Herrentag revisited

Da sich jährlich zu Christi Himmelfahrt, dem sogenannten Herrentag, das gleiche Prozedere wiederholt, sollte es sich mit den dazu passenden Artikeln ähnlich verhalten. Eine wärmstens empfohlene Leseempfehlung zu diesem testosteronen Spektakel aus dem Vorjahr:

Am Herrentag haut man sich den Bauch mit Bier voll und den Kumpels mit der Pranke auf die Schulter. Kalle, Fiete, Bernd und Torben fahren ziellos durch die Landschaft, während ihre Gattinnen schon mal die Kaffeetafel herrichten. Den Grill schmeißen die Herren Bratmaxen natürlich selbst an. Und nimm das Gemüse von meinem Grill du Sau! Ich fress’ nur Totgemachtes!

Zum ganzen Text geht es hier entlang…

herrentag

Rechtsstreit: Frauenfeind Mario Barth rückt der Linksjugend M-V zu Leibe

War das wirklich ernst gemeint? Der Rechtsanwalt Christian Schertz schickte der Linksjugend [’solid] Mecklenburg-Vorpommern unlängst eine Unterlassungserklärung, die darauf abzielte, dass der linke Jugendverband nie wieder den Steinzeithumoristen Mario Barth abbilden dürfe und die veröffentlichten Druckvorlagen umgehend von der Internetseite des Verbands zu entfernen habe.

Zur Vorgeschichte: Die Linksjugend veröffentlichte unlängst Materialien mit dem Konterfei des durch seinen frauenfeindlichen Humor berühmt gewordenen Komödianten, die von der Feststellung „sexistische Rollenklischees haben so einen Barth“ flankiert wurden.

„GEH DOCH SELBER SCHUHE KAUFEN!“

Der Verband unterschrieb die Unterlassungserklärung nicht, bemühte stattdessen selbst einen Anwalt und hob die Druckvorlage nach kurzweiliger Löschung wieder zurück auf die Homepage. In einer Pressemitteilung erklärte [’solid]:

mario barth stickerIm Kampf um Gleichberechtigung stellen Verunglimpfungen, und seien sie noch so unernst gemeint, immer einen Teil der Unterdrückung dar. Solche Äußerungen stellen im politischen Ringen der vielen Frauenrechtsorganisationen, Gleichstellungsbeauftragten, und auch politischen Organisationen, wie der unseren, eine Positionierung dar.

Mario Barth reduziert ein ganzes Geschlecht, die Hälfte der menschlichen Weltbevölkerung auf Schuhe, Einkauf und sonstige, als „frauentypisch“ angesehene Eigenschaften. Diese sind meist negativ behaftet und sprechen Frauen Kompetenzen ab. Sie stellen den Mann über die Frau und zementieren die derzeit herrschenden gesellschaftlichen Mechanismen.

Der Verband teilt in seiner Pressemitteilung außerdem mit, dass er auch weiterhin gegen die Verbreitung sexistischer Rollenklischees vorgehen werde. In Kürze soll ein thematischer Flyer veröffentlicht werden, der sich inhaltlich mit den durch Mario Barth bedienten Rollenklischees auseinandersetzen wird. Darüber hinaus wird eine Veranstaltungsreihe angekündigt, in der sexistische Unterdrückungsmechanismen in den Medien in den Fokus gerückt werden sollen.
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(Bild: Druckvorlage Linksjugend M-V)

Bollerwagen, Bier und Busenkumpels – Zum Herrentag nur das Dollste!

Eine Glosse von Ferdinand Fantastilius

kolumne 17vierEndlich wieder Herrentag. Nachdem die ollen Blagen tags vorher mit Spielzeugmüll und Naschwerk anlässlich ihres Kindertages geehrt wurden, kann Vati heute endlich auch die Sau rauslassen. Es handelt sich hierbei natürlich nicht um ein edles Glücksschweinchen aus Marzipan, sondern um einen haarig-miefigen Krawall-Eber alleroberster Kajüte.

