Eine Kompilation verändert die Stadt

Es ist allerhöchste Zeit, den Schaumwein im Kühlschrank zu deponieren, denn für den morgigen 12. Oktober ist die offizielle Veröffentlichung des Lokalkompilats klein stadt GROSS angekündigt.

Bereits am 20. August plauderten die Köpfe des Projektes mit dem Fleischervorstadt-Blog und steckten Sinnhorizonte ab. Nun liegt der Sampler im „aufwändigen Stülpkarton“ vor. Die CD wird auf rotem Teppich zur Rezeption gereicht. Die Verpackung läuft jeder Sinnbus-Pappkistchen-Bastelei den Rang ab.

„Nett zwergig knistert’s im Kamin. Hell-bumpernde Lebenszeichen aus der Provinz.“ (Martin Hiller)

Das Booklet wurde von neun verschiedenen hiesigen Künstlern und Künstlerinnen gestaltet und die abgedruckten Werke sind groß. Beinahe pförtnerhaft ist dem Begleitheftchen ein Manifest vorangestellt, hier wird die Stoßrichtung klargemacht, wird sich bekannt und positioniert:

„Man braucht nicht den großen Rummel um sich, wunderlich Inspirierendes gibt es überall, gar sowieso mehr im Kleinen als im Riesigen. In Zeiten von Ultra-Urbanitätswahn ist es doch schön, die Quellen des Inputs um einen herum fast bis aufs Atom zu kennen zu glauben. “

Die vier KSGler haben sich mit Pauken und Trompeten auf den Weg in die Öffentlichkeit gemacht und gleichen dabei eher selbsternannten Zuckerwatteverkäufern als im Musikgeschäft tätigen Marketing-Experten.

Mit ihrer Mischung aus hippelig-euphorischer Schüchternheit und wohlerzogener Eindringlichkeit erobern sie das Herz des Lokalpatrioten; in erster Linie lässt sich aber daran der Grad ihrer Leidenschaft für ihr Projekt erahnen.

Inzwischen sind einige Interviews im lokalen (Anzeigen-)Blätterwald erschienen, wurden NDR und GTV auf die Kompilanten aufmerksam und berichteten in unterschiedlichem Umfang und Qualitätsbewusstsein. Der Dreiminüter des NDR steht dabei beispielhaft für keine schlechte Recherche und mangelndes Verständnis der Rundfunkredaktion. Der Bericht soll nur für kurze Zeit online abrufbar sein. Die verzerrte Darstellung des Projektes bewegte KSG sogar zu einer Richtigstellung auf ihrem Blog.

Lokalfernsehen übertrifft sich selbst

Für eine wirkliche Überraschung sorgte allerdings unser Lokalsender Greifswald TV. In der Vergangenheit nicht unbedingt ein Titelaspirant in der Disziplin Gutes Handwerk und packende Geschichten, produzierten die Greifswalder unter der Federführung von Christoph Eder einen ganz hervorragenden Beitrag zum Thema.

Dabei wird die Entstehung und Umsetzung des Projektes filmisch begleitet, geht man auf Reise in die kleinen Wohnzimmer-Manufakturen von KSG, taucht ein in den zum Studio umgebauten Proberaum und erfährt in mehreren Interviews von Martin Hiller, Nico Schruhl und dem Grafiker Enrico Penske Hintergründiges zum Projekt.

Musik, Malerei und Manifeste

Die Greifswalder Kulturszene darf sich auf eine heiße Veröffentlichungsphase freuen, bis zum Rand gefüllt mit Konzerten, Partys, Lesungen und Ausstellungen der verschiedensten Künstler an den unterschiedlichsten Orten. Der Reigen wird am kommenden Mittwoch in der Alten Bäckerei und wenige Stunden später im Café Koeppen eröffnet werden. Weitere Informationen dazu folgen auf dieser Seite und sind außerdem auf dem Projekt-Blog abrufbar.

