Im Gespräch mit Schorsch Kamerun

Martin Hiller umrundet und interviewt Schorsch Kamerun

Wer erinnert sich nicht an sie, an dieses marottenbehaftete Verpuppungsstadium im Leben: die Jugend. Diese Zeit, in der man ungestüm durchs Leben stolpert, hormonell bedingt sonderbare Gerüche ausstößt und nassforsch, bestenfalls unertappt, Unsinn verzapft, für den man auf der langen Mittelstrecke des müßigen Erwachsenseins zukünftig keine Zeit mehr zu haben droht. In der Jugend lotet sich so ein Menschsein aus, indem es sich in verschiedenartige Bezüge zur Welt setzt.

Wer aufmerksam gelesen hat und mit offenen Sinnen durch die Welt wankt, wird gemerkt haben: das ist alles nichts Jugendspezifisches. Sogar diejenigen, die noch mittendrin stecken und durch ihre aktuell-akute Jugend wie durch eine Geisterbahn torkeln, in der man aus Versehen die Baulampen angelassen hat, ahnen, dass man auch nach der Adoleszenz viel Unsinn, Unfug und Unnötiges macht — dann jedoch mit mehr Auswirkungen und weniger Unrechtsbewusstsein. Weil alle heutzutage am liebsten für immer jung sein wollen, sind Erwachsene heute so eine Art schlecht geupdatete Versionen von Jugendlichen. Kindsgeister, hineingepresst in Erwachsenenkostüme wie schlecht ausgelüftete Schlafsäcke. Die Werbe- und Marketingspatzen kreischen es fortwährend von den Dächern: Der süße Vogel Jugend solle heutzutage endlos währen und wer nicht jugendlich ist, ist ein espritloser Trottel. Schlussendlich stolpern sich die Menschen durch dieses Überangebot an Identitätsmöglichkeiten; ziel- und ortlos durch die zur endlosen Zähe gedehnte Dauerjuvenilität mäandernd.

Gegenkulturgespräche in der Brathähnchenhitze

Schorsch Kamerun entlehnt den Titel seines ersten Romans Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens einem Lied, das er vor zwanzig Jahren veröffentlichte. Das passt ganz prima, denn um die Jugend geht es in dem Buch auch. Verklausuliert in einer Reihe von Protagonisten und einer Erzählung, die am „Bimmelsdorfer Strand“ beginnt, flicht Kamerun hier unschwer erkennbar seine eigene Biografie hinein. Vom Timmendorfer Strand verschlug es ihn in den Achtzigern nach Hamburg, wo er als Mitbegründer des Golden Pudel Clubs auch heute noch seine Füße in der Subkultur hat.

schorsch kamerun interview

Beim Gespräch im Café-Garten des Koeppenhauses

Am 24. Juni stellte Schorsch Kamerun seinen Debütroman im Koeppenhaus vor. Aus dem Buch las er dabei kaum, vielmehr präsentierte sich die Veranstaltung im Rahmen der Koeppentage als heitere Plauderei zwischen Prof. Eckhard Schumacher und dem Autor. Was an diesem titelgebenden Ausspruch mit der Jugend so Stichhaltiges dran ist und inwiefern diese — speziell in Kameruns eigener Vita — mit den Ideen des Punk korreliert, darüber habe ich mit Schorsch Kamerun vor seiner Lesung, in der Brathähnchenhitze im Café-Garten des Koeppenhauses, gesprochen. „Jugend“ und „Punk“ spielen in dem Buch zwei große Rollen. Schorsch lässt sich trotzdem ungern auf diese Begriffe und schon gar nicht auf eine Patenonkelschaft seinerseits verhaften. Trotzdem kreist das Buch um genau diese Themen und öffnet Türen zu den dort angedrahteten Diskursen um Jungsein, Identitätssuche und Gegenkultur: Dinge, die heutzutage weniger klar definiert zu sein scheinen, als vor 40 Jahren – als Punk noch jugendlich war. „Im Gespräch mit Schorsch Kamerun“ weiterlesen

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„Bartleby – Eine Geschichte von der Wall Street“ am Theater Vorpommern

Der in den Niederlanden geborene und an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin diplomierte Regisseur Marc Wortel hat in einer spartenübergreifenden Inszenierung Herman Melvilles Bartleby, der Schreiber auf die Bühne gebracht. Der berühmte Stoff um einen Hilfsarbeiter in einer Anwaltskanzlei hatte am 30. Mai Premiere auf der Greifswalder Bühne des Theater Vorpommerns.