Ein Totentanz auf Testosteron

Auch der kleinste Stiernacken darf sich heute endlich mal behaupten. Auch die schwachen Cliquenglieder – solche, die bei der Kiezpatrouille immer in zweiter Reihe hinterher stolpern – dürfen heute mitspielen, beim Wetteifern um den Allermaskulinsten. Highlife wie in der Bier- und Kräuterbutterwerbung. Heute darf auch der größte Blödmann ein Gourmeggle sein. Draußen im Grünen mal den Sack baumeln lassen, den man sonst so ungelenk durch das eigene Blödmannleben schleift. An allen Ortsecken tobt ein munterer Totentanz auf Testosteron. Blasse Versicherungsvertreter, hemdsärmelige Sportzeitschriftenabonnenten und schmerbäuchige Leitartikelleser, sie alle verwandeln sich an diesem warmen Junitag in geistbefreite, Schnapsgürtel tragende, biervolle Bollerwagen über teerweiche Straßenkreuzungen wuchtende Alltagseskapisten.

herrentag wagen

Die maskuline Selbstbehauptung ist in diesen Tagen der Metrosexualität und zunehmenden Alltagseinflussnahme des weiblichen Geschlechts wahrlich keine leichte. Die ehemals gemütlichen Radfahrten durchs Land werden zu regelrechten Orgien des ritualisierten Mackertums hochgeschraubt. Vermännlichung durch Entmenschlichung. Gleichschaltung durch Besinnungslosigkeit. Heute sind wir alle eins.

Bratmaxen und Bohnerwachs

Am Herrentag haut man sich den Bauch mit Bier voll und den Kumpels mit der Pranke auf die Schulter. Kalle, Fiete, Bernd und Torben fahren ziellos durch die Landschaft, während ihre Gattinnen schon mal die Kaffeetafel herrichten. Den Grill schmeißen die Herren Bratmaxen natürlich selbst an. Und nimm das Gemüse von meinem Grill du Sau! Ich fress‘ nur Totgemachtes! „Bollerwagen, Bier und Busenkumpels – Zum Herrentag nur das Dollste!“ weiterlesen

Der ganz alltägliche Sexismus – ein wütender Kommentar

Unregelmäßig und in viel zu langen Abständen geistert das vielerorts verfemte F-Wort durch den öffentlichen Diskurs. Zuletzt angefacht durch die – literarisch zweifelhafte, monetär und diskussionsanregend aber überaus erfolgreiche – Abrechnung mit dem Hygienediktat in Charlotte Roches „Feuchtgebiete“.

Auch die noch wesentlich kontroverser rezipierte und äußerst fragwürdige Lady Bitch Ray setzte mit einem neuen ‚Selbstverständnis als Frau‘ Impulse; als Gegenentwurf zu sexistischem Männerrap verharrt sie zumindest nicht mehr in der klassisch-femininen Duldungsstarre großstädterischen Jungs-Gebarens.

Die Sache mit dem S-Wort

Dann kam die Krise und das omnipräsente K-Wort verdrängte erst alle Diskussionen zum Thema und avancierte schließlich zum Wort des Jahres 2008. Was leider nicht verdrängt wurde, ist der ganz alltägliche Sexismus. Es ist diesem sexistischen Normalzustand zuzuschreiben, dass der Verwendung jenes S-Wortes in Kritik an gesellschaftlichen Zuständen häufig mit Dogmatismusvorwürfen seitens der Kritisierten begegnet wird, abgekanzelt als mißverstandener Feminismus oder schlicht und ergreifend als ‚witzig‘ bagatellisiert. Umso erbaulicher, dass sich eine Frau via E-Mail beim webMoritz meldete und ihrem Unmut über einen Flyer des TV Clubs Luft machte.