Programm Klein Stadt Gross

Die CD ist in der Stadtinformation, im Antiquariat Rose, in der Buchhandlung Weiland, in der Volks- und Raiffeisenbank, im Uni-Laden, im Vinyl-Kultur, Ravic, Koeppen und IKUWO für 10 Euro erhältlich.

Wir alle sollten morgen mit Korken knallen, unsere Terminkalender nach dem Veranstaltungsplan von KSG ausrichten und uns vor allem vom Esprit der vier Provinzbejaher anstecken lassen.

Die charmanten jungen Herren schließen ihr Manifest selbstbewusst mit einer markigen Parole, die viel über die Lage in Greifswald aussagt, Trotz mit Hoffnung verbindet und die Sache einfach auf den Punkt bringt:

„Chancen gibt es überall! Schampus gibt’s woanders!“

Intern: Fleischervorstadt-Blogger fliegt wieder nach Afrika!

Seit nunmehr neun Jahren unternehme ich in der nasskalten Zeit zwischen Februar und April Reisen in den Maghreb und verkürze so die Zeit bis zum Frühlingsbeginn. Dieses Jahr ist alles ein bisschen anders geartet; ich werde in zwei Tagen gen Nordafrika aufbrechen. Am Mittwoch werde ich in Marrakesch landen und bis zum ersten Oktoberdrittel in Marokko verweilen. Es wird mein bis dato sechster Aufenthalt in diesem magischen Land werden.

Etwas beschwerlicher könnte es allerdings dieses Jahr durch den Umstand werden, dass vom 21. August bis zum 19. September Ramadan sein wird. Nicht nur die kulinarischen Genüsse, auch die Mobilität mit dem öffentlichen Nahverkehr wird eingeschränkt sein. Dafür wird natürlich jeden Abend nach Sonnenuntergang frenetisch gefeiert. Für Donnerstag wird in Marrakesch eine Tageshöchsttemperatur von 39°C  prognostiziert, frösteln werde ich im Urlaub also nicht.

Toubkal, Ouzoud und wie sie sich alle nennen

djebel toubkal

Doch wie alles hat auch die Hitze ihr Gutes und die Schneemassen des höchsten Berges Marokkos, Djebel Toubkal, sind für wenige Monate verschwunden, so dass eine Besteigung des 4165 Meter hohen Gipfels einigermaßen unkompliziert möglich sein wird. Ein Bild des Giganten von 1930 habe ich bei Wikipedia gefunden. Im Sommer sieht es dort natürlich etwas milder aus.

Neben dem Toubkal-Nationalpark stehen noch einige andere Ziele auf dem Programm, wie zum Beispiel die Ouzoud-Wasserfälle, die in mehreren Etagen insgesamt 110 Meter in die Tiefe stürzen, oder eine von Frauen organisierte Arganöl-Kooperative in Essaouira.

ouzoud wasserfälle

Wer in den oft menschenleeren Bergzügen des Hohen Atlas‘ wandern möchte, ist auf gutes Kartenmaterial angewiesen. Das ist leider sehr rar. Sehr hilfreich war dieses Kartenverzeichnis. Mit viel Liebe und noch mehr Mühe, hat jemand die topographischen Karten der wichtigsten Regionen eingescannt, auf DIN A4 formatiert und veröffentlicht.

Ausdrücklicher Dank geht auch an meinen Lieblingsbuchhändler Uli Rose, der zwei vergriffen geglaubte Karten besorgen konnte. Während eines relativ kurzen Faltboot-Ausflugs an die Mecklenburger Seenplatte konnte ich vor zwei Wochen einige neue Ausrüstungsteile ausprobieren, für gut befinden und werde sie auf meine sechswöchige Reise mitnehmen.