Eine Theaterkritik von Martin Hiller

„Ich möchte lieber nicht“ (Bartleby, 1853)

Der Plot dieses Stücks mit dem Untertitel „Eine Geschichte von der Wall Street“ ist leicht erzählt: es geht um einen jungen Mann namens Bartleby, der ein Anstellungsverhältnis als Kopist in der Kanzlei eines angesehenen New Yorker Anwalts antritt. Anfangs leistet er gute Dienste, nach und nach lässt er seine Tätigkeiten und schlussendlich auch sich selbst jedoch liegen und macht mit seiner passiven Verweigerung alle anderen wahnsinnig oder zwingt sie zumindest zur Auseinandersetzung mit sich und ihrem Gegenüber.

bartleby theater vorpommern greifswald
Läuft bei ihm: Bartleby, dargestellt von Stefano Fossat

Bartlebys ganz und gar betonungslos vorgetragenes „Ich möchte lieber nicht“ erscheint simpel und schlüssig, macht ihn und sein Wesen dabei aber doch ungreifbar und ihn selbst schier unangreifbar. Dieser harmlos wirkende Mann mit den hängenden Schultern und dem leeren Blick — mit minimalen Mitteln herrlich weltentrückt gespielt von Stefano Fossat — ist keine Blaupause des gleichgültigen Hängertypen, der dumpf durchs Leben eiert; ebenso wenig das Paradebeispiel eines Paroli bietenden Trotzkopfs.

Bartleby begehrt nicht auf. Bartleby jammert, zetert und entrüstet sich nicht. Bartleby reckt die Faust nicht zur Revolte. Bartleby läuft nicht Sturm, er steht meistenteils einfach nur stumm und unbeteiligt herum — den Kopf in Träumereien hinterm Dienststubenfenster versunken. Wenn Bartleby etwas sagt, dann: „Ich möchte lieber nicht“. Dieser Formulierung — so forderungslos sie auch ist — lässt sich wenig entgegnen. Ein höfliches Bitten, ein harscher Befehlston, ein verzweifeltes Flehen — alles perlt ab an dem Kokon, den Bartleby mit dieser Aussage um sich spannt. Bartlebys passiver Widerstand ist so einfach wie eindeutig: er möchte lieber nicht und entkoppelt sich damit vom Gefüge und den Gepflogenheiten der (Arbeits)Welt. Man kann schließlich Niemanden zum Möchten zwingen.

„Don’t cry – work“ (Rainald Goetz, 1983)

Da ist einer, der in stoischem Gleichmut sagt: „Ich möchte lieber nicht“. Einer, der sich mehr und mehr verflüchtigt. Da ist einer, der zurücktritt — in eine Art vorwillentliches Milieu, in dem nichts drängt, in dem die Welt auch ohne eigenes Zutun existiert. Tendenziell philosophische Fragen schwingen hier mit: Was möchte man eigentlich? Wieso sollte man etwas möchten? Und warum möchten manche, dass man so und so und nicht so und andersrum etwas möchten soll? Möchte man denn immerzu etwas möchten müssen? Ich möchte, also bin ich? Bartleby scheint sich derlei Fragen nicht zu stellen, er trägt keinen Konflikt innerer Zerrissenheit aus. Bei ihm ist alles ganz einfach: er möchte lieber nicht.

bartleby theater vorpommern-greifswald
Arbeiterpuppen an erbarmungsloser Mechanik. Im Hintergrund zermürbendes Nachdenken über Bartleby.

Wie bringt man diese innere und äußere Reglosigkeit der Figur Bartlebys nun szenisch ins Rollen? Hierbei findet die Drehbühne des Theaters eine sinnvolle Anwendung: „„Bartleby – Eine Geschichte von der Wall Street“ am Theater Vorpommern“ weiterlesen

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Lutz Seiler liest im Pommerschen Landesmuseum aus „Kruso“

Am 8. April las Lutz Seiler im Pommerschen Landesmuseum aus seinem, von Beifall und der Krönung mit dem Deutschen Buchpreis umspülten, ersten Roman „Kruso“. Kulisse und Rahmen war die derzeit dort laufende Ausstellung Zwei Männer — ein Meer: Pechstein und Schmidt-Rottluff an der Ostsee.

Lutz Seiler im LandesmuseumNahe liegt es allemal: die Ausstellung zeigt Werke der beiden Expressionisten, die mit ihrer malerischen Liebe zum Meer einen ähnlich zwingenden Bezug zur Ostsee haben wie der im kleinen Kosmos der Saisonkräfte Hiddensees angesiedelte Roman Kruso. Nicht zuletzt basiert Seilers Buch mit seiner Bezugnahme zu Robinson Crusoe, im Kern auch auf der Beziehung zwischen zwei Menschen – dort: Freitag und Robinson, hier: der Protagonist Ed und sein Freund Kruso.

Ein Leseerlebnisbericht von Martin Hiller

Die von Prof. Dr. Eckhard Schumacher moderierte Lesung bot sowohl dem eingeweihten, als auch dem in der Sache dieses Romans noch unbelesenen Publikum auf- und anschlussreiche Einblicke. In zwei Blöcken, an die sich jeweils eine Interviewsituation mit Prof. Schumacher anschloss, las Lutz Seiler erst aus dem Anfang, dann aus dem hinteren Teil des Buches. Aus dem von ihm so genannten „Hauptteil“ las er nicht. Das tat dem Bann, den seine dichte Sprache auslöst, keinerlei Abbruch.

