Auftaktdemonstration zur Castor-Woche

Glaubt man den Zahlen der Atomgegnerinnen und Castorskeptiker, beteiligten sich über 3600 Menschen am Sonnabend an der Demonstration gegen den geplanten Castor-Transport aus dem französischen Cadarache ins „Zwischenlager“ Lubmin,

Nur 1500 Teilnehmende zählte dagegen Franz-Robert Liskow von der Jungen Union, der in seinem OZ-Leserbrief einen „Demonstrationstourismus“ ausmachte und dem sich in den Demonstrationszug einreihenden Landesvater Erwin Sellering (SPD) vorwarf, die Atom-Debatte bewusst mit Lügen anzureichern, um bei der bevorstehenden Landtagswahl punkten zu können.

anti-castor-demo greifswald lubmin 2010(Foto: Feldweg)

Die Grünen hatten ein Zählteam an der Spitze des Zuges platziert, das an der engsten Stelle der Route innehielt und die vorbeiströmenden Protestlerinnen zählte. Dort stellte man eine Beteiligung von 3100 Menschen fest. Die Polizei hingegen schätzte die Zahl der Teilnehmenden sehr niedrig ein und korrigierte sich im Laufe des Tages nach oben. Es gab also genügend Raum für Zahlenklaubereien.

KEIN GRUND ZUM JUBELN

Ganz gleich, welcher Teilnehmendenzahl man nun anhängig ist, rund 3000 Demonstrierende sind eher ein Anlass zur Sorge als ein Grund zum Jubeln.

Ja, es ist Dezember und viele Menschen haben viel zu tun und ja, es war kalt – erst hat es geschneit und später geregnet. Aber sind 3000 nicht auch sehr wenig eingedenk der Tatsache, dass tatsächlich viele Unterstützerinnen reisebusweise von außerhalb anreisten? „Demonstrationstourismus“ nennt das der zitierte kleingeistige Filius des hiesigen CDU-Kopfes Egbert Liskow, „bundesweite Mobilisierung und Solidarität“ heißt das bei den Veranstaltern.

Zieht man diese externen Besucher ab, wird die Beteiligung an der Demonstration überschaubarer, und subtrahiert man anschließend jene Menschen, die parteilich organisiert sind, wird es nochmals enger. Sind in einer Stadt mit mehr als 60.000 Einwohnern nicht mehr Menschen auf die Straße zu kriegen? Geistert durch die Köpfe und Identitätskonzepte der Greifswalder noch immer der Arbeitsmarktmotor Bruno Leuschner und fürchtet sich niemand vor der Strahlung? Oder ist den Menschen hier vor Ort schlichtweg egal, dass Lubmin zum „Zwischenendlager“ wird?

Nichtsdestotrotz war die Demonstration der größte Greifswalder Anti-Atom-Protest seit 1992. (Ein Bild des mit Demonstranten gefüllten Marktplatzes gibt es hier)

anti-atom-demonstration greifswald lubmin(Foto: Feldweg)

PARTEIEN NUTZTEN DEMO ALS BÜHNE

Die Präsenz der politischen Parteien, ohne deren finanzielle Unterstützung die Veranstaltung so nicht hätte stattfinden können, empfanden viele Teilnehmer als befremdlich. Die wehenden Fahnen der LINKEN und der SPD passten sich nicht so recht in diese Szenerie ein, den Grünen sei Anti-Atom als ureigenes Parteiprogramm vergönnt, die lange nicht mehr gesichtete MLPD machte schmunzeln, mehr aber auch nicht.

Am lebendig fluktuierten Rednerpult wurde die milieuübergreifende Opposition wider die Bundesatompolitik deutlich, denn die Sprecherinnen rekrutierten sich aus sehr verschiedenen Lagern. Da waren die Professoren Michael Succow und Konrad Ott, Oskar Gulla (SPD) von der BI gegen das Steinkohlekraftwerk in Lubmin, Ulrike Berger (B90/Grüne), Bischof Hans-Jürgen Abromeit, Kerstin Rudeck (BI Lüchow-Dannenberg), Nadja Tegtmeyer vom hiesigen Anti-Atombündnis, Ingo Schlüter (DGB), Ulrike Mehl (BUND) und schließlich Verina Speckin (Mitglied Landesverfassungsgericht MV und Republikanischer Anwältinnen- und Anwälteverein).

lubmin nix da!ANTI-ATOM VOLKSFEST

Ansonsten war es einigermaßen volksfestlich, da gab es Biobratwurst und vegane Suppe, leichte Unterhaltung von Thomas Putensen und Band, brachte der Wahlgreifswalder Jan Degenhard den Spiritus der friedlichen Revolution aus dem Wendland mit und stimmte der Anti-Atom-Chor auf das Weihnachtsfest ein.

