Ostsee-Zeitung will Pedalritter verschrotten

Versprochen ist versprochen: In der vorletzten Wochenendausgabe der Ostsee-Zeitung kündigte Redakteur Dr. Eckhard Oberdörfer an, zukünftig auf die beiden Begriffe „Pedalritter“ und „Drahtesel“ verzichten zu wollen. Die Chance, dass diese beiden grausligen Ausdrücke nun in die lokaljournalistische Mottenkiste wandern, ist zum Greifen nahe.

„NIE WIEDER PEDALRITTER, VERSPROCHEN!“ 

Der Redakteur und Überbringer der hoffnungsweckenden Botschaft gehört selbst zur radelnden Zunft. Sein Faible für die beiden welkgewordenen Stilblüten erklärt er damit, nach entsprechenden Synonymen gesucht zu haben. Er äußerte sich betroffen darüber, dass sich andere durch den Begriff „Pedalritter“ als Verkehrsrowdys diskriminiert gefühlt hätten. In dieser Hinsicht darf von meiner Seite aus Entwarnung gegeben werden.

pedalritter fahrradUnangenehmer als der Verkehrsrowdy ist dagegen die Zuordnung zu einer Klasse sozial privilegierter und mordlüsterner Männer mit einem Fetisch für metallene Kleidung — aber das ist vielleicht auch nur so eine persönliche Abneigung, die sicher nicht von allen geteilt wird. Viel wichtiger: die „Pedalritter“ verschwinden endlich, gerne auch zum Preis der befürchteten Wortwiederholungen.

Und wenn es dann doch etwas variantenreicher werden darf, gibt es neben den „Fahrradfahrern“ auch „Radfahrer“ und „Radler“, sowie die geschlechtergerechten „Fahrradfahrenden“, „Radfahrenden“ und „Radelnden“. Der Duden kennt außerdem noch „Biker“ und „Bikerin“, aber das ist dann vielleicht doch etwas zuviel des Guten. Wer aber trotzdem auf weltmännisch machen will, könnte noch mit dem spanisch-italienischen „Bicyclista“, der französischen „Cycliste“ oder den „Velofahrern“ aus der Schweiz liebäugeln.

Nehmen wir den Redakteuer beim Wort: „Nie wieder Pedalritter, versprochen!“

Journalizzm im Interview mit Prof. Schiewe: „Die Professorin war die Frau des Professors“

Auf dem noch relativ jungen Greifswalder Blog journalizzm erschien heute unter dem Titel Zwischen Hirn und Gesellschaft ein lesenswertes Interview mit Prof. Dr. Jürgen Schiewe, Lehrstuhlinhaber für Germanistische Sprachwissenschaft an der Uni Greifswald,  über geschlechtergerechte Sprache.journalizzzmIm Interview geht der Germanist auf die Grundlagen und Ziele einer Sprache ein, die in dieser Form erst von der feministischen Sprachkritik  in den späten Siebziger Jahren gefordert wurde, und spricht sich gegen die Verwendung des generischen Maskulinums aus.

„ERSTER SCHRITT ZU EINER SOZIAL GERECHTEREN GESELLSCHAFT“

Für ihn ist ein „geschlechtergerechter Sprachgebrauch der erste Schritt zu einer sozial gerechteren Gesellschaft“, doch er beobachtet unter seinen Studierenden ein nachlassendes Interesse am Thema, für das früher mit Vehemenz gestritten wurde. Diesen Bedeutungsverlust erklärt Schiewe unter anderem mit dem sprachlichen Mehraufwand geschlechtergerechter Sprache und einem veränderten Bewusstsein für die Notwendigkeit, die Sichtbarkeit von Frauen auch sprachlich zu erkämpfen.

juergen schiewe greifswald

„Gleichstellung wird heute in der Universität zwar groß geschrieben – nicht zuletzt, weil von wichtigen Institutionen, potentiellen Geldgebern, dieses Thema stark befördert und gefordert wird. Dass Gleichstellung aber zunächst einmal im Kopf und damit auch in der Sprache beginnen muss, diese Erkenntnis hat sich noch nicht durchgesetzt oder wird wieder — wie vor den 1970er Jahren — ignoriert.“

Das ausführliche Interview ist in leicht gekürzter Form bei journalizzm online abrufbar und liegt als sechsseitiges pdf-Dokument (0,09MB) außerdem in vollständiger Version vor. Es ist kurzweilig und dürfte auch für jene interessant sein, die sich bislang noch nicht mit diesem Thema auseinandergesetzt haben.