Kruso ist so ein Buch, das einen in seinem Umfangreichtum – gesotten in Recherche, Erfahrung und schriftstellerischem Handwerk – für eine gute Weile einnimmt, sich in die Welt des Lesers hineinwirkt und jene im Licht seines literarischen Tons neu glänzen lässt: Ein Buch, in dem es sich ein gutes Leseleben führen lässt, dessen metaphernreiche Sprache einem mit der Zeit heimlich auch auf die eigene Zunge schleicht; ein Roman, der mehr ist, als nur eine genüssliche Insellektüre auf dem Nachttischchen. Man muss sich hier erlauben, zu sagen: ein Roman wie eine Insel.

Künstler, Punks und Steilküstenschlenderer

Kruso faltet sein Geschehen über knapp 500 Seiten auf der Insel Hiddensee auf. Hiddensee – das ist die Insel der Tagestouristen, Steilküstenschlenderer und vom Inselwetter ganz wonnig gewordenen Gaststätteneinkehrer. Dieses sanddornsatte Eiland mit der Form eines Seepferdchens war zu DDR-Zeiten aber auch Künstlerkolonie und Sommerresidenz der Republik-Punks, die halbnackt und besoffen ums Strandfeuer kajohlten. Am obersten Ostrand der Republik, mit der weiten See unterm Kinn und dem gegenüberliegenden Dänemark vor der Nase, schlug auch damals schon das Fernweh zwei Gänge höher in der Brust – war es auf dem Festland doch eher verhältnismäßig eingezäumt. Ein süßer Duft von Aufbruch und eine milde Ahnung von Anarchie umfloren auch heute noch die Verheißung dieser, wenn nicht gar jeder Insel. „Lutz Seiler liest im Pommerschen Landesmuseum aus „Kruso““ weiterlesen

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Pop am Wochenende: Versierte Wutschmelze — [broːm] „fuse“

Eine Musikbesprechung von Ferdinand Fantastilius

Das Post-Indierock-Quartett [bro:m] hat fünf Stücke aufgenommen und veröffentlicht diese am 18. Juli auf seiner Vinyl-EP fuse. Die Platte ist ein klassisches DIY-Projekt und vermag mit ihrer Musik, der Klangwucht und den Nichtworten den schon abgeschrieben geglaubten, sogenannten „Indie“ wieder zu rehabilitieren. Im Folgenden möchte ich einen ebenso persönlichen wie ausgiebigen Annäherungsversuch wagen.

Bro:m Logo

[bro:m] spielen einen eleganten Mid-Tempo-Post-Rock mit Ausflügen ins Schwelgerische und Ausbrüchen ins Noisehafte. Die Band, deren personelle Connections und Querverästelungen zu verschiedenen, auch in Greifswald wurzelnden, Bands und Projekten wie Diametral, The Splendid Ghetto Pipers, Krach und Naked Neighbours on TV reichen, hat sich als Quartett im Herbst 2012 zusammengefunden und spielt mit Gong, Synthesizern und einem Gerüst aus ebenso dringlichem wie groovigem Bass und mathrock-melancholischer Gitarre einen verwehten Genreclash — treibend und rhythmisch kühn, Haken mit Breaks und Tempowechseln schlagend.

WUTSCHMELZE IM SCHMERZGEBIRGE „Pop am Wochenende: Versierte Wutschmelze — [broːm] „fuse““ weiterlesen

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Pop am Wochenende: Philipp Priebe forscht auf seinem Debütalbum „The Being of the Beautiful“ nach dem Wesen des Schönen

Eine Musikbesprechung von Ferdinand Fantastilius

Wer schon länger als einen Bachelor in Greifswald weilt und in den letzten Jahren auf dem discohousigen Ohr nicht komplett taub war, wird seinen Namen sicher irgendwoher kennen. Mit seinen Live-Sets bespielte Philipp Priebe in ausgewählter Seltenheit diverse Orte des örtlichen Techno-Nachtlebens, hier und da erschienen von ihm angefertigte Remixe zu Stücken anderer Leute auf verschiedenen Ton(daten)trägern und als DJ Matula beschallte er vor geraumer Zeit gar die Indie-Diskotheken der Stadt. Jetzt veröffentlicht Priebe sein erstes Deep-House-Album.

Phillip Priebe official

Transzendentale Rinnsale: Melancho-House im Fluß

The Being of the Beautiful erscheint am 12. Mai 2014 beim japanischen Label IL Y A. Im Spätherbst 2013 tourte Philipp Priebe hierzu passend mit seinen neuen Stücken bereits im Labelland, nun erscheint das Langspieldebüt des Wahlgreifswalders endlich in den Plattenläden und auf digitalen Vertriebswegen. Ähnlich wie Christian Löffler auf seinem vor eineinhalb Jahren in Usedomer Abgeschiedenheit aufgenommenen Album A Forest (Rezension) zieht auch Philipp Priebe inspirierende Impulse aus der hiesigen Landschaftslage nah am Wasser.

Phillip Priebe

Die elf Stücke des Albums tragen ein Gespür für Weite und den Hang zur Fließwassermetaphorik in sich. Alles plätschert und pritschelt hier organisch um eine eigene Idee von House-Musik — mal wie algiger Süßwasserstrudel, mal smooth wie in bassige Buchten laufende Ozeankämme.