Was bedeutet das für den Blog?

internetcafe marokko rifgebirge

Auf dem Fleischervorstadt-Blog wird es während der Zeit meiner sportlichen Erholungspause etwas ruhiger werden, obschon ich mich bemühen möchte, hin und wieder aus Nordafrika zu rapportieren.Wie ich 2007 im Rif-Gebirge fotografisch festhalten konnte, gibt es in Marokko auch an den unmöglichsten Orten Internetcafés, mal sehen, wie sich die Situation im Hohen Atlas gestalten wird.

Ich bitte um Nachsicht für entstehende Verzögerungen bei der Freischaltung von Kommentaren und der stark reduzierten Veröffentlichungsfrequenz. Wenn ich aus dem Urlaub zurückkehren werde, wird es hier sofort mit dem Tagesbetrieb weitergehen. Anlässlich meines Urlaubs und der weiterschreitenden Vergreisung wird heute Abend eine kleine Sause stattfinden, zu der ich herzlich einlade. Näheres auf der altklugen und blumfeldigen Einladung, die man über meinen Twitter-Account in Augenschein nehmen kann.

Stadt unterbindet Graffito am IKUWO

Schade, dass die AG Sanierung der Hansestadt Greifswald den Versuch, das IKUWO mit einem Graffito zu gestalten, unterbunden hat.

Der unnütze Vorbau, dem der frühere – und im Vergleich mit dem Rotklotz des Stararchitekten Lesche auch hübschere — Eingangsbereich zum Opfer fiel, sollte mit dem Affen verziert werden, der einst das Plakat vom Return of SUPERIKUWO schmückte. Später tauchte dieser pelzige Freund nochmal auf einem Flyer für die Zonic-Party im April 2009 auf. So gut wie alle Flyer und eine große Sammlung von sehenswerten Veranstaltungsbildern finden sich übrigens auf der IKUWO-Seite bei Flickr.

Leider stellte sich die Stadt quer, was die Gestaltung des Vorbaus angeht:

„…der Gestaltungsvorschlag des Vorbaus mit einem Graffiti in der vorlegten Form wurde im Rahmen der AG Sanierung am 20.05.2009 besprochen und abgelehnt. Die Stadt wünscht als Eigentümer des Gebäudes grundsätzlich keine Graffitigestaltung des Vorbaus…“

Das nenne ich mal ein klares Bekenntnis zu Streetart. Diese Entscheidung ist wirklich bedauerlich.

Fleischervorstädter und Grafiker Enrico Pense hatte mit viel Mühe den Affen für die Fassade des Vorbaus nutzbar gemacht und einen digitalen Entwurf vorgelegt, der als Gestaltungsvorschlag vorgelegt wurde. Der Entwurf liegt hiermit der Leserschaft dieses Blogs zur Begutachtung vor. Hätte diese Gestaltung den Vorbau nicht aufgewertet und nebenbei vor ungewollten Graffitis geschützt? Wie gefällt Euch der Entwurf?

Eindrücke vom Werftfest im Museumshafen

Was für eine beschauliche Veranstaltung in der Nachmittagssonne. Die Rettungsinsel-Regatta war sehr unterhaltsam. Darüberhinaus ist das Grundstück im Museumshafen angenehm vorbereitet worden. Aus veranstaltungstechnischer Perspektive gebührt vor allem dem riesenhaften FOH Respekt. Man darf auf das heutige Abendprogramm gespannt sein.

Übrigens, der Spaß mit den Rettungsinseln geht morgen weiter.