(Foto: idw, privat, nicht unter CC-Lizenz)

______________

Auf dem Fleischervorstadt-Blog wird aus ästhetischen Gründen auf den alles einschließenden Unterstrich ebenso verzichtet, wie auf das dualistische Binnen-I oder die Doppelnennung, die hier mit geschlechtspolitischer Absicht vermieden werden. Stattdessen wird versucht, so willkürlich wie möglich zwischen generischem Maskulinum und Femininum zu changieren, um so auf Sichtbarkeiten und sprachliche Repräsentation aufmerksam zu machen. Selbstverständlich sind mit diesen Formen alle Menschen unabhängig von ihren Geschlechtern gemeint.

Mehr zum Thema geschlechtergerechter Sprache:

Das Unwort des Jahres 2011

Die Gesellschaft für deutsche Sprache macht seit 21 Jahren auf Begriffe der öffentlichen Kommunikation aufmerksam, die gegen das Prinzip der Menschenwürde oder das Prinzip der Demokratie verstoßen, die einzelne gesellschaftliche Gruppen diskriminieren oder die euphemistisch, verschleiernd oder irreführend sind. Um zu sprachkritischer Reflexion aufzufordern, kürt sie jährlich ein Unwort.

GANZE BEVÖLKERUNGSGRUPPEN WERDEN AUF EIN IMBISSGERICHT REDUZIERT

Zum Unwort des Jahres 2011 wurde der Bgriff „Döner-Morde“ gekürt, mit dem Polizei und Medien die von der rechtsextremen Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) verübten Morde bezeichneten. In ihrer Begründung erklärte die Jury:

unwort des jahres

Der Ausdruck steht prototypisch dafür, dass die politische Dimension der Mordserie jahrelang verkannt oder willentlich ignoriert wurde: Die Unterstellung, die Motive der Morde seien im kriminellen Milieu von Schutzgeld- und/oder Drogengeschäften zu suchen, wurde mit dieser Bezeichnung gestützt. Damit hat Döner-Mord(e) über Jahre hinweg die Wahrnehmung vieler Menschen und gesellschaftlicher Institutionen in verhängnisvoller Weise beeinflusst.

Im Jahre 2011 ist der rassistische Tenor des Ausdrucks in vollem Umfang deutlich geworden: Mit der sachlich unangemessenen, folkloristisch-stereotypen Etikettierung einer rechts-terroristischen Mordserie werden ganze Bevölkerungsgruppen ausgegrenzt und die Opfer selbst in höchstem Maße diskriminiert, indem sie aufgrund ihrer Herkunft auf ein Imbissgericht reduziert werden.

Weitere Unworte des Jahres 2011 sind „marktkonforme Demokratie“ und „Gutmensch“. „Ähnlich wie der meist ebenfalls in diffamierender Absicht gebrauchte Ausdruck Wutbürger widerspricht der abwertend verwendete Ausdruck Gutmensch Grundprinzipien der Demokratie, zu denen die notwendige Orientierung politischen Handelns an ethischen Prinzipien und das Ideal der Aushandlung gemeinsamer gesellschaftlicher Wertorientierungen in rationaler Diskussion gehören.“

JURY-MITGLIEDER AUS  GREIFSWALD 

Werbung
Die Jury der Aktion Unwort des Jahres besteht aus dem  Journalisten Stephan Hebel (Frankfurter Rundschau) und den vier Sprachwissenschaftlerinnen Prof. Dr. Nina Janich,  Prof. Dr. Martin Wengeler, Dr. Kersten Sven Roth, Prof. Dr. Jürgen Schiewe — die beiden letztgenannten Mitglieder lehrten beziehungsweise lehren übrigens an der Universität Greifswald. Diesen fünf Juroren steht außerdem eine sechste, jährlich wechselnde Person zur Seite. Dieses Jahr war das Dr. Heiner Geißler.

