Judith Schalansky – Verzeichnis einiger Verluste

Ein Gastbeitrag von Martin Hiller

Die in Greifswald geborene Schriftstellerin Judith Schalansky wird immer auch über ihre Arbeit als Buchgestalterin wahrgenommen. Der Schriftsatz, die Haptik des Buchumschlags, die Steifigkeit und Laufrichtung des Papiers und sicher auch das die Lesenden umfangende, sonderbare Gefühl der Teilhabe an der – Blatt um Blatt sich fortstrickenden – Aufschlüsselung und Belebung des auf Buchseiten in Glyphen und Zeichen festgehaltenen Textwerts – all das ist für Judith Schalansky gleichwertig zum Textkörper als Speicher aneinandergereihter Chiffren.

Für Judith Schalansky erscheint das Buch, so schreibt sie im Vorwort zu „Verzeichnis einiger Verluste“, als „vollkommenstes aller Medien“. Seine vermeintliche Limitiertheit in der Umrahmung durch zwei Buchdeckel, sieht sie als seine eigentliche Qualität, seinen sinnlichen Vorteil den körperlosen Medien gegenüber. Ein Buch, „in dem Text, Bild und Gestaltung vollkommen ineinander aufgehen“, sei als Kunstform und Medium in der Lage, „wie kein anderes die Welt zu ordnen, manchmal sogar zu ersetzen“.

In dem nun im Suhrkamp Verlag erschienenen „Verzeichnis einiger Verluste“ beschäftigt sich Schalansky mit nicht weniger als Allem und Nichts; mit dem großen Ganzen und – das liegt in der Natur der Sache – auch dem kleinen Bruchstückhaften. Das was als Verlust festgestellt wird, muss schließlich irgendwann mal da gewesen sein, in graduellen Abstufungen für manche mehr, für manche eben weniger.

Judith Schalansky

Judith Schalansky (Foto: Jürgen Bauer / Suhrkamp Verlag)

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Lesung: Jürgen Grässlin, mit Worten erfolgreich gegen Waffen.

„Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ und mit ihm eng verbunden ist auch Rüstungsgegner Jürgen Grässlin. Der Grimme-Preisträger liest am Donnerstag im Rahmen der Entwicklungspolitischen Tage im IKUWO.

Jürgen Grässlin, 59 Jahre alt, gilt als der profilierteste Rüstungsgegner und Friedensaktivist Deutschlands. In seinen Büchern „Schwarzbuch Waffenhandel“ und „Netzwerk des Todes“ beschreibt der Initiator der „Aktion Aufschrei — Stoppt den Waffenhandel!“ den Aufstieg der Bundesrepublik zum drittgrößten Rüstungsexporteur der Welt und recherchierte die Verwicklungen von Rüstungsindustrie und Kontrollbehörden bei illegalem Waffenhandel. Das Geschäft floriert und wider dem nach außen getragenen, ethischen Schein werden auch Geschäfte mit Staaten in Mittelamerika, Nordafrika und im Nahen Osten gemacht, in denen gravierende Menschenrechtsverletzungen nicht ungewöhnlich sind.

juergen graesslin entwicklungspolitische tage Angesichts der großen Zahl an Geflüchteten aus diesen Regionen bekommt dieser Hintergrund noch eine zusätzliche Brisanz. Welche Folgen hat all das für die Menschen in Ländern des globalen Südens und gibt es Handlungsspielräume aufseiten unserer Zivilgesellschaft? Unter anderem diese Fragen sollen im Anschluss an die Lesung diskutiert werden.

„Auch Mecklenburg-Vopommern ist an fragwürdigen Waffengeschäften beteiligt. So baut die Peenewerft in Wolgast bis zu 146 Patrouillenboote für Saudi-Arabien. Wir erwarten, dass aus unserem Bundesland keinerlei Kriegsgüter in Staaten exportiert werden, von denen Menschenrechtsverletzungen und völkerrechtswidrige Kriegshandlungen ausgehen“, sagt Alexis Schwartz vom Ökohaus Rostock, einem Verein des landesweiten Organisationsnetzwerks der Entwicklungspolitischen Tage, über seine Motivation, Grässlin einzuladen und die Ergebnisse seiner Recherchen hierzulande bekannter zu machen.

Jürgen Grässlin recherchiert seit Jahrzehnten zur deutschen Rüstungsindustrie. Der mit der Ehrendoktorwürde der Università del bene comune bei Verona geehrte Realschullehrer wurde für sein Engagement mit dem Aachener Friedenspreis, dem Grimme-Preis und zuletzt in diesem Jahr mit dem Stuttgarter Friedenspreis ausgezeichnet.

Die 16. Entwicklungspolitischen Tage finden im November 2016 statt und nähern sich in Greifswald bis zum Ende des Monats mit insgesamt 24 Veranstaltungen dem diesjährigen Thema „Krieg und Frieden“ an. 

Fakten: 03.11. | 20 Uhr | IKUWO

Lesung: Abwärts!

Zwei Tage vor der Landtagswahl lädt das Fallada-Haus zu einer politischen Lesung der Literaturzeitschrift Abwärts! ein.