Werftfest die Fünfte

An diesem Wochenende wird zum nunmehr fünften Mal das Werftfest im Museumshafen stattfinden. Vor Ort werden sowohl am Sonnabend als auch am Sonntag Töpfer, Keramikkünstler, Schmiede, Bildhauer , Steinmetze, Holzschnitzer und Filzer auf einem Handwerkermarkt zusammenkommen. Auch an den Nachwuchs der Gäste wurde gedacht und man verspricht

werftfest greifswaldKinderspaß mit Schiffchenbau und Schiffchen schwimmen lassen, Seile drehen, Knoten lernen, Segel nähen, malen, puzzeln, filzen, töpfern, hüpfen auf dem großen Hüpfkissen …

Im Museumsschuppen werden Gemälde von Ulrike Braun aus Freiburg ausgestellt werden. Am Sonntag kann man um 13 Uhr unter fachkundiger Begleitung von Jochen Reich, dem letzten Bootsbaumeister der Buchholz’schen Werft, Rundgänge durch die Werft unternehmen. Ab 14 Uhr wird eine Rettungsinselregatta rund um die Ryck-Boje stattfinden:

Bist du fit für die Havarie? Das Notfall-Training der Museumswerft! Je 2 Seenotcrews (á 3 Personen) besteigen ihr Rettungsfloß und paddeln um die Wette bis zur Boje und zurück. Mach mit! Auch Kinder-Crews sind zugelassen, Rettungswesten für die kleinen Teilnehmer haben wir an Bord. Eine Badehose mitzubringen schadet möglicherweise nicht.

Für heute wird außerdem eine Artistik-Einlage der Berlinerin AGNIMA angekündigt. Sie soll nachmittags am Mast des Segelschiffes „Ruden“ herumklettern. Gegen 23 Uhr wird sie dann noch einmal am Feuer auftreten. Hier ist ein Video von ihr, mit dessen Hilfe jeder entscheiden kann, inwieweit das Spektakel lohnenswert ist:

Die Band Ma-Ma Morgana alias Ludger W Trio aus Berlin und Greifswald wird ab 21 Uhr unbekanntere Funk- und Soul-Perlen aus der Versenkung holen.

werftfest greifswaldAnschließend ist Dockparty angesagt, wie viel zu oft unter dem musikalischen Kommando des „Plattenrockers Roland“.
Der Eintritt für das Werftfest beträgt 1,50 € (aber nur für Erwachsene), das Konzert und die Dockparty werden 4 € kosten.

Der Erlös der Veranstaltung wird – wie jedes Jahr – direkt in den Erhalt der Museumswerft fließen. In diesem Jahr für die Restaurierung der Slipanlage.

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Im Gespräch mit „klein stadt GROSS“

Schampus gibt’s woanders! lautet der markige Untertitel des kurz vor der Veröffentlichung stehenden Kompilationsmeisterwerkes klein stadt GROSS. Am 12. Oktober ist mit einem Marathon der Veröffentlichungsfeierlichkeiten in Greifswald zu rechnen, immerhin sind nicht nur 18 hiesige Bands, Solokünstler und Musikprojekte auf dem Silberling vereint, ganz nebenbei haben vier (Wahl-)Hanseaten der Lokalvernetzung enormen Vorschub geleistet. Grund genug, sich mit den vier charmanten jungen Herren zu treffen und mit ihnen über das Projekt zu sprechen.

FLV: Wir beginnen unser Gespräch am besten mit einer kleinen Vorstellungsrunde, in der Ihr Euren Bezug zum Projekt klein stadt GROSS erläutern könnt.

MS: Mein Name ist Mathias Strüwing und meine Aufgabe bei klein stadt GROSS war neben dem gemeinsamen Diskutieren und dem Auswählen der Stücke eine technische, sprich: Mastern der Songs und Soundbearbeitung.

NS: Ich bin Nico Schruhl, auch Projektmitglied bei klein stadt GROSS.