Elektronische Patternmusik, die also letztlich programmierte — damit notierte, also geschriebene  — Musik ist, bürdet sich — gerade durch ihr genreimmanentes „Boing-Bumm-Tschack“ — von Househaus aus erst mal eine gewisse systemische Strenge auf. Die Kunst hierbei ist nun, alles irgendwie sinnvoll so zu arrangieren, in kreativ schlüssiger Weise dergestalt ins Rollen zu bringen und letztlich alles so im Fluss zu halten, dass es als barschig gründelnder Groove tiefer geht, als nur ein gehampeltes Halleluja im Club. Dass die Musik ein Angebot zum Abhub in sich trägt. Dass sie mehr ist als nur ein dumpfdoller Nippelboard-Techno, der nur Knalleffekte um des Knallens willen und keinen Raum für Aufbau, keinen Sinn für Verlauf und gesunde Prokrastination kennt. Dass dich die Musik nicht unberührt lässt, dich erhebt und mitnimmt, darum geht es schließlich auch: Tanz die Transzendenz, Freundchen, Transzendenz!

Philipp Priebe zäumt das Technoseepferd jetzt von der aquatisch-romantischen Side of Sound auf. Seine Musik geht straight forward, zugleich aber auch melancholisch in alle Richtungen — in einem soßigen Vorwärtswandern stilsicher durch klingende Streubilder mäandernd, mit einem Gefühl für den nötigen Selbstlauf der Sounds. Die Stücke verfolgen eigene Routen. Ein auf wenige Oldschool-Sounds reduziertes Drumgerüst bildet die holzerdige Grundlage für ein wohlsortieres, halbschläfriges Gewusel aus moosigen Synthesizerwolken und schwebenden Tinkerbell-Glöckchen.

Sweep and Schwoof im Planktonwald

Impermanent Affection eröffnet die Klangreise mit sanften Flächen, in die sich langsam ein trocken-perkussiver Schub windet. Field Recordings oder ferne Vocals oszillieren irgendwo im Hintergrund, man weiß es nicht genau. Vieles bleibt im angenehm Verhuschten. Eine plinkernde Melodie holt einen aus der ersten Träumerei zurück ins Gegenwärtige, entlässt einen aber sogleich wieder auf neue schwelgerische Hörpfade in pastellbunten Wald- & Wiesen-Welten im Stereo. Tief verhallte Akkorde grundieren das tänzerisch lullernde Glöckchengefunkel. Im tiefsten Sinne ist das Deep House – in seinem wässrigen Geplätscher die Grenzen zur ambitionierten Bedroom-Electronica aufstoßend, in der Struktur dem Grundgerüst des House treu bleibend. Ein kleines, grünes Unterwasserhouse, in dessen Vorgarten Priebe zärtlich gärtnert.

Phillip Priebe official photo

Nach dem sumpfmoorig durch gedeckte Klangfarben wandernden Opener zieht das zweite Stück, Cry, die Stellschrauben am Mühlrad etwas lockerer und lässt den musikalischen Fluss mit seiner angeshuffelten Rhythmik in schwelgerischer Eigenrotation — nur von einem Sinn fürs elegante Milde gebremst — um wonnige Bass-Arpeggios mit Drive im Bauch kreiseln, so dass es anmutet wie leuchtender Krill in einer sonderbar choreografierten Strömung.

Die wunderschönen Flächen, die sich auch auf den folgenden Stücken des Albums in ihrem Schimmern als priebesche Trademark-Chords herauskristallisieren, legen das Klangbett für lichtvolles Getwinkel und Getwankel. Immer wieder nehmen sich die Drums und Percussions selbst zurück, um Raum zu öffnen für die vielen kleinen melodischen Malereien und ihr spieluhrenartiges Eigenleben. Ein näselnder Synthesizer sweept sich wie ein freundlicher, großer Wal durch diesen Klang gewordenen Planktonwald in fluoreszierendem Meerschaum. Alles ist hier so herrlich und behutsam in den Stereoraum gesetzt, dass man nicht anders kann, als selbst ein kleines funkelndes Leuchtetier in diesem Schwarm aus Hooks & Sounds zu werden.

Ein Interlude (The Loss) setzt als kurzes Stück eine Zäsur in den Ablauf des Albums, bevor es mit Take Care wieder auf tomtom-getragene Tauchfahrt geht. Hier zieht sich eine pulsierende 808-Conga durch das Stück, wie ein stetes Echolot, auf- und abebbend in einem Fahnenwind aus Hall. Ein jazziges Piano und Fetzen von choralen Vocals tänzeln um einen Bau aus Synthesizer-Akkorden.

Das Wesen des Schönen in mildem Pump

Philipp Priebe hält es in seinen Stücken gern verhuscht und verweht. Tracknamen wie Glowing, Reflection und Deep Chrome Canyons spannen hier einen ansprechenden, ästhetischen Rahmen auf. Es geht um Licht, ums Flackern und Plätschern, um die Fetzen von Helligkeit, die sich durch ein samtiges Dunkel zischeln, um ein perlenhaftes Glimmern, um verschiedene Vorstellungen eines Wesens des Schönen.