Literatur muss kein zeitlos schöner Sinnentwurfslieferant sein, sondern kann sich auch aktuell, direkt, kritisch und politisch auf die Gegenwart beziehen. „Heiß“ soll sie sein, wie es in den Worten der Einladung zu der politischen Lesung heißt. Vorgetragen werden dort Texte des Berliner Herausgeberinnen-Kollektivs der Literaturzeitschrift Abwärts!, das aus Katja Horn, Robert Mießner, Bert Papenfuß, Alexander Pehlemann, Kai Pohl, Stefan Ret, Kristin Schulz, Hugo Velarde und Karsten Wildanger besteht.

lesung abwaerts greifswald

Die derzeitigen politischen Entwicklungen seien beängstigend. Gegen das Erstarken rechter Positionen müsse ein Zeichen gesetzt werden. Und noch eins. Und noch eins. Auch in der Kunst. Anlässlich der anstehenden Landtagswahlen bringt das Herausgeberinnen-Kollektiv ein Sonderheft zum Thema AfD heraus. In der Hoffnung, der AfD wenigstens „das ein oder andere Prozent abzuluchsen“, versammeln die Autoren in ihrer Septemberausgabe „Pamphlete, Kommentare, Tiraden, Essays, Gedichte, Karikaturen und andere Explosivstoffe“. Es liest Christiane Kiesow.

Fakten: 02.09. | 20 Uhr | Fallada-Haus (Steinstr. 48) | frei

Hidden Track mit Jochen Distelmeyer: „Otis“

Mit Jochen Distelmeyer kommt am Donnerstag der dritte Absolvent der inzwischen abgerissenen Hamburger Schule innerhalb weniger Wochen für eine Lesung nach Greifswald.

Wenn etwas mehr Einigkeit herrschen würde, hätten die Auftritte diverser Künstler den Charme eines über mehrere Wochen gestreckten Klassentreffens: Konnte man Anfang Juni noch Kristof Schreuf (Kolossale Jugend) im IKUWO erleben, der dort die Ausführungen des Autors Thomas Ebermann über Firmenhymnen musikalisch begleitete, redete sich Schorsch Kamerum (Die Goldenden Zitronen) am vorletzten Freitag im Koeppenhaus um Kopf und Kragenweite. Für diesen Donnerstag steht Jochen Distelmeyer (Blumfeld) auf dem Programm, der mit einer musikalischen Lesung seines Romans Otis den Hidden Track zu einem wissenschaftlichen Workshop abliefern und ihn mit den Songs seines aktuellen (Cover-)Albums Songs from the Bottom Vol. 1 anreichern wird.

jochen distelmeyer blumfeld greifswald

(Foto: Christian Kadluba, Wikimedia, 2009)

Für Jochen Distelmeyer wird das nicht der erste Auftritt in der Hansestadt werden. Der Sänger der inzwischen aufgelösten Band Blumfeld spielte bereits 1999 auf dem „Festival gegen Rassismus“ auf dem Greifswalder Marktplatz — damals, vor mehr als siebzehn Jahren, übrigens unter anderem zusammen mit Tocotronic und Tomte. Den Rahmen des diesjährigen Konzerts bildet der in diesem Jahr in dritter Auflage stattfindende Workshop „Schreibweisen der Gegenwart“ von Professor Eckhard Schumacher, der die Frage aufwirft, wie im literarischen Schreiben Gegenwart dargestellt, reflektiert, produziert wird. 

Es wird empfohlen, sich im Vorfeld für den Abend mit Jochen Distelmeyer per E-Mail (elias.kreuzmair[at]uni-greifswald.de) anzumelden, um die Chance auf einen Sitzplatz wahrnehmen zu können.

Fakten: 07.07. | 18 Uhr | Brasserie Hermann

Lesung: Andrea Röpke über Rechtsextremismus in Mecklenburg-Vorpommern

In ihrem Buch Gefährlich verankert analysierte Rechtsextremismusexpertin Andrea Röpke im vergangenen Jahr die vielen Facetten rechtsextremer Strömungen in Mecklenburg-Vorpommern. Am Donnerstag wird die Autorin das Buch im St. Spiritus vorstellen und ihre Befunde diskutieren.

Die durch ihren regionalen Fokus einzigartige Analyse Gefährlich verankert – Rechtsextreme Graswurzelarbeit, Strategien und neue Netzwerke in Mecklenburg-Vorpommern gibt einen differenzierten Überblick über unterschiedliche Milieus und soziale Gruppen mit rechtsextremen Bezügen und Verbindungen, die von Bürgerwehren und Rockern über Siedlergemeinschaften bis zu Autonomen Nationalisten reichen. In dem Buch tauchen auch mehrere Vorfälle, Personen und Strukturen aus Greifswald auf.

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Buchvorstellung mit Angela Marquardt und Roland Jahn: „Vater, Mutter, Stasi – Mein Leben im Netz des Überwachungsstaates“

Die Stasi machte auf der Suche nach geeigneten Spitzeln selbst vor Kindern und Jugendlichen nicht Halt. Eines der prominentesten Opfer dieser Anwerbungspraxis ist die in Greifswald aufgewachsene Angela Marquardt. Sie hat ein Buch über dieses Kapitel ihres Lebens geschrieben, dass sie am Freitag im Koeppenhaus vorstellen wird.

Angela Marquardt legte in den Neunziger Jahren eine politische Blitzkarriere hin: Mit nicht einmal zwanzig Lebensjahren wurde die junge Punkerin überraschend in den Bundesvorstand der PDS gewählt; mit 23 Jahren folgte der stellvertretende Parteivorsitz. Kurz darauf gelang ihr der Einzug in den Bundestag, wo sie für die Dauer der Legislatur Mitglied der damaligen PDS-Fraktion war, ehe sie die Partei verließ und sich der SPD zuwandte.

angela marquardt mutter vati stasi

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