Wir haben gemeinsam darüber gesponnen, dass es schön wäre, zu wissen, was genau eigentlich in musikalischer und künstlerischer Hinsicht in Greifswald passiert. Und dass einem der Überblick – selbst in dieser kleinen Stadt – dann doch irgendwie fehlt. Besonders schade ist es, dass gerade diejenigen, die in ihrem Wohnzimmer schöpferisch tätig sind, nicht gehört oder gesehen werden.

lumieres claires pressefoto

SR: Ich bin Stephan und auch in diese Gruppe hineingeraten. Wir haben lange nachts zusammengesessen, erzählt und geschwärmt von Dingen, die man doch mal machen müsste und irgendwann haben wir dann solange darüber geredet, dass wir dachten, wir müssen das jetzt mal probieren: In Greifswald einen Überblick zu schaffen, um auch Leuten, die entweder neu in die Stadt kommen oder neu in der Stadt sind und noch gar nicht für sich selbst den Überblick gewonnen haben, eine Möglichkeit dafür zu geben. Der Bezug zum Projekt besteht natürlich in der Freundschaft zu den drei anderen Leuten und in einem riesengroßen Interesse für Musik im Allgemeinen und für das kulturelle Schaffen in meiner Umgebung, in Greifswald.

lofi deluxe MH: Ja, und als vierter im Bunde bin dann ich, meines Zeichens Martin Hiller, zu nennen. Bei mir ist auch eine ähnliche oder dieselbe Verknüpfung wie bei den Anderen zu diesem Projekt vorhanden, nämlich dass uns interessiert hat, mal einen Überblick über künstlerische Tätigkeiten in dieser doch im Vergleich etwas kleineren Stadt zu erstellen; sowohl was musikalische Kunst als auch bildende Kunst betrifft. Und das wollten wir explizit zusammenbringen. Deshalb sind im Booklet in katalogähnlicher Form bildende Künstler vertreten. Am Booklet haben Nico und ich zusammen grafisch und praktisch mitgewirkt. Und letztlich sind wir ja auch alle musikalisch auf diesem Sampler vertreten.

NS: Vielleicht kann man das nochmal kurz zusammenfassen: Mathias ist bei Mexicola und Naked Neighbours on TV involviert. Martin ist Lofi Deluxe, Stephan ebenfalls bei Naked Neighbours on TV und ich bin bei Lumières Claires und Naked Neighbours on TV beteiligter Musiker.

Multifunktionalität, kulturelle Transparenz und das große Miteinander

FLV: In der Konzeptbeschreibung von klein stadt GROSS stand, dass es sich dabei um ein multifunktionales Projekt handle und dass ein Ziel die Schaffung kultureller Transparenz sei. Ihr habt alle drei von Überblicken gesprochen. Was bedeutet dieses Konzept für Euch? Mulitifunktionalität und kulturelle Transparenz?

NS: Das hat nicht nur damit zu tun, dass wir anderen Leuten einen Überblick verschaffen wollten, sondern auch damit, den beteiligten Parteien die Möglichkeiten zu geben, einander kennenzulernen und Vernetzung stattfinden zu lassen.

Mexicola

SR: Der Aspekt der Vernetzung ist schon einer der Hauptgründe, warum es überhaupt soweit gekommen ist. Es gibt zwar Bands, die hängen mehr miteinander herum, es gibt bildende Künstler, die miteinander Projekte starten. Aber dennoch lebt man trotz der kleinen Stadt Greifswald recht stark aneinander vorbei, wenn man nicht auch mal ein bisschen zu fördern versucht, dass die Leute näher zueinanderkommen. Das ist die Hauptfunktion.

Es geht darum, auch Räume zu schaffen, in denen die Leute einfach zusammenkommen und sich kreativ austauschen können. Zum Beispiel hat vor kurzem eine offene Jam-Session in der Alten Bäckerei stattgefunden, wo das alles zusammengeführt wurde: Die Ausstellung einer Künstlerin aus Greifswald, Antje Ingber, und dazu einfach zur Verfügung gestellte Verstärker und Instrumente, um Leuten die Möglichkeit zu geben, zueinander zu finden.

