Festgehalten: art-cube macht die Türen zu

Sanglos — aber keineswegs klanglos — verabschiedete sich am Freitagabend der Kunstverein art-cube von seinem zwischengenutzten Domizil in der Langen Straße. Etwa 40 Leute wohnten den wohlig-dronigen Klangkulissen bei, die Huey Walker und Bassbees durch den nebelgefluteten Raum wabern ließen. Art-cube hat das Licht nun ausgemacht, bleibt aber trotzdem umtriebig. Geplant sind vorerst auswärtige Ausstellungen und eine Kooperation mit der Alten Bäckerei.

"WestendActionParty - one colour dress only" im art-cube

Festgehalten: Schaufensterschau

Am vergangenen Sonnabend wurden die Arbeiten präsentiert, die im Rahmen der Schaufensterschau entstanden sind. Künstlerinnen lungerten vor ihren Ausstellungsorten herum und spendierten Sekt, man schlurfte im Dunkel des frühen Abends ums Eck und trudelte schlussendlich bei Polly Faber ein, wo Huey Walker und Bassbees bereits mit einer Klangperformance im Anschlag auf die Besucher warteten. Dufte!

Man muss sehr genau hinschauen, um Stefanie Schroeders gentrifizierungskritische Arbeit zu erkennen.

Die Werke verweilen zum Teil noch mehrere Wochen in den Schaufenstern und sollten unbedingt in Augenschein genommen werden.

Schaufensterkunstprojekt beginnt

Gestern begann das Schaufensterschau-Projekt, das gemeinsam vom Quartiersbüro Fleischervorstadt und dem Kunstverein Polly Faber organisiert wurde. Im Vorfeld wurden hierfür sechs Aufenthaltsstipendien für Künstlerinnen aus den Bereichen Grafik, Malerei, Skulptur, Video und Installation ausgeschrieben.  

Die gekürten Stipendiaten sind Stefanie Schroeder, Matthias Geisler, Cindy Schmid, Lydia Wahrig, Kristina Jurotschkin und Diego Vivanco. Sie sollen nun in einem möglichst öffentlichen Prozess bis zum 6. Oktober sechs leerstehende Schaufenster bespielen. Dann wird ab 18 Uhr an allen beteiligten Orten eine gemeinsame Besichtigung stattfinden.

schaufenster greifswald(Karte: Quartiersbüro)

Am 3. Oktober findet von 10-13 Uhr ein öffentlicher Brunch bei Polly Faber statt, zu dem alle Interessierte eingeladen sind. Dort wird man dann unter anderem die beteiligten Künstlerinnen sowie die Organisatoren des Projekts treffen und kennenlernen können. Das gemeinsame Frühstück wird von der Jazz-Band K-Kubik musikalisch begleitet.

Parallel zu den sechs bildenden Künstlern, die diese Woche in den Schaufenstern malochen werden, erstellt Wunderwutzi Huey Walker ein loses Musikkonzept, dessen Entstehung dokumentiert und al Mini-CD-Edition festgehalten werden soll. Das Ergebnis präsentiert der DJ, Radiomoderator und Musiker dann ebenfalls am 6. Oktober im Rahmen einer Klangperformance bei Polly Faber.

Die Entwicklung dieses Seitenprojekts kann in Walkers Mitleseangebot, einem für die Schaufensterschau eingerichteten Tumblr-Blog, nachvollzogen werden. Neugierige erfahren dann hier den aktuellesten Schwank, vom Drone-Kollegen Stephan bis zur Druckertintenallergie.

Die Standorte der Schaufenster befinden sich in der Gützkower Straße, der Wiesenstraße, in der Langen Reihe und bei Polly Faber (Bahnhofstraße); sie sind auf der eingebundenen Karte verzeichnet.

Pop am Wochenende: Lumières Claires – “Please Don’t Focus On My Mistakes. Please Don’t Focus On My Mistakes. Reworks”

von Ferdinand Fantastilius

Es gibt Menschen, die rechnen die Produktionszeit ihrer Musik in Stunden, manchmal schon nur Minuten. Und es gibt Menschen, die schrauben Wochen, Monate, Jahre an der Entstehung ihrer Kunstwerke. Beiden — egal also, ob funktionalmusikalisch fokussierter Beatbastelei oder sogenannt analoger, inniger Ewigtüftelei — liegt das Potential zum Zweifeln und zum Scheitern inne.

MUT ZUM KREATIVEN MAKEL, ODER: FEHLER ALS ANTRIEB

Die Patternschrauber schieben Stunde um Stunde an Effektknöpfen und Filterleveln umher, die Leute mit den echten Instrumenten sinnieren, jammen, eruieren und skizzieren nächtelang am vermeintlich perfekten Song. Und doch will es manchmal nicht gelingen. Irgendwas läuft krumm und schief, es schnurrt und groovt nicht, man kommt nicht richtig rauf auf den Gaul des genial-elementaren Daueraugenblicks — die eigene Idee, die sich im Kopf als zielführende Vision in Form eines anmutigen Einhorns festgesetzt hat, entpuppt sich als lahmer Esel, müde stolpernd, sturhufig herumeiernd, nach einer schöpferischen Rast japsend.