Das Unwort des Jahres 2010 lautete „alternativlos“. Für das begonnene Jahr können bis zum 31.12.2012 jederzeit Vorschläge eingereicht werden. Die hierfür notwendige E-Mailadresse ist auf der Internetseite der Aktion zu finden.

_________________

Stellenausschreibung: Lektorat Deutsch als Fremdsprache

Am Institut für Deutsche Philologie wird im Bereich Deutsch als Fremdsprache ab dem 1. April 2011 eine Elternzeitvertretung gesucht.

Das zu besetzende Aufgabengebiet beinhaltet Konzeption und Durchführung des allgemein- und fachsprachlichen Deutschunterrichts auf allen Niveaustufen für ausländische Studierende, Promovenden und Wissenschaftlerinnen. Hinzu kommen praktische und administrative Aufgaben im Rahmen der Deutschen Sprachprüfung für den Hochschulzugang ausländischer Studienbewerber (DSH) sowie die fachliche Beratung von Praktikanten und studentischen Hilfskräften des Studienganges Deutsch als Fremdsprache.

germanistik universität greifswald

Von den Bewerbern werden neben einem abgeschlossenem Hochschulstudium im Fach Deutsch als Fremdsprache gute Englischkenntnisse sowie Kenntnisse einer weiteren Fremdsprache erwartet. Außerdem werden didaktische Kenntnisse und Unterrichtserfahrungen vorausgesetzt. Die volle Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin ist auf ein Jahr befristet und wird nach Entgeltgruppe 13 TV-L Wissenschaft vergütet. Die Lehrverpflichtung hat einen Umfang von 20 Lehrveranstaltungsstunden.

Die Bewerbungsfrist endet am 02.03.2011, weitere Informationen sind in der öffentlichen Stellenausschreibung der Universität Greifswald zu finden.
Werbung

Unwort des Jahres in Zukunft mit Greifswalder Prägung

Seit nunmehr 20 Jahren wird in Deutschland der Titel Unwort des Jahres verliehen. 1991 begann die Gesellschaft für deutsche Sprache mit der Auszeichnung sprachlicher Missgriffe, ehe sich drei Jahre später die Jury zur sprachkritischen Aktion Unwort des Jahres verselbstständigte. In den letzten Jahren wurden zum Beispiel die Wörter Herdprämie, Wohlstandsmüll und Rentnerschwemme gekürt.

Nachdem die Auszeichnung für das Vorjahr dem Adjektiv betriebsratsverseucht zufiel, lautet das diesjährige Unwort alternativlos. Es

suggeriert sachlich unangemessen, dass es bei einem Entscheidungsprozess von vornherein keine Alternativen und damit auch keine Notwendigkeit der Diskussion und Argumentation gebe. Behauptungen dieser Art sind 2010 zu oft aufgestellt worden, sie drohen, die Politikverdrossenheit in der Bevölkerung zu verstärken.

Neben alternativlos wurden von den Sprachwächterinnen auch die Formulierungen Integrationsverweigerer und Geschwätz des Augenblicks kritisiert.

Greifswald erobert die Unwort-Jury

Soweit ist das erstmal nicht mehr neu, denn die Nachricht vom Unwort verbreitete sich so blitzschnell, wie sie ebenso rasant wieder in der Versenkung verschwinden wird – zumindest bis zum nächsten Jahr. Bemerkenswert ist hingegen ein anderer Teil der Pressemitteilung, in dem auf personelle Veränderungen innerhalb der Jury hingewiesen wird.

schiewe greifswaldMit der Leipziger Professorin Dr. Margot Heinemann und Professor Schlosser werden zwei langjährige Mitglieder der Jury ausscheiden. Für sie rücken die beiden Germanisten Dr. Kersten Sven Roth und Prof. Dr. Jürgen Schiewe nach, die beide in Greifswald lehrten beziehungsweise lehren.