Das Titel und damit quasi Kern gebende Stück des Albums, The Being of the Beautfiful, nimmt sich selbst beim Wort und liefert eine ebenso simple, wie ergreifende Akkordfolge als herzerweichendes Grundlagenloop, in das sich nach vier lichtsuhlenden Minuten eine erst mattierte, dann immer austernbrausender werdene Acid-Linie frisst und ein sandschrötiges Vocalsample hervorkrempelt, bis am Ende dieses spleenigen Törns das Traumwandlerische wieder Oberhand gewinnt und die Melancholia als heilsame Seekrankheit wieder die Decks bevölkert. Das nachfolgende Glowing schiebt das Klangbild mit seiner unterschwelligen Melodieverliebtheit und der Wärme der Pads und Keys erneut in Richtung fluides Schwipperschwapper à la Efdemin, Glitterbug und Soulphiction.

Phillip Priebe Being of the Beautiful

Ice Mountain zieht die Unterwasserthematik dann noch einmal von einer märchenhaft eisprinzessinartigen Seite auf und verklangbildlicht kristallines Mondlichtglitzern in den spektralen Brechungshorizonten eines Eisbergs als Prisma durch lange Chords und kurze Andeutungen von leise fallenden Flockensounds.

Wasserstraßentechno: Zurücknahme und Weglassung

Abgerundet wird das Album durch Remixe von den Patternvettern Steffen Kirchhoff, der Cry einer schmelzigen Chordflächenkur unterzieht und Lorin Sylvester (Me Succeeds), der mit seiner Interpretation des erwähnten Interludes das Album zum Ende hin wieder sanft in den audiophilen Bedroom wiegt.

Wiegenhaft plätschernd und in housigem Schunkel präsentiert es sich hier: das Being of the Beautiful. Das Wesen des Schönen und das Schöne und auch das Sein als Solches – mein Sein, dein Sein, irgendjemandes Sein, alles soll ein Sinnsein sein! — finden hier in unaufdringlicher Sanftheit eine Musik gewordene Entsprechung. Das erwähnte Technoseepferd wird hier zu einem House-Einhorn, einem edelschimmelweißen, feenhaften Ding, das da unten im Meer deiner salzigen Träume seine Runden zieht.

Schönheit, das vergessen oftmals ja viele, hat nämlich nichts mit Lautheit zu tun, ist nicht irgendein vordergründig präsentes Blenden, kein brüllposauniges, bürzelwackelndes Poserding, viel eher eben ein sedimenthaftes Schimmern und Funkeln — klandestin und sublim, Resultat einer Kunst der Zurücknahme und Weglassung: Minimal, weißt!

Eine erzählerische Qualität in die wortlose Musik zu bringen, Stimmungen zu malen — all das gelingt Philipp Priebe auf den Stücken seines Albums im Sinne eines Best-of-both-Worlds ganz wunderbar. Das hier ist Musik, für den Ohrensessel, genauso für ein tröpfelndes Insichselbstzerfließen während der Afterhour. Hörempfehlung für Leute, denen ein Herz im Gehörgang wächst und die gerne mal eine Herde Seepferde satteln wollen!

Links:

 (Fotos: Jules Villbrandt)

Ferdinand Fantastilius ist Labelbetreiber (Rain, Dear! Recordings &  Revelations), Musiker (Huey Walker, The Splendid Ghetto Pipers) und schreibt in unregelmäßigen Abständen für den Fleischervorstadt-Blog 

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Pop am Wochenende: Lumières Claires – „Please Don’t Focus On My Mistakes. Please Don’t Focus On My Mistakes. Reworks“

von Ferdinand Fantastilius

Es gibt Menschen, die rechnen die Produktionszeit ihrer Musik in Stunden, manchmal schon nur Minuten. Und es gibt Menschen, die schrauben Wochen, Monate, Jahre an der Entstehung ihrer Kunstwerke. Beiden — egal also, ob funktionalmusikalisch fokussierter Beatbastelei oder sogenannt analoger, inniger Ewigtüftelei — liegt das Potential zum Zweifeln und zum Scheitern inne.

Mut zum kreativen Makel, oder: Fehler als Antrieb

Die Patternschrauber schieben Stunde um Stunde an Effektknöpfen und Filterleveln umher, die Leute mit den echten Instrumenten sinnieren, jammen, eruieren und skizzieren nächtelang am vermeintlich perfekten Song. Und doch will es manchmal nicht gelingen. Irgendwas läuft krumm und schief, es schnurrt und groovt nicht, man kommt nicht richtig rauf auf den Gaul des genial-elementaren Daueraugenblicks — die eigene Idee, die sich im Kopf als zielführende Vision in Form eines anmutigen Einhorns festgesetzt hat, entpuppt sich als lahmer Esel, müde stolpernd, sturhufig herumeiernd, nach einer schöpferischen Rast japsend.

