Kurze Wege, lange Nächte – das Greifswalder Wochenende im Überblick #21

Junge Menschen haben das Reden satt  / über Millionen Probleme, die jeder hat / sie tanzen durch die Nacht ins Licht der Liebe hinein / junge Menschen wollen alleine sein / junge Menschen werden erzogen / junge Menschen sind sehr skeptisch / gegenüber Mythen und Drogen / junge Menschen sagen ich will Spaß, junge Menschen wagen dies und das / fahren Auto und begegnen sich zu Fuß / junge Menschen geben dem Schicksal Interviews*

kurze wege lange naechteDas Wochenende hat mannigfaltige Zerstreuungsangebote für viele anzubieten — Queers und Querulanten, technoide Zeitreisende und Fastfood-Verweigerer, Mindfuckers und Schmachtpopfanatikerinnen können auf ihre Kosten kommen. Eine unvollständige Übersicht. „Kurze Wege, lange Nächte – das Greifswalder Wochenende im Überblick #21“ weiterlesen

Kurze Wege, lange Nächte – das Greifswalder Wochenende im Überblick #15

Selbst wenn wir beisammen sitzen / in unserem Lieblingsbrauereilokal / dann sollten wir wissen / daß mit jedem Bissen / den wir wie von Sinnen / nahezu herunterschlingen / ehe wir uns versehen / unser Stolz und unsere Würde verloren gehen / und die Alltäglichkeit / die man uns jederzeit / aus vollen Fässern zapft / macht uns nicht mehr betrunken / sondern vielmehr bewußt / daß das Unglück überall zurückgeschlagen werden muß.

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TANZTENDENZEN: WEICHE LANDUNG UND DIE STRATEGIE DES SCHEITERNS

Das Wochenende beginnt hochkulturell mit dem Abschluss der Tanztendenzen, dem Greifswalder Festival für zeitgenössischen Tanz. Angekündigt wird eine Doppelveranstaltung mit dem deutsch-australischen Projekt battleROYAL und den Franzosen Collectif 2 Temps 3 Mouvement, das HipHop, Tanz und Zirkus verbindet.

BattleROYAL zeigen bereits in ihrem etwas älteren Trailer, was für eine beeindruckende und marionettenhafte Performance sich hinter dem angekündigten Soft Landing verbirgt, unbedingt ansehen!

Video (01:35)
[youtube L1dwMHlPcf8]

Eintrittskarten für die Veranstaltung gibt es im Theater beziehungsweise auch über den eigenen Online-Shop des Hauses.

Fakten: 4.11. | 20 Uhr | Theater Vorpommern (großes Haus) |  15,5 / 10,5 EUR (erm.)

KABUTZE: ELECTRO S[E]WING

Die Kabutze feiert mit einer Woche Verspätung den ersten Geburtstag. Die offene Nähwerkstatt wird heute Nacht deswegen in eine Schwarzlichthöhle verwandelt. An den Decks werden Hannah und The Schaule Solo stehen und alle Feierwütigen mit Elektro und E-Swing bombardieren. Happy Birthday!

kabutze elektro

Fakten: 04.11. | 22 Uhr | Kabutze | Spende (~3 EUR)

KLEX: WO DIE FORELLEN FRIEDEN FINDEN „Kurze Wege, lange Nächte – das Greifswalder Wochenende im Überblick #15“ weiterlesen

Die Alte Chemie: Ein Nachruf

Ein Gastbeitrag von Vincent Stoa

Als ich Ende November letzten Jahres die Berichte über die polizeiliche Ermittlung zum Großbrand in der Alten Chemie las, fühlte ich mich seltsam beklommen – als wären Fremde für eine Hausdurchsuchung in meine Wohnung eingedrungen, als hätten sie meine Habseligkeiten durchgekramt, zerwühlt, besudelt. Nachdem das Institut über ein Jahr lang schon fast ein Zuhause für mich war, fühlte ich mich plötzlich obdachlos.

KONTAMINIERTE TRAUMFETZEN

Wir lernten uns vor ziemlich genau zwei Jahren an einem verlotterten Tag in den Semesterferien kennen. Sie war seit drei Jahren, als sie von der kleinen Glasbläserei im Erdgeschoss verlassen wurde, Single. Vom Alleinsein gekennzeichnet: Verwahrlost, staubig, und ziemlich übel riechend.

Zusammen mit einem Freund nahm ich mich ihrer an: Mit Taschenlampe und Klemmbrett bewaffnet, streiften wir durch die gut zweihundert Zimmer (vorwiegend Labore und Büroräume, zu großen Teilen immer noch möbliert), lüfteten, wo es nötig war, und kartografierten das riesige, labyrinthhafte Gebäude Flügel für Flügel, Etage für Etage. Mein kleiner toter Garten. Reagenzgläser, Lehrposter, eingelegte Tiere. Wir fuhren beim leisesten Knacken zusammen, erschreckten uns ständig vor dem Geräusch unserer eigenen Schritte. Noch heute spielt die Hälfte meiner Träume in den Gemäuern der alten Chemie.

Für uns war es nicht nur einfach ein leerstehendes Unigebäude: Es war eine überdachte Geisterstadt, ein mehrstöckiges Kuriositätenkabinett, ein kafkaesker Albtraum. Hier hätten ohne Weiteres der eine oder andere David-Lynch-Film oder auch Fight Club gedreht werden können.

Anders als die Uni behauptete, war das Gebäude übrigens (zumindest anfangs) keineswegs vom Stromnetz genommen. Die Steckdosen funktionierten ausnahmslos, im Institutsfahrstuhl brannte gar rund um die Uhr das Licht. Sogar fließend Wasser gab es, in dem Villenflügel des Gebäudes gar ein komplett eingerichtetes Schlafzimmer: Das Institut wäre als Wohnung durchaus geeignet gewesen – vorausgesetzt, man hätte sich mit der bedrückenden, morbiden Atmosphäre arrangieren können.

PICKNICK IM ZENIT DER POSTMODERNE

Viele Monate lang war das Institut unser Ein und Alles. Wir nahmen nichts mit, wir beschädigten nichts, aber wir gestalteten unser neues Zuhause nach Herzenslust. Aus den vielen herrenlosen Schrankwänden bauten wir ein Labyrinth. Wir richteten ein gemütliches Wohnzimmer ein, bastelten absurde Skulpturen aus altem Laborzubehör, stöberten in den immensen Beständen an Büchern, biologischen Modellen und eingelegten Tieren. Wir machten Fotos und gaben Freunden Führungen. Zu Ostern nutzten wir die riesigen Laborräume als Versteck für Osternester.

Im Dezember 2009, fast ein Jahr vor dem Brand, luden wir zu einem vorweihnachtlichen Picknick in das inzwischen bitterkalte Institut ein. Forellenfriedhof überlaut nannten wir den Abend, in Anlehnung an ein dadaistisches Gedicht. Ein vornehm gekleideter Herr mit Zylinder fragte die Gäste nach dem Passwort – Fidelio – und geleitete sie sodann in den festlich geschmückten Salon. Ein mitgebrachter Backgrill sorgte für ein Minimum an Wärme. Man trank Wein, las sich gegenseitig Gedichte vor, spielte Gitarre, tanzte, aß, irrte durch das Labyrinth. „Die Alte Chemie: Ein Nachruf“ weiterlesen