Eine andere Funktion des Projekts ist es, der Stadt ein anderes Bild nach außen zu geben, denn das wird oftmals ein bisschen verzerrt dargestellt.

naked neighbours on tv

Utopistische Kleinstadtromantiker

FLV: Was habt Ihr für Utopien von einer vernetzen, multifunktionalen, kulturell transparenten Lebensweise in Greifswald? Wie kann sich das in der Realität noch darstellen, außer – wie jetzt geschehen – bei dieser Jam Session?

MS: Es wurde ja schon angedeutet, dass die Idee klein stadt GROSS deutlich größer ist als die CD. Viele der Ideen, über die wir herumgesponnen haben, werden wir versuchen, in Zukunft zu realisieren. Im Klartext soll das heißen, dass wir eine Release-Woche planen, die verschiedene Locations in Greifswald involvieren wird. Dort versuchen wir dann den verschiedenen Künstlern des Samplers eine Plattform zum Auftreten oder Ausstellen zu geben.

NS: Es geht auch vor allem erstmal darum, dass man mit den ganzen schöpferischen Kräften, von denen sowieso jeder schon mal in Greifswald gehört hat, vernetzt wird. Diese ganzen Dinge spielen sich ja sonst nur zufällig ab – und das wollten wir forcieren.

Es geht außerdem darum, dass man sich kennt, dass man die Mitmenschen, denen man tagtäglich in dieser kleinen Stadt begegnet, kennenlernt; dass man auf sie zugehen kann und dass man auch bei ganz lapidaren Sachen, wenn es zum Beispiel um Equipment geht oder so, einander hilft, sich solidarisch gibt. Und das ist natürlich viel leichter wenn man weiß, wer sich hinter diesen ganzen Projekten verbirgt und wen es da überhaupt gibt.

R!o

SR: Was diese Utopie angeht, von der du gesprochen hast, das ist vielleicht ein Traum – aber dafür sind Utopien ja da – der durch diese Geschichte angestoßen werden könnte, dass vielleicht eine stärkere Unabhängigkeit der Musiker entsteht. Dadurch, dass sie diese Möglichkeiten der Vernetzung haben und auf diese Weise Potential, Technik, Kreativität, Infrastrukturen entstehen, die es für einige Leute sicherlich leichter macht, kreativ tätig zu sein und ihr Ergebnis nach außen zu tragen. Dinge, die sonst vielleicht einfach untergehen würden, wenn es sich nicht herumspräche, es niemand hörte oder sähe.

Überwindung von Genre-Grenzen als Programm

kein plan ganz unerkanntNS: Es gibt diese Vernetzung teilweise schon, ich denke dabei an die Bands Feine Sahne Fischfilet, Kein Plan und R!O, wo schon ganz starke Verquickungen existieren. Die reden miteinander, tauschen sich aus, beeinflussen sich auch künstlerisch gegenseitig. Das ist aber noch an das Genre gebunden. Es gibt aber eigentlich keinen Grund, warum man das auf so ein Genre beschränken sollte.

Ich war unlängst auf einem Konzert von Kein Plan und R!O und erwartungsgemäß war dort wieder nur ein Punkpublikum, bzw. ein erweiterter Freundeskreis. Dieses Konzert war so gut, dass man sich eigentlich fragt, warum es so wenige interessiert. Das kann meines Erachtens nur daran liegen, dass niemand diese Bands und die Musik, die dahinter steckt, kennt. Die hat durchaus einen Appeal für Leute, die sich sonst nicht unbedingt Punk oder Hardcore anhören.

MS: Das ist auch der Grund, warum dieser Sampler sich nicht auf bestimmte Musikrichtungen beschränkt.

MH: Deshalb war für uns ein ganz wichtiger Anspruch, über musikalische Stilgrenzen hinweg die Leute zu vereinen. Die Verbindung zwischen diesen verschiedenen Richtungen haben wir dann versucht, durch Interludes zwischen einzelnen Titeln herzustellen. Eben diese Interludes – es gibt auch noch ein Intro und ein Outro – spielen natürlich mit gewissen kleinstädtischen Romantiken oder auch Sounds, die eine gewissen Kleinstädtischkeit widerspiegeln.