Lumieres Claires Susanne Moehring

(Foto: Susanne Möhring, keine CC-Lizenz)

Alle Arten kreativer Odysseen unterliegen letztlich dieser Möglichkeit zum musischen Schiffbruch. Jedoch, dies sind nicht etwa Fehler in irgendeinem System, es ist nichts Falsches daran — es sind die steinernen Hürden, die einen immer irgendwie weitermachen, weiterwuchten, ja manchmal weiterwüten lassen. Und hieraus entstehen sie: die glanzvollen Lichtmomente im Alltag der Irgendwiekunstschaffenden.

Hingabe an das schöne im Scheitern

Mit dem Leuchten und den vermeintlichen Fehlern beschäftigen sich auch die Lumières Claires. Im Januar 2009 veröffentlichte das lichtvoll benannte Folk-Duo aus Greifswald/Hamburg sein Album Please Don’t Focus On My Mistakes. Please Don’t Focus On My Mistakes. Die darauf enthaltenen zehn Stücke waren das Resultat mehrer Herbste, die böig ins hiesige Flachland fielen. Die Songs durften über Jahre reifen. Man hatte nebenbei schließlich auch andere Dinge zu tun — Studium, Nachtleben, Saufen, maulgusseiserne Hufbeschlagung der eigenen Adoleszenz, all sowas.

In kompletter Eigenregie wurden daheim die wildesten Kabelsalate aufgebaut, um alle Instrumente mit genau diesem Sound aufzunehmen, den die Lumières im Sinn hatten. Hölzern sollte es sein, das oft bemühte Wort der „Knarzigkeit“ kann man hier ins Feld führen. Knarzig im Sinne des Geräusches von arbeitendem Holz, wie das Gebälk der Greifswalder Laubenwohnung, in der die Aufnahmen stattfanden. Fehler – wie sie im Albumnamen, mit der Bitte, sich nicht auf sie zu fokussieren, genannt sind – waren, bei allem Perfektionismus, immer immanent und niemals verschwiegen. Gerade die menschgemachten Verschiebungen, Unreinheiten und minimalen Taktausfälle sind es doch, die der Musik ihr Leben geben.

lumieres claires kabel

(Foto: Nico Schruhl)

Die Lumières Claires beschäftigen sich jedoch nicht nur mit Fehlerhaftem beziehungsweise charmantem Stolpern auf musikalischer Ebene – ihre Lieder sind Ausdrücke einer Hingabe an das Schöne im Scheitern, an all die Ungeschicktheiten im Zwischenmenschlichen. Ihre Lieder geben ungesagten und bereuten Worten, zerstreuten Küchentisch-Briefen von der eigenen Ich-Insel, einen musikalischen Umschlag.

Im selbst gefertigten Siebdruck-Cover visualisierte sich das als Sprechblasen, die sich gegenüberstehen, jedoch auch kreuzen, überschneiden, ineinander versinken, sich Stücke von Erinnerung in ihrer Dopplung wiederholbar machen – mit allen impliziten Fehlern.

Der Titel ihres Albums deutet es schon an: ihre Musik ist „Frucht von gesunder Bescheidenheit und nährenden Selbstzweifeln“, wie es in einer Rezension heißt, die unter dem Titel Fehler richtig machen in der Kulturzeitschrift PNG – Persona Non Grata erschien. Die Lumières Claires sind Leuchtende und keine Blender.

Fehler richtig reinterpretieren

Nico Schruhl und Christin Schalko feiern die Fehler eben, wie sie fallen. In der Liedfolge des Originals werden die zehn Stücke des Albums nun, drei Jahre später, als Neuinterpretationen auf dem Album Please Don’t Focus On My Mistakes. Please Don’t Focus On My Mistakes. Reworks veröffentlicht.

lumieres claires reworks remix cover

Elf Künstlerinnen und Künstler aus der ganzen Welt — von Greifswald über Frankreich bis Japan — formen das Ausgangsmaterial hier zu eigenen Versionen um. Der Übertrag der verhuschten Folk-meets-Indieschlurf-Stücke der Lumières Claires in neue Kontexte und Klänge gelingt: Es gibt klassische Remixe im Alle-Viere-to-the-Dancefloor-Style, aber auch klassische Coverversionen im Songformat. Die Palette präsentiert sich in vielfältiger Streuung und geht weit über Handwerkstechno und Remix-Auftragsarbeit hinaus. Das umtriebige DJ-Duo Verschnibbt und Zugenäht eröffnet (nicht als DJs, sondern als Remixende) den Reigen der Reworks.

Ihr I förbigående Remix ist eine smoothfluffige Kontemplation in Sachen Afterhour-Housemusik. Wie tausend tiefe Tränen tänzeln die Vocalsamples von Nico Schruhl und Christin Schalko auf warmen Synthesizerklängen. Der Beat ist unaufdringlich aber treibend, wie das Knistern und Rascheln der auf einem ausgedehnten Strandspaziergang gesammelten Steine in der Hosentasche. Shiika aus dem japanischen Nagano spielte eine eigens komponierte Version am Piano ein. Ihre ebenso verhaltene wie verhallte Lofi-Variante von When You Rest changiert irgendwo zwischen dem Gemaunze von Coco Rosie und der abgründigen Theatralik einer Soap&Skin. Wie die gespensterhaften Schatten nächtlicher Blumen vor dem Fenster weht ihre Stimme über die flattrig-tröpfelnde Klaviergrundierung.