Allein das massive Polizeiaufgebot störte das sonnabendliche come together und zeugte davon, dass der Staat die Atomgegnerinnen ganz offensichtlich für viel gefährlicher hält, als sie eigentlich sind. Martialisch aufgerüstete Gruppen von Uniformierten belebten den Greifswalder Bahnhof und säumten die Demonstrationsstrecke.

Gegen 17 Uhr war der Spuk schließlich vorbei und die Protestler stoben davon. Ein letztes Mal lief das durch die Greifswalder Hedonistinnen adaptierte Pantha-du-Prince-Stück, dann war der Auftakt der Aktionswochen auch schon wieder Geschichte.

Beide musikalischen Beiträge der Hedonisten stehen selbstverständlich zum Hören und Herunterladen bereit. Wenigstens hat der Widerstand jetzt einen Soundtrack!

Andi G. Wehre vs. Pantha du prince – Castoralarm

Old Schotterhand & the HI allnostars – Atomkraft wegbassen!

Pop am Wochenende: Jan Degenhardt „Le Déserteur“

Die Reihe „Pop am Wochenende“ versammelt Greifswalder Musikgeschichte und hält über das klangliche Gegenwartstreiben in der wilden Provinz auf dem Laufenden.
degenhardtIn den vergangenen Jahren ist es um den Liedermacher Jan Degenhardt ruhig geworden. Der Sohn des berühmten 68-Singer-Songwriters Franz-Josef Degenhardt erreichte im Jahr 2000 den zweiten Platz im Wettbewerb Deutscher Folkförderpreis, der  inzwischen zum Deutschen Weltmusikpreis verwandelt wurde und jährlich beim Rudolstädter Tanz- und Folkfest vergeben wird.

Der Fachanwalt für Familienrecht war von 1990 bis 1993 als Dozent an der Universität Greifswald tätig und hat sich 1992 mit einer Kanzlei in der Hansestadt niedergelassen.

Sowohl sein Vater als auch sein Bruder Kai sind noch immer als Musiker aktiv und veröffentlichen stetig. Kai Degenhardt, seines Zeichens ebenfalls Liedermacher, ist heute Abend im St. Spiritus zu Gast.

degenhardt-kaiPolitische Lieder, Montagetechnik und „eigener Sound“ Kai Degenhardt zählt seine Musik zu dem Genre, das die Anglo-Amerikaner „Singer-Songwriter“ nennen und das bei uns unter „Liedermacherei“ läuft. Natürlich macht er politische Lieder – was auch sonst. Er schreibt und singt von sich und Gott und Welt und wie das alles zusammenhängt. Im landläufigen -sabinechristiansigen- aber ist seine Musikabsolut unpolitisch. Weder die Pendlerpauschale noch die Föderalismusreform werden von ihm auch nur im Ansatz textlich oder musikalisch behandelt.

Er bedient sich aus dem musikalischen Material der zeitgenössischen U-Musik, von Folk bis „Clicks’n Cuts“. Die verschiedenen Stilrichtungen benutzt er dabei für seine Zwecke. Das verdeutlicht er, indem er Ihnen Ihre musikalischen Sättigungsbeilagen entzieht. Der dabei mitunter entstehende musikalische Verfremdungseffekt gefällt ihm.

Fakten: 13.02. | 19.30 Uhr | St. Spiritus | 10 EUR / 8 EUR (erm.)

JAN DEGENHARDT „LE DÉSERTEUR“

Anbei ein Coverversion Jan Degenhardts von Boris Vians skandalösen Le déserteur, einem französischen Chanson, das seine militärkritische Stimme zur Zeit des französischen Algerien-Engagements erhebt. Es wurde 1955 von den Pariser Behörden zensiert.

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