Lumières Claires: ihre Musik ist “Frucht von gesunder Bescheidenheit und nährenden Selbstzweifeln."

Alle Arten kreativer Odysseen unterliegen letztlich dieser Möglichkeit zum musischen Schiffbruch. Jedoch, dies sind nicht etwa Fehler in irgendeinem System, es ist nichts Falsches daran — es sind die steinernen Hürden, die einen immer irgendwie weitermachen, weiterwuchten, ja manchmal weiterwüten lassen. Und hieraus entstehen sie: die glanzvollen Lichtmomente im Alltag der Irgendwiekunstschaffenden.

HINGABE AN DAS SCHÖNE IM SCHEITERN

Mit dem Leuchten und den vermeintlichen Fehlern beschäftigen sich auch die Lumières Claires. Im Januar 2009 veröffentlichte das lichtvoll benannte Folk-Duo aus Greifswald/Hamburg sein Album Please Don’t Focus On My Mistakes. Please Don’t Focus On My Mistakes. Die darauf enthaltenen zehn Stücke waren das Resultat mehrer Herbste, die böig ins hiesige Flachland fielen. Die Songs durften über Jahre reifen. Man hatte nebenbei schließlich auch andere Dinge zu tun — Studium, Nachtleben, Saufen, maulgusseiserne Hufbeschlagung der eigenen Adoleszenz, all sowas. In kompletter Eigenregie wurden daheim die wildesten Kabelsalate aufgebaut, um alle Instrumente mit genau diesem Sound aufzunehmen, den die Lumières im Sinn hatten. Hölzern sollte es sein, das oft bemühte Wort der “Knarzigkeit” kann man hier ins Feld führen. Knarzig im Sinne des Geräusches von arbeitendem Holz, wie das Gebälk der Greifswalder Laubenwohnung, in der die Aufnahmen stattfanden. Fehler – wie sie im Albumnamen, mit der Bitte, sich nicht auf sie zu fokussieren, genannt sind – waren, bei allem Perfektionismus, immer immanent und niemals verschwiegen. Gerade die menschgemachten Verschiebungen, Unreinheiten und minimalen Taktausfälle sind es doch, die der Musik ihr Leben geben.

lumieres claires kabel

(Foto: Nico Schruhl)

Die Lumières Claires beschäftigen sich jedoch nicht nur mit Fehlerhaftem beziehungsweise charmantem Stolpern auf musikalischer Ebene – ihre Lieder sind Ausdrücke einer Hingabe an das Schöne im Scheitern, an all die Ungeschicktheiten im Zwischenmenschlichen. Ihre Lieder geben ungesagten und bereuten Worten, zerstreuten Küchentisch-Briefen von der eigenen Ich-Insel, einen musikalischen Umschlag. Im selbst gefertigten Siebdruck-Cover visualisierte sich das als Sprechblasen, die sich gegenüberstehen, jedoch auch kreuzen, überschneiden, ineinander versinken, sich Stücke von Erinnerung in ihrer Dopplung wiederholbar machen – mit allen impliziten Fehlern. Der Titel ihres Albums deutet es schon an: ihre Musik ist “Frucht von gesunder Bescheidenheit und nährenden Selbstzweifeln”, wie es in einer Rezension heißt, die unter dem Titel Fehler richtig machen in der Kulturzeitschrift PNG – Persona Non Grata erschien. Die Lumières Claires sind Leuchtende und keine Blender.

FEHLER RICHTIG REINTERPRETIEREN

Nico Schruhl und Christin Schalko feiern die Fehler eben, wie sie fallen. In der Liedfolge des Originals werden die zehn Stücke des Albums nun, drei Jahre später, als Neuinterpretationen auf dem Album Please Don’t Focus On My Mistakes. Please Don’t Focus On My Mistakes. Reworks veröffentlicht. “Pop am Wochenende: Lumières Claires – “Please Don’t Focus On My Mistakes. Please Don’t Focus On My Mistakes. Reworks”” weiterlesen

Kurze Wege, lange Nächte – das Greifswalder Wochenende im Überblick #11

“So stehen wir vor den Himmelstoren / doch alles schweigt und unser Pochen bleibt ergebnislos / Wir wollten gerade wieder gehen / doch dann kam Lärm aus diesem zwielichtigen Kellerloch / Wir sehen das glühend rote Licht / das unterirdisch flackernd ist / die größte Party der Geschichte / ist scheinbar ohne uns in Gang”

kurze wege lange nächte 11Dieses Wochenende wird von der stadtweiten Kulturnacht dominiert, die nun zum neunten Mal stattfindet und eine Vielzahl von Veranstaltungen offeriert. Besondere Aufmerksamkeit sollte man dabei zwei Veranstaltungen zuteil werden lassen, die auf diametrale Arten mit dem Internet verwoben sind: Franziska Harnisch eröffnet eine Ausstellung, in der sie ihre prokrastinative Facebook-Welt auf die Leinwand hievt, während Huey Walker auf der anderen Gegenfahrbahn einen Ambient-Stream anzettelt und diesen ins Netz jagt.

