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Oleanna – Ein Machtspiel

Eine Theaterkritik von Georg Meier 

Die Leitung des Theaters Vorpommern hat es sich ja schon vor einer Weile auf die Fahnen geschrieben, ein neues, junges Publikum ins Theater zu holen. Mit „Oleanna – Ein Machtspiel“ von David Mamet ist dafür ein Stück ausgewählt worden, dessen Ausgangssituation jeder Studentin und jedem Studenten in Greifswald zumindest prinzipiell vertraut ist: Ein Dozent, der in der Sprechstunde sehr freundlich ist und auf die Probleme der Studentin eingeht, belässt es nicht nur beim Schwadronieren, sondern wird plötzlich aufdringlich, sucht körperliche Nähe und verspricht eine Verbesserung der Note außerhalb der institutionellen Regeln.

Oleanna ein Machtspiel, Inszenierung am Theater Vorpommern 2014

DIESEN KLEINEN SCHRITT ZU DICHT AN SEINE STUDENTIN HERANTRETEN

Markus Voigt spielt diesen Professor. Es gelingt ihm mit beklemmender Präzision, diesen kleinen Schritt zu dicht an seine Studentin heranzugehen, die gestikulierende Hand für Sekundenbruchteile auf der Schulter, den Knien, den Händen der Studentin ruhen zu lassen. Trotzdem bleibt der Professor sympathisch, denn er zeigt sich einsichtig in Bezug auf seine Unfähigkeiten, und er fragt sich, wie er seinen Studenten ein besserer Lehrer sein könne als die, welche er selbst als Student hatte. Natürlich hat auch er Sorgen und Nöte: Die Entfristung seiner Stelle steht bevor, und am Telefon wird immer wieder über einen Hauskauf verhandelt.

Die Studentin, gespielt von Susanne Kreckel, scheint zunächst ein beliebiges junges Mädchen zu sein – eine von Hunderten Studenten, die jedes Semester im Büro des Professors auftauchen. Ihr wie ein Mantra wiederholtes „Ich verstehe das alles nicht!“ und ihr Insistieren darauf, auch noch das letzte Fremdwort erklärt zu bekommen, bringen ihr keine Sympathien ein. Aber im zweiten Teil haben sich die Vorzeichen vertauscht. Susanne Kreckel: „Wenn das Publikum am Anfang über meine Figur lacht, dann denke ich mir: ‚Na wartet, wer zuletzt lacht!‘“

Theater Vorpommern: Oleanna ein Machtspiel

Die beiden Schauspieler liefern sich einen fesselnden Machtkampf über drei Runden; in den beiden kurzen Umkleidepausen tuscheln die (Ex-)Studenten im Publikum und berichten von ähnlichen Situationen. Völlig überrascht hat mich der Zwischenruf eines älteren Herren neben mir, der, als der Professor schließlich voller Verzweiflung auf die Studentin einschlägt, lautstark fordert, dass dieser fester zuschlagen möge: „Die hat noch nicht genug!“ Da zeigt sich auf die eine oder andere Weise, dass das Theater Vorpommern mit diesem Stück bei dem Greifswalder Publikum einen Nerv getroffen hat.

UNEINGESCHRÄNKTE EMPFEHLUNG FÜR DIE GREIFSWALDER STUDIERENDEN 

Die Bühne und die Kostüme sind in ihrer unaufdringlichen Effizienz eine hervorragende Grundlage für zwei Schauspieler in Bestform. Es scheint fast, als wäre alles um diese Inszenierung perfekt gelungen.
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Aber ist das wirklich so? Warum braucht ein Stück, dessen Dramaturgie sich so klar aus dem Text ergibt, zwei Regisseure? Intendant Dirk Löschner auf Nachfrage: „Die beiden Regisseure haben sich abgewechselt, die Arbeit zusammen gemacht.“ Aber aus dem Theater hört man andere Dinge. Der Regisseur Dr. Sascha Löschner, Bruder des Intendanten, sei mit der Arbeit nicht zurechtgekommen und habe anderthalb Wochen vor der Premiere aufgegeben. Darauf sei der Dramaturg des Stücks, Franz Burkhard, eingesprungen und habe in kürzester Zeit mit den Schauspielern eine zusammenhängende Inszenierung erarbeitet.

Wie dem auch sei: Das Stück ist gerade für das studentische Greifswalder Publikum uneingeschränkt zu empfehlen. Mit „Oleanna“ hat das Theater Vorpommern die gesteckten Ziele klar erreicht, Inszenierung und schauspielerische Leistung sind gelungen, das Publikum ist bewegt – was will man mehr?

(Fotos: Theater Vorpommern)

Oleanna Ein Machtspiel

Stück von David Mamet
Deutsch von Bernd Samland

Inszenierung: Dr. Sascha Löschner, Franz Burkhard
Dramaturgie: Franz Burkhard
Ausstattung: Maria Kunze

Nächste Termine in Greifswald: 4./24. April, 15./25. Mai

Infos und Karten: Theater Vorpommern

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Georg Meier ist Mitglied des Studententheaters StuThe e. V.

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2 Responses to “Oleanna – Ein Machtspiel”

  1. Matthias says:

    Hallo Georg, wieso wundert es dich, dass jemand darauf reagiert hat? Das Stück löste damals in New York einen Skandal aus … Herr Burkhard ist übrigens nicht nur Dramaturg, sondern auch Regisseur und Dozent an einer Schauspielschule http://www.theaterwerkstatt-heidelberg.de/t_a-team.php?team_id=184 Ihn nur als Dramaturgen zu bezeichnen tut ihm daher etwas Unrecht. Ansonsten kann ich bei deiner Bewertung des Stückes dir voll und ganz zustimmen!

    • Georg Meier says:

      Hallo Matthias, vielen Dank für die Anmerkungen und besonders natürlich für die Zustimmung. Ja, das Stück hat damals Ende der 80er einen Skandal in New York ausgelöst, das ist gut 20 Jahre her und war damals Teil einer feministischen bzw. antifeministischen Diskussion, die es so nicht mehr gibt. Daraus folgt für mich nicht zwingend, dass mein Sitznachbar dazu aufruft, Leute zu verprügeln. Ich habe mich nicht gewundert, dass Leute reagieren, sonder wie sie reagieren.
      Franz Burkhard: Ich bin der unbescheidenen Meinung, dass er nicht nur ein, sondern sogar der fähigste Regisseur ist, der zur Zeit am Theater Vorpommern arbeitet. Leider hat er sich auch in dieser Spielzeit eintschieden, keine eigene Regiearbeit zu machen. Er hat in dieser Inszenierung auch als Dramaturg gearbeitet, mehr wollte ich nicht sagen, als ich ihn als Dramaturgen des Stücks bezeichnet habe.

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