notiert.

tastmodell stadt greifswald(Foto: Fleischervorstadt-Blog)

AUF FINGERKUPPEN DURCH DIE STRASSEN FLANIEREN

Christina Spierling, Geschäftsführerin des Fremdenverkehrsvereins, ist froh über die neue touristische Attraktion: „Es ermöglicht blinden und sehbehinderten Menschen in einer einzigartigen Art und Weise, die historische Innenstadt von Greifswald besser kennenzulernen, quasi auf Fingerkuppen durch die Straßen zu gehen.“Das Bild des Flanierens auf Fingerkuppen wird immer wieder bemüht, wenn es darum geht, das Tastmodell einer Stadt zu erklären. Tatsächlich beschreibt es die Erfahrung, haptisch die räumliche Struktur einer Stadt entdecken, die Anordnung von Plätzen, den Verlauf von Straßen und Gassen, die erheblichen Größenunterschiede zwischen kleinen Häusern, großen Häusern und Gotteshäusern zu erfahren, recht genau.

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Egbert Broerken beschäftigt sich inzwischen seit zwanzig Jahren mit Tastmodellen. Was mit einer Arbeit in Münster begann, lässt sich inzwischen auch in anderen deutschen Städten anfassen, zum Beispiel in Bayreuth, Berlin, Braunschweig, Bielefeld, Celle, Erfurt, Hamburg, Köln, Lübeck, Stralsund oder in München. Nun hat auch Greifswald einen echten Broerken auf dem Markplatz zu stehen. Doch von der Beauftragung bis zum fertigen Modell ist es ein weiter Weg, zu dem das Fotografieren aller Gebäude und Häuserzeilen ebenso gehört wie die Anfertigung maßstabgetreuer architektonischer Modelle, das künstlerische Modellieren der Wachsmodelle, der Bronzeguss und schließlich die bildhauerische Bearbeitung des Sockels. Bis so ein Tastmodell fertig ist, hat Egbert Broerken im Durchschnitt ein Dreivierteljahr daran gearbeitet. Der Bildhauer, der früher an der Fachhochschule für Design in Dortmund gelehrt hat, betrachtet Tasten nicht als Notbehelf. Vielmehr habe es eine eigene Erkenntnisqualität und sei damit nicht nur ein “künstlerischer, sondern auch ein menschlicher Beitrag zur Integration behinderter Mitbürger.” Die bronzenen Stadtskulpturen sind jedoch keineswegs nur an behinderte Menschen adressiert, sondern ermöglichen auch Sehenden einen Perspektivwechsel, nicht zuletzt deswegen, weil sich die bauliche Struktur Greifswalds viel leichter aus der Draufsicht erschließen lässt.
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Bevor das Tastmodell aus der Stadtinformation auf den Marktplatz umgesetzt wird, können alle Interessierten in der Stadtinfo darüber abstimmen, in welcher Richtung die Tastskulptur am geplanten Standort aufgestellt werden soll. Das Modell ist ein gemeinsames Projekt des Fremdenverkehrsvereins und der Stadtwerke Greifswald unter der Schirmherrschaft des scheidenden Oberbürgermeisters Arthur König (CDU). Die Kosten belaufen sich auf 35.000 Euro und werden mit Unterstützung der Peter-Warschow-Stiftung, der Sparkasse Vorpommern, der Stadtwerke Greifswald und des Lion Clubs Deutschland finanziert.

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