“R.L. SOLL MAN K.”: VERNISSAGE IN DER NEUEN WIRKSTATT

franziska harnischR. L. soll man k. lautet der Titel, unter dem sich die Greifswalder Kunststudentin Franziska Harnisch mit Fragen von Repräsentation, Privatsphäre und Geschlecht auseinandersetzte. Ihre Arbeitsthese: “Frauen, die Lippenstift tragen, wollen damit nur auf ihre Vagina hinweisen”. Diese Ausstellung soll bereits in den vergangenen Monaten für Zündstoff gesorgt haben.

Die Vernissage wird von einer Lesung des hiesigen Autorens Jürgen Landt begleitet. Mit der Ausstellung wird in den Räumlichkeiten des früheren Malorts die sogenannte Wirkstatt eröffnet.

Fakten:
16.09. | 18 Uhr (Vernissage) | Wirkstatt (Gützkower Str. 83)
16.09. | 20 Uhr (Lesung) | Wirkstatt

Hinweis: In einer früheren Version des Beitrags ging es um eine andere Ausstellung Harnischs, die sich tatsächlich mit den Facebook-Profilbildern auseinandersetzte. Bild und Text wurden verändert.

IMMER IN BEWEGUNG: HUEY WALKER

Genau entgegengesetzt agiert Wunderwuzzi Huey Walker aka Lofi Deluxe aka Fantaghiro Konto, der sich schon am Nachmittag im entschleunigten Ruheraum der Alten Bäckerei einnistet und die aus der behaglichen Abgeschiedenheit herauswachsende Soundkulisse in einen Live-Online-Stream verwandelt.

huey walker cover“Über mehrere Stunden werden Huey und seine Instrumente sich in kontemplativer Einheit üben und in spontanen Rückkopplungen zwischen Mensch und Maschinen ein mehrstündiges Konzert zwischen Ambientmusik, Klangcollage und Geräuschgerumpel spielen.

Mit Loopmachine und Effektschleifen erzeugt Huey Walker ein ausgedehntes Klangland, in dem die Töne mal wild und Haken schlagend in der Gegend herumtollen, mal beharrlich in sich selbst verweilen und als cosmic drone in den Eigendynamiken der schwingenden Frequenzen mäandern.”

Walker wird aus diesen Aufnahmen die Mini-CD Abeamsentpets herausschälen, die kurz darauf veröffentlicht werden soll. Die Performance, die er selbst in der Bewegungsreihe der Alten Bäckerei verortet, findet im Schaufenster des Kunstraums statt. Für diesen Aufruhr gibt es sogar einen Videotrailer.

Der Live-Stream des Konzert wird ab 17 Uhr auf der Website des Künstlers realisiert und kann dort später auch heruntergeladen werden.

Fakten: 16.09. | 17 Uhr | Alte Bäckerei

FRÜH INS BETT: KULTURNACHT

Zur neunten Kulturnacht öffnen nicht weniger als 37 Veranstaltungsorte ihre Türen und bieten die unterschiedlichsten Bildungs- und Zerstreuungsofferten an. Die reichen vom noch immer musizierenden Puhdys-Nachwuchs Bell, Book and Candle (“Rescue me”) über die klassische Kneipen-Blues-Band bis zum Kammerchorkonzert im Dom.

Außerdem werden Vorträge, Führungen, Ausstellungen und Lesungen angeboten, zum Beispiel im Erotikfachgeschäft Sarabande, das wie schon im letzten Jahr mit von der Partie ist und wo heute Abend die Kurzgeschichtensammlung Sexlibris vorgestellt wird. Die Geschichten der 30 Autorinnen malen um ein vielfältiges Bild von Erotik und Sexualität, es geht um “verbotene Begierden, Voyeurismus, Transvestiten, Telefonsex, lesbische Beziehungen, Bondage und  käufliche Liebe”.

kulturnacht greifswaldIn den Insomnale-Hallen am Bahnhof entgrenzen ab 18 Uhr die Kunstfreundinnen von Polly Faber den beschränkten Kosmos beliebter Gesellschaftsspiele. Tangoliebhaber kommen im Koeppen auf ihre Kosten, wo sich die Freunde des vollen Mondes ihrer Leidenschaft für sowohl klassisch-argentinische als auch melancholische Spielarten finnischer Schule hingeben werden.

Im Ravic geben sich traditionsgemäß die Hanselunken die Ehre und in der Museumswerft spielen ab 20.30 Uhr Pergünth. Für den Tanz danach sorgen dort die beiden DJs Horst e. und Mr. Burns.  Um Mitternacht wird das Spektakel an den meisten Orten vorüber sein, allerdings nicht in der Kulturbar, wo Silvio Marquardt noch in die Platten greifen wird.

Es ist viel los und irgendwie ist gleichzeitig alles verschlafen — wer gerne etwas später ins Bett geht und nicht auf Hardcore steht, wird sich an diesem Wochenende womöglich langweilen, bis die Beine bluten.