Roth war von 2003 bis 2006 als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Greifswalder Germanistik tätig. Der Sprachwissenschaftler Professor Dr. Jürgen Schiewe folgte 2003 nach einer Lehrstuhlvertretung einem Ruf nach Greifswald und bekleidet seitdem den Lehrstuhl für Germanistische Sprachwissenschaft.

Wir dürfen gespannt sein auf das Unwort 2011 und vergnügen uns bis dahin mit dem Wikipedia-Artikel, in dem alle bisherigen Nominierungen verzeichnet sind.

Die Angst vor der Entmannung

Der folgende Beitrag ist als eine Art Doppel-Replik zu verstehen, die sich sowohl auf die am Montag erschienene und fehlerhafte Betrachtung zu geschlechtergerechter Sprache in der Schweiz als auch auf den jüngsten Antrag der Liberalen Hochschulgruppe Greifswald, das Landeshochschulgesetz zu entgendern, bezieht.

Sprachleitfäden, politische Korrektheit & der Kampf um den Zipfel

In Greifswald geht wieder die Angst vor der Entmannung um. Diesen Eindruck vermittelten zumindest die letzten schriftlichen Verlautbarungen von Patrick Kaatz, Vorsitzender der Liberalen Hochschulgruppe (LHG), und Torsten H. (JU), seines Zeichens freier Lokalreporter bei der Ostsee-Zeitung.

guillotineDer Heiland griff vor wenigen Tagen wieder zur Feder und beschwor ein düsteres Szenario schweizerischen Ursprungs herauf: Die Kastration der Sprache.

In der sich anschließenden Betrachtung schwadronierte er darüber, dass „wir Männer“ den „ersten Trend der Erneuerung […] ganz gut überstanden“ hätten – gemeint sind das in der Schriftsprache verwendete Binnen-I und das Gender-Splitting, wie es zum Beispiel in der Form ‚Schülerinnen und Schüler‚ praktiziert wird.

Mittlerweile bekomme der politisch korrekte Sprachgebrauch allerdings eine neue Qualität:

Denn seit 2009 gibt es in der Schweiz einen „Leitfaden zum geschlechtergerechten Formulieren“. Der Höhepunkt in diesem Jahr: Die Schweizer Stadt Bern gibt einen „Sprachleitfaden für die Stadtverwaltung“ heraus. Mitarbeitergespräch, Fußgängerstreifen oder Führerschein – die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadt Bern dürfen diese Wörter nicht mehr verwenden. Stattdessen heißt es jetzt: Fahrausweis, Zebrastreifen oder Beurteilungsgespräch. All das wäre noch zu ertragen, doch die Schweizer Entmannung unserer Sprache geht weiter: Worte wie „Vater“, seien zu geschlechtsspezifisch. Besser ist, man schreibe „Elternteil“ oder „Elter“.

Torsten H. hat soviel Angst vor der politisch überkorrekten Gender-Diktatur, dass er es nicht einmal gewagt hat, einen Blick in die beiden Leitfäden zu werfen, die er zitiert. Anders lassen sich die im Artikel zusammengeschriebenen Falschinformationen nicht interpretieren. Dabei hätte es nur einer kurzen Online-Recherche bedurft, diesen Beitrag inhaltlich korrekt zu gestalten.

Gendern hat inzwischen Geschichte

Bereits 1994 hat der Gemeinderat der Stadt Bern beschlossen, alle Direktionen anzuweisen, „die sprachliche Gleichbehandlung der Geschlechter in sämtlichen Schriftstücken der Stadtverwaltung konsequent zu verwirklichen„. Das ist modern angesichts der Tatsache, dass in der Schweiz das Frauenwahlrecht erst 1971 eingeführt und im Ausnahmefall des Kantons Appenzell Innerrhoden sogar erst 1991 wirksam wurde.