Lumieres Claires Remix

(Foto: Lumières Claires)

Huey Walker, selbst auch seit Jahren um klangliche, psychedelisch-ambiente Spleenigkeiten im Selbstvertrieb kreisend, nimmt in seinem Hummingbird Rework von Ellipsoid den Liednamen beim Wort und entfaltet in einer Spieldauer von achtzehneinhalb Minuten ein teils elliptisches, teils episches Konstrukt, das sich zwischen selbstverschluckenden Störgeräuschen und tropikalischem Rhodes-meets-Acid-Sweeps-Geklöppel bewegt. Steffen Hoffmann alias Milky Bear zaubert mit Theremin-Sounds und knisternden Nano-Percussions einen märchenhaften Schimmer, der in den treibenden Gitarrengrooves des Refrains zu strahlendem Frickelfeuerwerk kulminiert. Mit robotoiden Vocodervocals und retrofizierten Synthesizerflächen oszilliert sein Remix von Time Exposures irgendwo zwischen den losen Koordinaten Kraftwerk, Syd Matters und Kate Bush. Mit jedem Hören entspinnt sich dieses Juwel eines Remixes etwas mehr.

Vocodergrooves und Bleeps’n’Clonks

ALEXIS morpht das Stück #5 in seiner Version zu einem 8Bit-Bleeps’n’Clonks-Stampfer. Aufgedrehtes Bitcrush-Gestolper trifft auf den Drive der Chemical Brothers und wohlsortiertes Circuit-Bent-Chaos. Hier wird aus den Hosentaschenkieselsteinen eine schroff anbrandende Gerölllawine. Leonard Las Vegas — selbst einige Jahre in Greifswald solo und bei Jet Pilot tätig —  knüpft, obwohl er völlig andere musikalische Mittel verwendet, den spröden Drive weiter und interpretiert Declamatory Anthem in der für ihn typischen Indiecore-Variante. In seinem mit dem John Lennon Talent Award gekrönten Projekt vereint er blissful Shoegaze-Psychedelik von Bands wie My Bloody Valentine und Spacemen 3 mit dem zuweilen mathematischen Akkuratheits-Rock und der Arrangierfreudigkeit von Kollegen wie The Mars Volta.

Man merkt: das Reworks-Projekt der Lumières Claires kennt keine stilistischen Scheuklappen und sprengt Genre-Grenzen. Schon bei den Stücken des zugrunde liegenden Albums fanden sich elektronisch-experimentelle Spielereien und schroff-schiefschrötige Gitarrenskulpturen, die den folkmusikalischen Grundtenor weit über Schneidersitz und Lagerfeuer hinaustranszendierten.

Neuaufladungen und Urbarmachungen

Ebenso wie das Artwork zum Original-Album enstanden auch das Cover und das Booklet zur Reworks-Compilation in herzig-schnippeliger Handarbeit, wie der obige, eigens angefertigte Videotrailer — samt Reinhörproben in alle Stücke — anschaulich darlegt. Die Ästhetik des steingrauen Cardboard-Covers wurde für das vorliegende Remix-Album wieder aufgegriffen und präsentiert sich nun als weiß-auf-schwarze Grafik-Inversion des Originals. Und darum geht es doch bei Remixes, Reworks und Coverversionen — kurz: Reinterpretationen. Es geht um die kreative Neu- und Umdeutung, um die Weiterdenkung und Ausdehnung, um clever variierte Wiederholung von Bestehendem, um Aufladung und Urbarmachung kreativer Spannungsfelder und Soundäcker.

Lumieres Claires Greifswald

(Foto: Nico Schruhl)

Julie Corot setzt mit ihrer zarten Piano-Version von Strolling With Billy Pilgrim einen kontemplativen Mittelpunkt in den 12 Stücken des Albums. In ihrer herzigen Klavierminiatur beweist sie einmal mehr, dass man oft nicht mehr braucht als zwei Hände, ein Klavier und ein Herz aus Melodien, um wirklich berührende Musik zu schaffen. Ihre beispielsweise an Yann Tiersen denken lassende Version evoziert ein Kopfkonfetti aus Assoziationen, Farben und Bildern von naiver Schönheit, wie sie Michel Gondry in seinen frühen Filmen zu erwecken wusste. Aus den geröllernen Steinen werden hier Blätter aus Herbstgold.