Hier ist ein Auszug der Email: „Ich finde, nun ist der Geschmack der schlechten Frauenwitze wirklich überschritten. Ich würde mich sehr freuen, wenn der Webmoritz diesen offensichtlichen Sexismus durch einen Artikel thematisieren könnte. Denn Sexismus ist Diskriminierung einer Menschengruppe. Wennn auf dem Flyer über irgendeine Nationalität, Religion oder Homo/Bisexuelle hergezogen worden wäre, dann hätten sich sofort alle aufgeregt und es hätte irgendwelche Konsequenzen, Reaktionen oder ernsthafte Gespräche mit den Flyerverantwortlichen gegeben (so hoffe ich jedenfalls), aber anscheinend ist Sexismus „normal“, in der Gesellschaft genügend akzeptiert, so dass der flyer „lustig“ gefunden wird. Wo bleibt die Sensibilisierung für Vorurteile egal welcher Art. Und bereitet ein so leichtsinniger Umgang mit Vorurteilen und Klischees nicht den Weg für weiteres Gedankengut ähnlicher Art, wie weit ist da der Schritt zur „spaßeshalben“ Diskriminierung anderer Menschengruppe?“

Um was geht es konkret? Der TV Club wirbt derzeit für die Medizine-Party „Sounds like medicine“. Die Rückseite des Flyers beheimatet einen Text, der sich in puncto Frauenverachtung nur schwer überbieten läßt und hier unkorrigiert wiedergegeben werden soll muss: „Letztes Wochenende haben wir mit ein paar Freunden über Bier diskutiert. Einer sagte dann plötzlich, dass Bier weibliche Hormone enthält. Nachdem wir ihn -wegen seiner dummen Bemerkung- aufs Korn genommen haben, beschlossen wir die Sache wissenschaftlich zu überprüfen. So hat jeder von uns, rein für die Wissenschaft, 10 Bier getrunken. Am Ende dieser 10 Runden haben wir dann folgendes festgestellt:

1. Wir hatten zugenommen.
2. Wir redeten eine Menge, ohne dabei etwas zu sagen.
3. Wir hatten Probleme beim Fahren.
4. Es war uns unmöglich auch nur im entferntesten logisch zu denken.
5. Es gelang uns nicht, zuzugeben, wenn wir im Unrecht waren, auch wenn es noch so eindeutig schien.
6. Jeder von uns glaubte er wäre der Mittelpunkt des Universums.
7. Wir hatten Kopfschmerzen und keine Lust auf Sex.
8. Unsere Emotionen waren schwer kontrollierbar.
9. Wir hielten uns gegenseitig an den Händen.
10. Und zur Kroenung wir mussten alle 10 Minuten auf die Toilette und zwar alle gleichzeitig.

Weitere Erläuterungen sind wohl überflüssig: Bier enthält weibliche Hormone!!!“

Es bedarf einer gehörigen Portion Dreistigkeit und einer antiquierten Vorstellung von Geschlechterrollen, um mit solchen Texten Werbung für eine Veranstaltung zu machen. Das sind die geistigen Kinder eines Mario Barth, also jenes ‚Komödianten‘, der es vermag, mit vergleichbaren Stereotypisierungen das Berliner Olympiastadion zu füllen. Auch wenn diese Art von ‚Humor‘ auf eine sehr viel ältere Tradition zurückblicken kann, so reproduzieren die Mario Barths dieser Gesellschaft doch die Salonfähigkeit frauenfeindlicher ‚Witzkultur‘.

Sounds like Medicine — smells like Sexism

Nicht viel weniger sexistisch gestaltet sich die Vorderseite des Flyers. Auch hier wirkt ein Rückblick haaresträubend. So eine Bildsprache muss erstmal bedient werden. Passend zum Partymotto wird der Typus naughty nurse kreiert: gewillt und duldsam auf den männlichen Teil des Publikums wartend.

An dieser Stelle drängt sich natürlich die Frage nach der Rezeption dieser Art von Werbung auf und vor allem nach den Reaktionen des (weiblichen) Publikums. Froh wäre ich, blieben sie zuhause, straften sie solche Denkweisen durch ihr Fernbleiben ab.

Stell dir vor, es wäre wieder Krankenschwesternabend und keiner ginge hin!