Eine Vorreiterrolle hat die Schweiz damit allerdings nicht, denn schon seit den Siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurden in Großbritannien, Kanada, Australien, Neuseeland, Frankreich, den USA und in Deutschland Kommissionen für die Formulierung frauengerechter Berufs-, Dienstgrad- und Titelbezeichnungen eingesetzt. Die UNESCO veröffentlichte ihre Guidelines on Gender-Neutral Language und das Ministerkomitee des Europarates verabschiedete 1990 die Empfehlung On the Elimination of Sexism from Language.

Die Zielgruppen dieser Leitfäden und Richtlinien sind alle Personen, die professionell und offiziell geschriebene und gesprochene Sprache produzieren, die – ob im Kindergarten, an der Schule oder an der Universität – Sprache lehren und die in den Medien, in der Verlagsarbeit und anderswo Sprache verbreiten.

Gisela Klann-Delius benennt in Sprache und Geschlecht (2005) vier Bereiche sexistischen Sprachgebrauchs: erstens die explizite Nichtbenennung von Frauen, zweitens die Darstellung von Frauen in Abhängigkeit vom Mann, drittens die Darstellung von Frauen in ihren traditionellen Rollen mit sogenannten „typisch weiblichen Eigenschaften“ und Verhaltensweisen und schließlich viertens die herablassende Behandlung und Degradierung durch abwertende Sprache.

Doing Gender Fair — ein Leitfaden

Zurück nach Bern. Dort wurde 1996 erstmals ein Leitfaden zum geschlechtergerechten Formulieren im Deutschen herausgegeben, der 2009 zum zweiten Mal aufgelegt wurde. Die Veröffentlichung ist also bereits 13 Jahre älter als uns Heil glauben machen will. Auf den 192 Seiten werden viele sehr dienliche Hinweise und Hilfestellungen gegeben, mit denen sich ein als gender fair charakterisierbarer Sprachgebrauch realisieren lässt. Hier werden auch geschlechtsabstrakte Personenbezeichnungen aufgeführt:

Üblicherweise haben Personenbezeichnungen im Deutschen eine geschlechtsspezifische Wortbedeutung: Ihr grammatisches Geschlecht (Genus) und ihr natürliches Geschlecht (Sexus) stimmen überein (‚Der Vater‘ und ‚der Lehrer‘ bezeichnen Männer, ‚die Mutter‘ und ‚die Lehrerin‘ bezeichnen Frauen). Daneben gibt es einige Personenbezeichnungen, die zwar ein grammatisches Geschlecht, aber keine geschlechtsspezifische Wortbedeutung haben. Ihr grammatisches Geschlecht ist willkürlich, hat also keinen Bezug zum natürlichen Geschlecht. Deshalb können sich diese Personenbezeichnungen unabhängig von ihrem grammatischen Geschlecht sowohl auf Männer als auch auf Frauen beziehen. Sie sind geschlechtsabstrakt.

Dieser theoretischen Einführung folgen einige konkrete Beispiele wie ‚die Person‘, ‚der Mensch‘, ‚der Gast‘, ‚das Opfer‘, ‚die Geisel‘, ‚die …-hilfe‘ (Haushaltshilfe, Aushilfe), ‚die …-kraft‘ (Führungskraft, Lehrkraft, Hilfskraft, Putzkraft), ‚die …-person‘ (Führungsperson, Vertrauensperson, Magistratsperson, Fachperson …), ‚der Elternteil‘ und schließlich das von Torsten Heil aus der falschen Publikation (nämlich gerade nicht dem Sprachleitfaden für die Stadtverwaltung) zitierte ‚elter‚, dessen eingeklammerter Hinweis ’sehr selten‘ natürlich unterschlagen wurde.

Außerdem werden in diesem Leitfaden die Vor- und Nachteile geschlechtsabstrakter und geschlechtsneutraler Bezeichnungen diskutiert und entsprechende Verwendungsvorschläge unterbreitet.