Um nochmal auf diese Utopien zurückzukommen, hängt natürlich die Idee im Hintergrund, dass es auch spannend ist in Hinblick auf die gegenseitige Inspiration, Remixe anderer Bands anzufertigen.

Feine Sahne Fischfilet Force Attack 2009

NS: Mein Gedanke ist auch, dass den Leuten, die sich das anhören, das passiert, was mir passiert ist, nämlich dass man davon überrascht wird, was hier eigentlich los ist. Bands, welche ich mir sonst vielleicht niemals angehört hätte, wie zum Beispiel Disembowel. Die machen Metal auf ganz hohem Niveau. Das hat auf jeden Fall seine Berechtigung und muss unbedingt gehört werden, auch von Leuten die sonst vielleicht eher Pop hören.

„Hier kann man sich viel besser ausleben, weil das kulturelle Angebot ja irgendwie begrenzt ist“

FLV: Kleinstadt, Provinz; kleinstädtisch, provinziell. Wie ist das als Künstler oder als Musiker in der Provinz zu agieren? Vielleicht mit Hinblick auf deine Berliner Herkunft, Martin. Du hast da sicher den lebhaftesten Vergleich.

klein stadt gross coverMH: Also ich als Hinzugezogener, in Greifswald Gelandeter, zwischendurch zurückgezogen nach Berlin und dann wieder hergekommen, ich habe natürlich Greifswald auch sehr schätzen gelernt, weil dieses provinzielle durchaus auch einen sehr inspirierenden Charakter hat. Dieser kleinere Kreis, den diese kleinere Stadt mit sich bringt, der zwingt einen als Musikschaffenden auch dazu, selbst zu agieren. Wohingegen in der Großstadt oftmals ja auch einfach nur viel konsumiert wird, da wird sich in lange Warteschlagen gestellt und es werden Eintrittspreise teilweise horrender Natur gezahlt, um sich dann vergnügen zu lassen. Was in dieser Stadt so abgeht ist ja häufig so etwas, was man selber auf die Beine stellt.

NS: Das, was viele als unangenehme Enge beschreiben, die es in der Kleinstadt gibt, das hat auch seine Vorteile, nämlich dass man hier eine ganz andere Freiheit hat, zu agieren, weil bestimmte Sachen in der Großstadt untergehen würden, die hier gelebt werden können. Das hat sich auch im Gespräch mit den Künstlern, zum Beispiel mit Antje Ingber gezeigt, dass sie das sehr genießt, hier einfach machen zu können, worauf sie Lust hat und das auch entwickeln kann.

Wohingegen man in der Großstadt vielleicht einen Markt zu bedienen genötigt ist. Dass man sich viel eher daran orientieren muss, was gewünscht wird. Und hier kann man sich viel besser ausleben, weil das kulturelle Angebot ja irgendwie begrenzt ist.

MS: Das ist eine Flucht nach vorne. Das hätte auch als Untertitel für die CD gut passen können. Statt Schampus gibt’s woanders eben Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Das ist genau die Geschichte hier in Greifswald. Es gibt viele Leute die sagen, mich ödet die Stadt an, ich fahre lieber am Wochenende in eine große Stadt, Hamburg oder Berlin. Aber wenn man hier was machen will, dann kommt man relativ schnell zu Ergebnissen. Die Wege sind halt kurz und das sehen wir hier als Vorteil.

FLV: Dann macht Ihr den Kästner zur Kampfansage!

An dieser Stelle wurde vorerst und vorfreudig nur der Sinnhorizont der verheißungsvollen Idee klein stadt GROSS! ausgelotet. Aufgrund der lokalen popkulturpolitischen Relevanz des Themas wird im Rahmen der Veröffentlichung des Kompilats ein weiteres Interview stattfinden.