Summende Sweeps und gewiefte Spleenigkeiten

Der Bekeschus Shuffle Edit von I’m So Boring And You’re So … reaktiviert die stampfenden Shuffle-Beats, die Kompakt aus Köln vor einigen Jahren mit ihren Schaffelfieber-Kompilationen en vogue machten. Sander Bekeschus entwickelt mit minimalem Samplingeinsatz einen ebenso schleppenden wie einfangenden Groove, der zugleich nach vorn zu stampfen und in seinen warmen Subbässen zu verweilen scheint. Summende Female-Vocal-Einsprengsel wuseln sich im hochfrequenten, durch orientalisch anmutende Klangmuster mäandernden, Teil des Tracks. Membrana Tympani arbeitet sich mit runtergepitchten Vocalfetzen durch eine Genregrenzen negierende Interpretation. Seine M.on.T.age von To Adelphos vereint die spröde Energetik von Dubstep, den scheppernden Stampf von Industrialbeats mit spacigen Stereo-Sweeps und den gewieften Spleenigkeiten eines Producers, der sich bis zum letzten Drehknauf an seinen Synthesizern und in seinen Plugins auskennt. Heulende Dubsirenen, Offbeat-Akkorde und schier unendliche Richtungswechsel verleihen dem Werk eine spektrale Vielschichtigkeit, die Schubladisierung schwierig und unnötig erscheinen lässt. Trotzdem ein Annäherungsversuch: als hätte Skrillex (Dubstep) die Einstürzenden Neubauten (Industrial) mit Air und Portishead (Space-Sweeps meet Melancho-Downtempo-Wumms) geremixt.

Wie tickende Wanduhren in fremden Herbergen

Nasko Georgiev aus dem französischen Lyon erweist sich unter seinem Alias Waterblip mit seinem Stück Walk On By (Waterblip Remix) als ebenso frickelfreudiger Produzentenfuchs. Moogy Arpeggio-Linien geben seiner Version einen Cosmic-Disco-Appeal, elegant wechselnd zwischen Dur- und Moll-Harmonien, die das weiche Kissenbett für die an Björk erinnernden Gesangssamples bilden. Philipp Priebe, seit vielen Jahren in Greifswald als Musiker und DJ nicht nur im elektronischen Metier tätig, nimmt sich des bisher unveröffentlichten Stücks Dive an und versetzt die beiden Gesangsparts von Christin und Nico in seinem „How Does It Feel Edit“ in einen hypnotischen Stereo-Kreisel.

Sein radikal entschlacktes House-Skelett nimmt die Hörenden auf hölzernen Claps’n’Ticks mit, in einen creepy-unterkühlten (H)albtraum, der in der Ferne auf warmem Synthesizerschimmern ein indifferentes Leuchten erahnen lässt. In seinem untergründigen Gloom und Glanz entwickelt der Track eine klaustrophobe Anziehungskraft, wie das Ticken einer Wanduhr in einer fremdartigen Herberge.

Bei aller Düsternis scheint hier aber auch Priebes Liebe zu den elektromusikalischen Romantizismen hindurch, wie sie die Patternvettern im Geiste, Lawrence, Efdemin, Carsten Jost und nicht zuletzt Christian Löffler zu entfalten wissen. Im August 2012 erschien Priebes EP Things Look Much Bigger On The Knees bei LunaTheCat Records.

Rekonstruktionsarbeiten am Licht

Den Abschluss der randvoll gefüllten CD bildet ein eigenes Stück der Lumières Claires. Die Originalversion von Dive hatte es damals nicht auf das Album geschafft. Mit etwas zeitlichem Abstand und einer neuen Mischung durch Membrana Tympani (der auch das vorliegende Remix-Album masterte) entwickelte Nico Schruhl das Stück nun zu neuer Reife und liefert im Mittelteil die einfangendste Endlos-Bridge seit Langem. Regelrecht hippiesk umspielen sich Sitar, Chöre und Gitarrenpickings über einem sich in kosmische Weiten walzernden Grundbass. Auch hier wurde nicht an Tiefenverliebtheit im Arrangement gespart – Tempowechsel, Andeutungen von schürfenden Feedbacks und am Ende sogar eine Ray-Manzarek-Orgel schummeln sich in den Track, um zum Schluss wieder in der sich ins Ohr schleifenden Leitmelodie der Gitarre zu landen.

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Dieser gelungene Albumcloser lässt an den scheinbar mühelos hingeworfenen, rohdiamantenen Freistil-Psychedelikpop des mittleren John Frusciante denken. Man möchte sofort wieder bei Stück eins beginnen! Über die Stadtgrenzen hinaus wirkt die Small-Town-Superfolk-Band Lumières Claires mit diesem Reworks-Album für kreative Vernetzung und letztlich die Verwirklichung eines lange gediehenen, lichtumstrahlten Klangtraums. Als Bonus liegt dem limitierten Gesamtpaket das Original-Album bei. Das Booklet mit ausführlichen Liner-Notes gibt Einblicke in die Zusammenarbeit mit den Musikern und Künstlerinnen. Stefanie Hübners Malereien und Grafiken im Inneren des CD-Heftes zeigen ortlos anmutende, zugleich in sich ruhende, rastende, auf inneren und äußeren Reisen sich befindende Gestalten — eine wahrlich adäquate bildhafte Beistellung zum Kosmos der still bis funkelnd leuchtenden Reinterpretationen.

  • Lumières Claires bei bandcamp (Bestellungen der CD- und Digitial-Version möglich)
  • Musiktrip unter Freunden (Moritz-Magazin #98, 05/2012, S. 34 ff. (pdf-Dokument, 7,12 MB)

Please Don’t Focus On My Mistakes. Please Don’t Focus On My Mistakes. Reworks erscheint am 29. September 2012.

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