Aktionsplan Bern

Der 2010 erschienene Sprachleitfaden für die Stadtverwaltung ist übrigens aus dem Aktionsplan zur Gleichstellung von Frauen und Männer in der Stadt Bern entstanden. Er soll die Stadtverwaltung bei der Umsetzung des Grundsatzes der diskriminierungsfreien und geschlechtergerechten Kommunikation unterstützen und ist Teil des Berner Kommunikationskonzepts, an dessen Grundsätze sich der Gemeinderat und die Mitarbeitenden der Stadtverwaltung bei der Kommunikation halten sollen und die über diskriminierungsfreie Kommunikation weit hinaus gehen, da sie noch viel mehr Aspekte als nur Geschlechtergerechtigkeit beinhalten.

Spottschrift in gewohnt herablassender Tonalität

feminism

Torsten H. beendet seine Spottschrift, in der von den Veröffentlichungszeiträumen über die zitierten Quellen, den Dekontextualisierungen und dem offensichtlichen Fehlen des entsprechenden Hintergrundwissens eigentlich alles schiefgegangen ist, was von einem Journalisten erwartet wird, mit der gewohnt herablassenden Tonalität der Greifswalder Lokalredaktion – „Kleiner Hinweis: Gleichberechtigung ist nicht identisch mit Geschlechtslosigkeit„.

Ohne das sprachschöpferische Engagement der feministischen Linguistik würden Frauen heutzutage wohl noch immer zum Kaufmann – vielleicht auch zum weiblichen Kaufmann – ausgebildet; nicht zur Kauffrau.

Es geht nicht darum, Geschlecht abzuschaffen, sondern dessen Unsichtbarmachung zu beenden. Denn Sprache wird nicht nur von unmittelbarer Realität geformt, sondern umgekehrt bestimmt und verändert sie unsere Wirklichkeit. Die Frage ist also, wem eigentlich unser vor Patriarchalismen strotzendes Sprachsystem gehört.

Liberale Hochschulgruppe beantragt „Entgenderung“

Unlängst äußerte sich auch die Liberale Hochschulgruppe aus Greifswald zum Thema geschlechtergerechte Sprache und schlug eine Art Entgenderung des Landeshochschulgesetztes Mecklenburg-Vorpommern vor, in dessen aktueller Fassung die beide Geschlechter ansprechenden, doppelten Formulierungen verwendet werden. Sie sollen gestrichen und durch die Nennung eines Geschlechts ersetzt werden.

Patrick Kaatz, Vorsitzender der Liberalen Hochschulgruppe, zitiert sich in der von ihm geschriebenen Pressemitteilung zum Thema selbst und argumentiert gegen die geschlechtergerechte Überfrachtung von Gesetztestexten:

„Ein Gesetz ist das Werkzeug eines Juristen. Überflüssige Wendungen erschweren, insbesondere für Laien, den Umgang mit dem Gesetzestext. Wir verzieren doch auch nicht die Werkzeuge eines Zimmermannes.“

Um den Gleichberechtigungsgedanken nicht völlig aus dem Gesetz zu verbannen, solle zu Beginn mitgeteilt werden, dass die gewählte Form alle Geschlechter umfasse. Diese Lösung wird generisches Maskulinum genannt. Hierbei wird also jedes Mal die maskuline Form verwendet, die aber ausdrücklich alle Geschlechter miteinbeziehen soll.

Das mag theoretisch funktionieren, in der Praxis wird es hingegen komplizierter und Studien zeigten, dass das generische Maskulinum bei den Rezipienten Erwartungen in Richtung geschlechtlicher Männlichkeit auslösten – eine neutrale Bezeichnung wirkt anders.

(Foto: arfism)

Schon 1990 wurde übrigens der Bericht Maskuline und feminine Personenbezeichnungen in der Rechtssprache von der interministeriellen Arbeitsgruppe Rechtssprache vorgelegt, dessen Empfehlung 1993 vom deutschen Bundestag beschlossen wurde. Darin wird unter anderem ans Herz gelegt, „auf die Verwendung des generischen Maskulinums in der Amtssprache ganz, in der Vorschriftensprache so weit wie möglich zu verzichten, wenn Gründe  der Lesbarkeit und der Verständlichkeit dem nicht entgegenstehen (Deutscher Bundestag, Drucksache 12/2775).

Wäre nicht das generische Femininum eine Lösung?

Im konkreten Antrag der LHG findet sich noch ein Satz, mit dem die Liberalen progressiv und trotzdem pragmatisch an die Gesetzesänderung treten könnten: „Auf welche [sic!] Geschlecht hierbei abgestellt wird, bleibt dem Gesetzgeber überlassen„. Ein generisches Femininum, also die grundsätzliche Verwendung der – alle Geschlechter einbeziehenden –  femininen Formulierung im Landeshochschulgesetz, wäre zwar ein starkes Signal, ist aber letztlich ähnlich problematisch wie sein maskulines Pendant.

Da Ästhetik für Gesetzestexte ohnehin zweitrangig ist, schlage ich die schrecklich aussehende Unterstrich-Lösung (z.B. Studienbewerber_Innen) vor, die sich von den beiden generischen Varianten dadurch unterscheidet, dass sie nicht auf einer angenommenen Zweigeschlechtlichkeit fußt, sondern explizit auch alle (Zwischen)Geschlechter miteinbezieht.

Statt eine Entgenderung offizieller Texte zu fordern, wäre es darüberhinaus für die Sache der Geschlechtergerechtigkeit viel dienlicher, wenn sich die LGH zum Beispiel darum kümmerte, dass endlich auch die letzten Formulare der Universität geschlechtergerecht formuliert würden, wie zum Beispiel die Datenschutzbelehrung der Uni-Angestellten.

Personalbogen Uni Greifswald

Ist bei den Liberalen schon Wahlkampf?

Patrick Kaatz wäre natürlich nicht Patrick Kaatz, beendete er sein Statement nicht mit einer entsprechenden Polterei:

„Grundsätzlich steht die LHG einem vorgeschriebenen „Gendern“ (Verwendung von jeweils beiden Geschlechtern beim Schreiben oder Sprechen) ablehnend gegenüber. Ein solch massiver Eingriff in die menschliche Individualität erinnert an das „Neusprech“ in George Orwells „1984“. Auch dort wurde mittels Sprache versucht, Ideologie in den Menschen zu verankern.

Hier sei nochmals an die wortschöpferische Kraft der geschlechtergerechtigkeitsinteressierten Linguistik verwiesen, die sich schon durch diese Produktivität grundlegend von der reduktionistischen Intention des Orwellschen Neusprech unterscheidet. Ob der verordnete Abbau struktureller Diskriminierungen als ideologisch motivierter und „massiver Eingriff in die menschliche Individualität“ oder der LHG-Antrag eher als vorwahlkämpferisches Gebell liberaler Freigeister, die einmal tüchtig auf den Putz hauen wollen, zu verstehen ist, sei jeder selbst überlassen.

Gespannt sein dürfen wir jedenfalls auf die Reaktion der Liberalen Hochschulgruppe, wenn der Antrag vom StuPa nicht angenommen wird, denn eine Null-Toleranz-Position gegenüber Gender-Formulierungen im Landeshochschulgesetz wird bereits angekündigt: „Eine solche Beeinflussung wird durch Liberale nicht toleriert werden“.

*Update* 02.12.2010

Wie sich dann sehr schnell herausstellte, hat Torsten H. seinen Text gar nicht selbst geschrieben oder recherchiert, sondern stattdessen fast wortgleich aus dem Magazin der Süddeutschen Zeitung übernommen, mehr dazu hier.

____________

Über den Antrag der LHG ärgerten sich auch die jungen Grünen und veröffentlichen ebenfalls einen eigenen Artikel dazu.

Da ich auf dem Fleischervorstadt-Blog das Binnen-I und den Unterstrich aus sprachästhetischen Gründen nicht verwende, sondern inzwischen relativ willkürlich zwischen generischem Maskulinum und Femininum wechsle, sei darauf hingewiesen, dass diese Formulierungen alle Menschen einschließen sollen.